«Kunst macht man nicht, Kunst passiert»

Robert Walser meets Thomas Schütte – bei einer Lesung von Bruno Ganz in der Fondation Beyeler. Verschiedener könnten die Arbeiten von zwei Künstlern nicht sein. Doch dahinter steckt eine grosse Verwandtschaft.

Der Zürcher Schauspieler Bruno Ganz neben Thomas Schüttes Skulptur «Walser’s Wife». (Bild: Valentin Kimstedt)

Robert Walser meets Thomas Schütte – bei einer Lesung von Bruno Ganz in der Fondation Beyeler. Verschiedener könnten die Arbeiten von zwei Künstlern nicht sein. Doch dahinter steckt eine grosse Verwandtschaft.

Im Rahmen der Thomas Schütte-Ausstellung in der Fondation Beyeler fand eine Lesung mit Prosastücken von Robert Walser statt, ausgeführt durch Bruno Ganz – warum?

Robert Walser (1878–1956) neigt zu Miniaturen, die er in immer kleinerer Bleistiftschrift auf Zettel schreibt, die ihm zufällig in die Hände fallen. Die Skulpturen von Thomas Schütte (*1954) werden Zeit seines Schaffens immer grösser. Die Literatur des einen ist so kauzig, dass man sie zum Teil für unlesbaren Unsinn hielt, während sie heute in Feinschmeckerkreisen als Kultwerk der Moderne gilt. Über die Kunst des anderen wunderte man sich gegenteilig: Kann man denn heutzutage noch solche Figuren machen?

Walser und die Liebe

Die Thomas Schütte-Ausstellung «Figur» in der Fondation Beyeler läuft bis zum 2. Februar 2014. Zur Besprechung der Ausstellung geht es hier.

Ganz offensichtlich haben die Arbeiten von Walser und Schütte eine etwas andere Erscheinungsform. Doch wer sagt, dass jemand etwas Ähnliches tun muss, um Interesse zu erwecken? Fakt ist, das Thomas Schütte in den 70er Jahren Walsers sämtliche Bücher verschlungen hat. Und dass die Ausstellung in der Fondation Beyeler von einer Figur eröffnet wird, die den Titel «Walser’s Wife» trägt. Da lag es der Kuratorin Theodora Vischer nahe, als Begleitung eine Robert Walser-Lesung zu veranstalten. Thomas Schütte war begeistert. Seine Bitte an Bruno Ganz: Er möge doch Liebesgeschichten lesen. Walser und die Liebe, das hat es ihm wohl angetan, und er schuf ihm mit seiner Skulptur die Ehefrau, die der Dichter nie hatte.

Tatsächlich schrieb der abstinente Walser über Zärtlichkeiten, viel sogar. Doch die Küsse seiner Figuren versteckt er reichlich in Worte, etwa wenn sie «hinter verborgenen Verborgenheiten» ausgetauscht werden. Oder wenn zwei Figuren versuchen, ihre Zuneigung in «wirklichkeitsmässige Beziehungen zu setzen». Irgendwie scheint es doch, dass sich da jemand entgegen seinem Ruf mit Küssen sehr genau auskennt. Oder dass er noch nie geküsst hat und sich bis in Äusserste hineinfantasiert. Denn das, was ihm abgeht, das hat er besonders intensiv, so lautet eine von Walsers zentralen Devisen.

Die Eigendynamik des Schreibens

Beides geht. Klar ist in jedem Fall eines: Walser beschreibt nicht ein fertiges Geschehnis, das er im Kopf hat, das sich zugetragen oder das er gelesen hat. Der Text, der unter seinen Händen entsteht, hat eine Eigendynamik. Aus der vorigen Formulierung entspinnt sich die nächste. Worte fallen ihm zu, weil sie ähnlich klingen oder mit einer Assoziation verbunden sind. Ein Satz steht weniger im Gefüge des grossen Ganzen als eher im Zusammenhang mit den Worten, die ihm unmittelbar vorausgehen.

Auf diese Weise kommt es zu Walsers Seltsamkeitsstil, diesem unvergleichlichen Sound, von dem manche sagen: Es walsert. Seine Texte erfreuen sich an der Umständlichkeit und dem Umkreisen des Moments. Sie verweigern sich dem grossen Konzept und der zügigen Durchführung.

Zufälle und Unfälle

Hier gibt es eine Parallele zwischen dem Bildhauer der grossen Figuren und dem Dichter der kleinen Dinge. Auf die Frage, was es mit seinen Figuren auf sich hat (im Ausstellungskatalog findet sich ein grossartiger Fundus an Gesprächen mit dem Künstler), erzählt Thomas Schütte gerne «Geschichtchen», wie es zu den Arbeiten kam. Die Frage nach der Bedeutung von Werken, das ist nicht sein Feld. Eher sagt er: «Es gibt halt Figuren, die sind ein Ausrufezeichen – und es gibt Figuren, die sind ein Fragezeichen.» Im Übrigen spricht er darüber, wie seine Figuren entstanden sind, und zwar meist durch eine Reihe von Zufällen und Unfällen.

Auf diese Weise arbeitet auch Walser. Zufälle, Unfälle, das sind die besten Bezeichnungen für seine Poetik. Indem er mit feinem Gehör dem Prozess nicht im Weg steht, entstehen seine Texte. Und Schütte sagt: «Kunst macht man nicht. Sie passiert.»

Das ist zum einen nur eine Arbeitstechnik. Zum anderen drückt sich darin eine Lebenshaltung aus. «Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart!» lässt Robert Walser seine Romanfigur Simon Tanner ausrufen. Es könnte sein, dass diese Idee auch Thomas Schütte antreibt.

PS: Bruno Ganz liest hervorragend. Er kann den Text spielen, ohne dass es peinlich ist. Sei es die ganze Stimmung eines Prosastücks oder die direkte Rede von einzelnen Figuren, es funktioniert. Das ist eigentlich noch seltener als gutes Theaterspiel.

Konversation

Nächster Artikel