Lena Kiss: Die Erzählkünstlerin

Vom Geheimnishüter zum Geschichtenfundus: Lena Kiss zeigt an der «Regionale» Zeichenkunst, die über sich hinausgeht.

«Kunst ist meine Möglichkeit, Geschichten zu visualisieren»: Lena Kiss. (Bild: Olivier Christe)

Vom Geheimnishüter zum Geschichtenfundus: Lena Kiss zeigt an der «Regionale» Zeichenkunst, die über sich hinausgeht.

«Oh, das war eigentlich nicht so gemeint.» Lena Kiss kniet neben einen Stapel bemalter Bettlaken und faltet sorgfältig die herauslappenden Teile, die übermütige Besucher wohl durchgeschaut haben, wieder in die Schichten zurück. Dann richtet sie sich auf und lächelt. «Man muss nicht immer alles sehen.» 

Zu sehen gibt es bei Kiss trotzdem oder gerade deshalb eine ganze Menge. Zwischen den zeichnerischen Arbeiten der anderen Künstler, die in der Ausstellung «Die zeichnerische Dimension» in der Kunsthalle Palazzo in Liestal ausstellen, stechen die Arbeiten der 27-jährigen Künstlerin durch ihre Andersartigkeit heraus: Eine Decke mit Tonfigur liegt auf dem Boden, daneben eine Säule aus Wellpappe, der Stapel mit den bunten Bettlaken und ein weiterer Stapel aus Gipsfaserplatten. Nur ein paar Zeichnungen auf der Decke und eine kleine Tuschezeichnung an der Wand scheinen den Ausstellungstitel aufzunehmen.



«Man sieht nur einen Teil der Geschichte, der Rest bleibt verborgen.»

«Man sieht nur einen Teil der Geschichte, der Rest bleibt verborgen.» (Bild: Olivier Christe)

Doch wer hier die Zeichnung vermisst, hat weit gefehlt: Sie ist überall. Wie die Stapel, die nur einen kleinen Teil einer Geschichte preisgeben, stehen auch die Objekte für ein grösseres Geflecht, in dem längst nicht alles auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Eine neue Geschichte für Gebrauchtes

Die Decke ist eines dieser Objekte. Auf ihr hat Kiss im Kunstraum Riehen für eine Ausstellung drei Wochen lang gezeichnet, auf ihrem Laptop gearbeitet, gegessen und Leute empfangen. Gekauft hatte sie Kiss im Materialmarkt auf dem Dreispitz – in gebrauchtem Zustand. «Ich arbeite gern mit gebrauchten oder gefundenen Materialien, sie bringen eine Geschichte mit, die ich weiterführe oder neu erzählen kann», meint die deutsche Künstlerin, die vor etwas mehr als einem Jahr von der Kunstakademie in Stuttgart für ein Erasmussemester nach Basel kam und gleich geblieben ist.



Der Arbeitsplatz im Ausstellungsraum: Die kleine Decke aus dem Materialmarkt diente Kiss drei Wochen lang als Arbeitsfläche.

Der Arbeitsplatz im Ausstellungsraum: Die kleine Decke aus dem Materialmarkt diente Kiss drei Wochen lang als Arbeitsfläche. (Bild: Olivier Christe)

Zur Geschichte gehören auch die diversen Figuren, die in Kiss‘ Werk auftauchen: Auf der Decke liegt ein kleiner Tonmensch, «ganz entspannt», wie die Künstlerin meint. In der Tuschezeichnung sitzt eine Frau allein an einem Tisch in einem Café, und auf dem obersten Bettlaken blickt das Gesicht von UB40-Sänger Ali Campbell in die Ferne.

Unendlich viele Deutungsrichtungen

Sie alle gehören zusammen – oder sind vielleicht sogar ein und dieselbe Person: «Wer weiss, vielleicht ist sie gleichzeitig eine der Personen auf den Gipsplatten oder ein Fan von UB40», meint Kiss auf die Frage, wer die einsam scheinende Frau in der Tuschezeichnung sei. Die Deutungsrichtungen sind unendlich.



«Und dann baue ich eine Beziehung zu ihnen auf.»

«Und dann baue ich eine Beziehung zu ihnen auf.» (Bild: Olivier Christe)

Lena Kiss geht es nicht ums Auflösen der Geschichten, sie interessiert sich vielmehr für die Figuren und das Umfeld, das sie ihnen bauen kann. «Wenn mir eine Figur sympathisch ist, dann baue ich eine Beziehung zu ihr auf, inszeniere einen Raum für sie oder lasse sie in anderen Zeichnungen auftauchen.»

Wie die kleine Tonfigur, die Kiss seit einiger Zeit begleitet und die schon öfters in verschiedenen Szenarien sass. Oder die Säule aus Pappe, die lange Zeit in Kiss‘ Atelier stand und nun hier im Ausstellungsraum einen neuen Auftritt hat. «Dabei tut sie ja eigentlich nur so, als sei sie eine Säule», sagt Kiss, als wir vor ihr stehen. Was sie denn in Wirklichkeit sei? Kiss lacht: «In Wirklichkeit ist sie zusammengestapelte Wellpappe.»

Darin liegt die Qualität der jungen Künstlerin: Sie erzählt Geschichten, so sorgfältig, dass die gestapelte Wellpappe zur Säule wird, die einsame Frau im Café zum UB40-Fan, der Stapel mit den Bettlaken zum Geheimnis. Die Zeichnung ist dabei die erste Stimme in der Narration, der erste Schritt ins Geflecht. Danach ist alles möglich.
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«Regionale», bis 10. Januar 2015, Kunsthalle Palazzo bis 4. Januar. Diverse Orte, Detailinfos unter www.regionale.org. Lena Kiss stellt in der Kunsthalle Palazzo in Liestal aus.

Die TagesWoche porträtiert während der Ausstellungsdauer der «Regionale» mehrere Künstler und Künstlerinnen. Bereits erschienen: Mathieu BoisadanJonas BaumannDenis HandschinBianca Pedrina und Corsin Fontana.

Im Fokus: «Regionale»-Porträts

An der «Regionale» zeigen Künstler und Künstlerinnen aus dem Dreiländereck ihre Werke. Einige davon porträtieren wir im Laufe der Ausstellung bis Ende Januar 2015. Alle Artikel finden Sie im Dossier.

 

 

 

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