Kunst am Unort

Für viele ist das Steinenbachgässlein immer noch ein klassischer Unort. Es ist eine Gasse, in der die Häuser einem konsequent ihre Rückseite zuwenden. Zwielichtige Gestalten erwartet man dort und man meidet es – leider. Denn es gäbe einiges zu sehen.

(Bild: Françoise Theis)

Für viele ist das Steinenbachgässlein, eingeklemmt zwischen der belebten Steinenvorstadt und der hoch über ihm liegenden Kohlenberggasse, immer noch ein klassischer Unort. Es ist eine Gasse, in der die Häuser einem konsequent ihre Rückseite zuwenden. Zwielichtige Gestalten erwartet man dort und man meidet es – leider. Denn es gäbe einiges zu sehen.

Vom Barfi her kommend, sagt einem die Trompe-l’Œil-Wandmalerei am Eingang des Steinenbachgässleins eigentlich schon alles: Geschickt so am linken Eckhaus angebracht, dass sie als Ergänzung der rechten Fassade funktioniert. Ihre Botschaft: Ende des Durchgangs, hier geht es nicht weiter!

Geht man trotzdem hinein, so merkt man bald, dass die kunterbunt gesetzten Tags, die man hier erwartet, schon länger verschwunden sind. Auf beiden Seiten der Gasse sind grosse Street Art-Bilder virtuos gesprayt. Linker Hand ziert ein Auftragswerk von «Joe & Tarek» aus dem Jahr 2002 die Aussenmauer des Restaurants «Kelim». Rechts erstreckt sich über zig Meter ein erzählerisches Werk von «art4000.ch». Auf der Rückseite des Gebäudes der IWB porträtieren sie etwa die Erfinder der Glühlampe oder des Gasmotors und unterlegen diese Ahnengalerie mit assoziativem Bildmaterial zu verschiedenen Energiequellen.

Beim Weitergehen begleitet dann bald ein Fries, das sich über die ganze Länge der Rückseite der Berufsfachschule erstreckt, den weiteren Gang durchs Steinenbachgässlein. In Blau auf weissem Grund gehalten und auf der Höhe des ersten Stocks angebracht, wirkt es nüchtern und unspektakulär. In einem Email-Siebdruckverfahren hat das Basler Künstlerpaar copa & sordes auf ein Standard-Baufassadenglas ein verspieltes Ornament drucken lassen. Das gewählte Blau ist kulturübergreifend gewählt und evoziert Erinnerungen an azulejos aus Portugal oder Spanien, die von maurischen Fliesenmosaiken beeinflusst sind, und lässt auch an Delfter oder chinesischen Porzellan denken. Kobaltblau wurde schon in vorchristlichen Kulturen verwendet, hat eine hohe Brillanz und ist beständig gegen Licht, Hitze und die meisten Säuren.

Ironischer Kitsch

Das von copa & sordes gewählte Motiv wird stoisch über die ganze Länge der Fassadenrückseite wiederholt und betont die sich repetierenden, nüchternen Strukturen des Baus. Inhaltlich alles andere als nüchtern ist jedoch das fein gezeichnete Motiv selbst. Hauptakteure sind ein Skater und ein Rollerblader, die als Puti mit wehendem Lockenhaar von Arabesken umrankt elegant dahin schweben und die vordergründige Symmetrie brechen. Ihrer coolen Kleidung entledigt, wirken sie feminin und verletzlich, sodass Velohelme und Ellbogenschoner ihre makellosen Körper schützen müssen. Die zentrale Kartusche, in Barock und Renaissance mit Porträts, Texten oder Wappen besetzt oder oft auch leer gelassen, ist auch im Fries von copa & sordes unbesetzt.

«LEERE AESTHETIK» prangt wiederholend über der als Früchtekranz angelegten Kartusche, aus der verschiedene, heute schon anachronistisch anmutende Handymodelle hervorblitzen. Es ist hart zu sehen, wie in der «ewigen», zeitlosen ornamentalen Ästhetik von Blumen-, Blätter- und Früchteverzierungen Handymodelle aus dem Jahr 2005 zu Schrott werden.

Kunstinteressierte Halbstarke

Den Titel des Werkes kann man sowohl als «leere Ästhetik» als auch als «Leere und Ästhetik» lesen. Ironie paart sich hier mit Selbstironie. Bei so viel Ordnung vermisst man plötzlich doch vielleicht ein paar Tags, die fast schon traditionell das Steinenbachgässlein verzierten oder verunstalteten, je nach Blickwinkel.

Doch das Gässlein fristet weiter ein Schattendasein, obwohl es unterdessen «sauberer» geworden ist. Begegnen kann man dort jungen Halbstarken, die zwar cool tun, doch durchaus freundlich und kompetent Auskunft über Tesla, Edison und Konsorten im Streetart-Bild von art4000 geben.

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