Kunst in Zeiten der Digitalisierung: Eine Datenflut-Romanze

Wir leben im digitalen Zeitalter, aber wie drückt sich das eigentlich aus? Ein interdisziplinäres Kunstprojekt hat sich Gedanken über die Datengesellschaft gemacht und stellt im HeK (Haus der elektronischen Künste Basel) Arbeiten zum Thema Big Data aus.

Big Data anschaulich gemacht: Kakophonischer Wandteppich «Hello World!» von Christopher Baker. (Bild: Daniela Gschweng)

Wir leben im digitalen Zeitalter, aber wie drückt sich das eigentlich aus? Ein interdisziplinäres Kunstprojekt hat sich Gedanken über die Datengesellschaft gemacht und stellt im HeK unter dem Titel «Poetics and Politics of Data» Arbeiten zum Thema Big Data aus.

Sehr anschaulich und teilweise erstaunlich technisch haben sich 14 Künstler und Künsterinnen mit der globalen Datenflut auseinandergesetzt. Gleich im Eingangsbereich des HeK (Haus der elektronischen Künste Basel) hat Christopher Baker mit der Multimedia-Installation «Hello World» einen kakophonischen, digitalen Wandteppich geschaffen, in dem er Tausende digitaler Tagebuch-Videos aus dem Internet zusammengestellt hat. Was das mit Datenmenge und Individualität zu tun hat, versteht man sofort.

Utopie oder Dystopie?

Ohne Weiteres einleuchtend ist auch die Videoarbeit «Life is good for now» von Bernd Hopfengärtner und Ludwig Zeller, die im Auftrag des Schweizerischen Zentrums für Technologiefolgenabschätzung vier denkbare Szenarien für die Verwendung von Gesundheitsdaten erarbeitet hat. Ob dies nun Utopie oder Dystopie ist, weiss man nach dem Anschauen nicht so recht. In dem etwa 15 Minuten langen Video geht es um Individuen als Datenfarmen, die Rolle medizinischer Daten bei grossen Lebensentscheidungen oder den Umbau der Schweizer Réduits in Datencenter, was zum Teil beklemmend, teilweise aber fast komisch ist.

Das digitale Selbst und verräterische Geodaten

Bei anderen Arbeiten muss man ein wenig näher hinsehen. Etwa auf die verschiedenen Mobilgeräte von «Air on the Go», auf denen die Künstlerin Kristin Lucas gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven dabei zu sehen ist, wie sie durch eine amerikanische Vorortsiedlung spaziert.

Filmte sich selbst aus mehreren Perspektiven: «Air on the Go» von Kristin Lucas.

Filmte sich selbst aus mehreren Perspektiven: «Air on the Go» von Kristin Lucas. (Bild: Vincianne Verguethen)

Oder in der Foto-Sammelmaschine «Pic me», die Instagram permanent nach dem Hashtag #me durchsucht. Jedem damit versehenen Bild wird sofort der Ort zuordnet, von dem es gesendet wurde. Da entpuppt sich zum Beispiel das Meer, das man zu sehen glaubt, in der Kartenansicht als kleiner Swimmingpool. Die verräterische Ortung kann man abschalten, aber wer macht das schon?

Hackerromanze in acht Bänden

Daten zurück aufs Papier bringt Aaram Barthol, der sich mit «Forgot your Password?»  die Frage nach der Privatspäre und Datensicherheit stellt. Die Hacker-Romanze in acht dicken Bänden enthält, alphabetisch geordnet, 4,7 Millionen gehackte Passwörter aus dem Portal Linkedin.

Hackerromanze in acht Bänden: «Forgot Your Password?» von Aram Bartholl.

Hackerromanze in acht Bänden: «Forgot Your Password?» von Aram Bartholl. (Bild: Daniela Gschweng)

Was die Künstler und Künstlerinnen in der Auseinandersetzung mit dem Thema Datengesellschaft erstellt haben, ist teilweise erstaunlich technisch. Einige Arbeiten wie ein selbststeuerndes Finanzprogramm könnten auch von einer Digitalkonferenz wie der «re:publica» stammen.

Richtig physikalisch wird es hinter den Kulissen, was aber zur Ausstellung gehört. Der Tunnel, der von «fabric|CH» zwischen zwei Rückseiten der Ausstellungs-Stellwände aufgebaut ist, wirkt wie eine Mischung aus Hobbywerkstatt, Ikea und Datencenter. Zur Verwendung kommen einige Recheneinheiten, Bildschirme, mehrere Raspberry PIs und etliche Kabel.

Die Werkstattanordnung ist Ausdruck eines Forschungsprojekts zum Thema Cloud Computing und Datacenter. In dem Rechercheprojekt wird zum Beispiel der Aufbau eines Schweizer Chalets mit dem eines Datencenters verglichen oder die Rolle von Bot-Programmen erforscht.

Als eine unfertige, fortlaufende Datensammlung wird «Poetics and Politics of Data» auch vom HeK verstanden. Die Ausstellung wird ergänzt durch mehrere Workshops zum Thema Big Data und Datengesellschaft.

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Politics and Poetics of Data, Vernissage 28. Mai, 19 Uhr; 
29. Mai bis 30. August 2015, HeK (Haus der elektronischen Künste Basel)
 

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