Louis Kahns zeitlose Monumente



Louis Kahn ist einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Doch obwohl er in Estland zur Welt kam, konnte er in Europa nie einen Bau realisieren. Das Vitra Design Museum widmet ihm eine Ausstellung.

Salk Institute in La Jolla, Kalifornien, 1959–65. (Bild: John Nicolais, © The Architectural Archives, University of Pennsylvania)

Louis Kahn ist einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Doch obwohl er in Estland zur Welt kam, konnte er in Europa nie einen Bau realisieren. Das Vitra Design Museum widmet ihm eine Ausstellung.

An einem Küstenstreifen in der Nähe von San Diego erheben sich aus der von der Sonne verbrannten Vegetation in strenger Abfolge vor- und zurückspringende Betonwürfel. Der klaren Gliederung zum Trotz bleibt ihr Zweck im Ungewissen. Jeder der nach vorne gerückten Kuben verfügt über eine schwarze Öffnung, die vage an den Eingang ägyptischer Gräber erinnern. Die fensterlose Wand ist überzogen von einem Raster rechteckiger, durch gut sichtbare Fugen getrennter Flächen, als wäre sie aus riesigen Steinblöcken aufgeschichtet.

So sehr sich das geometrische Zusammenspiel klar begrenzter Volumen und Flächen auch von der durch kleine Landvorsprünge und Täler zerfurchten Küste unterscheidet, es scheint doch, als hätten diese nackten Betonmauern schon immer an dieser Stelle gestanden. 
Betritt man das Innere der Anlage, wird man überrascht von einem weitläufigen Hof, der gegen Westen hin geöffnet ist und den Blick auf den Stillen Ozean freigibt.

Ganz im Gegensatz zur geschlossenen Aussenfassade der beiden Gebäudeflügel präsentieren sich nach innen gewandten Seiten mit zahlreichen Öffnungen. Erkerartige Vorsprünge reichen in den zur Piazza ausgeweiteten Zwischenraum. Ihre auf das Wasser ausgerichteten Fenster sind hier in Wände aus Teakholz eingelassen. Entlang der Mitte dieser Piazza verläuft eine schmale Wasserrinne, die ein grosses, während der Mittagshitze Kühle spendendes Wasserbecken speist. Am Abend spiegelt sich darin die Sonne, so dass der schmale Kanal als rot glühende Fortsetzung eines Sonnenstrahls erscheint. 



Ein Spätzünder


Das Ende der Fünfziger Jahre geplante und 1965 fertig gestellte Salk Institute gehört zu den ersten Höhepunkten in Louis Kahns Architektenkarriere. Als er mit den Arbeiten für das biologische Forschungszentrum beginnt, ist er zwar schon fast 60, aber seine bis dahin realisierten Bauten lassen sich an zwei Händen abzählen.

Als Kind jüdischer Eltern war er 1905 in die USA eingewandert und wuchs unter ärmlichen Bedingungen in Philadelphia auf, wo er Anfang der Zwanziger Jahre ein noch ganz im Zeichen der Beaux-Arts stehendes Architekturstudium absolviert. Mit moderner Architektur kommt er erst auf seiner einjährigen Europareise in Kontakt, die er sich finanzieren kann, weil er als besonders begabter Zeichner in verschiedenen Architekturbüros Arbeit findet. Was ihn auf seiner Reise aber ganz besonders fasziniert, sind die Pyramiden in Ägypten, die Tempel in Griechenland und die mittelalterlichen Türme in Italien. 


Kahn ist bestrebt, sich auf die Grundelemente der Architektur zu konzentrieren.

Bevor er in den Fünfziger Jahren endlich zu einer Architektursprache findet, die an diese archaischen Monumente anknüpft, vergehen lange Jahre, in denen er in verschiedenen Bürogemeinschaften vieles plant, aber nur wenig baut. In Zeiten, wo filigrane Konstruktionen aus Stahlträgern und Glas die Architektur dominieren, hat Kahn Mühe, sich neben anderen durchzusetzen, die diesen Stil besser beherrschen. Erst als er mit Anne Tyng, mit der er eine aussereheliche Beziehung eingeht und eine Tochter hat, das unscheinbare Projekt eines gleichzeitig als Eingang und als Umkleideraum für ein Bad gedachten Gebäudes realisieren kann, löst er sich vom Mainstream der damaligen Architektur und schlägt einen Weg ein, der ihn zum Salk Institute und im Anschluss daran zu einer ganzen Reihe grossartiger Bauten bis nach Bangladesh führen wird. Dort plant er in der Hauptstadt des jungen Staates das Parlamentsgebäude und damit vielleicht sein anspruchsvollstes Gebäude – erst 1983, neun Jahre nach seinem Tod, werden die Bauarbeiten abgeschlossen sein.



Zurück an den Anfang


Im Salk nun trifft man bereits auf all die Merkmale, die Kahns Architektur auszeichnen: Die sorgfältige Platzierung der Bauten in eine bestehende Landschaft, die verhindert, dass die Architektur als Fremdkörper wahrgenommen wird, und gleichzeitig durch die Betrachtung der Architektur den Blick für die Schönheit der Landschaft öffnet. Dann das Verständnis von Architektur als einem Ort der Gemeinschaft, wo ein zentral gelegener öffentlicher Platz nicht nur die verschiedenen architektonischen Elemente versammelt und verbindet, sondern auch die Menschen, die darin arbeiten. Weiter das Offenlegen der gebauten Struktur, indem der Arbeitsprozess an den durch die Schalung des Betons entstehenden Fugen sichtbar bleibt. Vor allem aber der besondere Umgang mit dem natürlichen Licht und die Verwendung archetypischer Formen.


In all diesen Eigenschaften, besonders aber in der Beschäftigung mit dem Licht und den reduzierten Formen, zeigt sich Kahns Bestreben, sich auf die Grundelemente der Architektur zu konzentrieren und damit gewissermassen an ihren Anfang zurückzukehren. Obschon Kahns Architektur auch funktioniert – in manchen Fällen sogar besser, als die unter dem Credo des Funktionalismus entstandenen Bauten – zeichnet sie sich zuallererst dadurch aus, dass sie offenlegt, was Architektur in einem ganz grundlegenden Verständnis ist, nämlich ein in einer bestehenden Landschaft durch Begrenzungen definierter Raum, der erst durch eindringendes Licht für den Menschen erfahrbar und benutzbar wird. 


In den gut 20 Jahren, die Kahn nach dem Trenton Bath House blieben, schuf er Bauten, die sich nur schwer in die grossen Strömungen der Architektur einordnen lassen. Die Reduktion auf Grundformen und die sichtbar gemachte Konstruktion bringt sie in die Nähe der Moderne, ihre oft strenge Symmetrie und die massigen Volumen erinnern an altertümliche Monumentalbauten.

Kahns Architektur ist damit zeitloser als vieles anderes, was im 20. Jahrhundert gebaut worden ist. Das macht sie zu einem Mysterium, dem sich zu nähern mitunter schwer fällt. 



Kahns Geheimnis lüften


Den Versuch, sich dem Geheimnis von Kahns Architektur zu nähern, unternimmt das Vitra Design Museum mit der unter dem Titel «Louis Kahn – The Power of Architecture» gezeigten Ausstellung. Nachdem Nathaniel Kahn, Kind aus einer weiteren unehelichen Beziehung Louis Kahns, in seinem Film «My Architect» (2004) das bewegte, oft schillernde Leben seines Vaters in einer Art Reisebericht auf eindrückliche Weise aufgearbeitet hatte, drängte sich eine Gesamtschau der Architektur Kahns stärker auf denn je. 
Zwar erfährt man zu Beginn der Ausstellung einiges über Kahns Biographie, im Zentrum steht aber die Architektur, die anhand verschiedener Aspekte wie Kahns Interesse für die in den Fünfziger Jahren entdeckten Mikrostrukturen, der Wechselbeziehung von Bau und sozialem Gefüge oder seiner Faszination für Ruinen und Piranesis Architekturphantasien zugänglich gemacht werden soll.

All dies wird mit einer unglaublichen Materialfülle sicht- und fassbar gemacht. Neben einem mehrere Meter hohen Modell für ein nie realisiertes Hochhaus in Philadelphia, das in seiner Form an die Doppelhelix der DNA erinnert, und neben wunderschönen Modellen aus Bronze für einen ebensowenig realisierten Kinderspielplatz in New York, an dem Kahn mit dem Bildhauer und Designer Isamu Noguchi gearbeitet hatte, gehören die zahlreiche Skizzen und Zeichnungen aus Kahns Hand zu den erstaunlichsten Exponaten. Sie geben einen Eindruck davon, wie besessen er von seiner Arbeit gewesen sein muss und wie er unentwegt damit beschäftigt war, seine Umgebung in Bildern festzuhalten.

Diese Blätter sind es auch, die am besten jene Kraft vermitteln, von der im Titel der Ausstellung die Rede ist und die tatsächlich von seinem Werk ausgeht. Trotzdem kann die schiere Materialfülle die Erfahrung von Architektur nicht ersetzen – was gerade in Kahns Fall besonders schade ist. Die Ausstellung schafft aber, was man im Rahmen einer Schau erhoffen, aber nicht unbedingt erwarten darf, die mit Modellen, Plänen, Skizzen und Filmaufnahmen auf Architektur verweisen, aber eben nicht auf die Architektur selber zugreifen kann, nämlich die Besucherinnen und Besucher davon zu überzeugen, bei der nächsten Reise in die USA die Besichtigung eines Kahn’schen Gebäudes unbedingt miteinzuplanen.

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