Marc Fehlmann tritt an, den Ruf des Historischen Museums zu retten

Ein Basler ist der neue Direktor des Historischen Museums. Kunsthistoriker Marc Fehlmann tritt die Nachfolge von Marie-Paule Jungblut an. Dafür erhielt er schon Mitleid.

Marc Fehlmann wird neuer Direktor des Historischen Museums – Regierungspräsident Guy Morin freuts.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Ein Basler ist der neue Direktor des Historischen Museums. Kunsthistoriker Marc Fehlmann tritt die Nachfolge von Marie-Paule Jungblut an. Dafür erhielt er schon Mitleid.

Marc Fehlmann hatte gerade eben seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt, bevor er den Medien als neuer Direktor des Historischen Museum Basel vorgestellt wurde.

Dieser Unterschrift war ein langwieriges Findungsverfahren vorangegangen, nachdem seine Vorgängerin Marie-Paule Jungblut im Herbst 2015 vor die Tür gesetzt worden war.

Man habe 50 Personen genauer angeschaut, sagte Philippe Bischof, Leiter Abteilung Kultur und Präsident der Findungskommission. Nicht alle hätten sich von sich aus beworben, manche habe man auch direkt angesprochen – und dazu hätte auch Marc Fehlmann gehört.

Von Berlin nach Basel – aus zwei Gründen

Fehlmann ist im Moment als Sammlungsdirektor der Stiftung Deutsches Historisches Museum in Berlin angestellt. Diesen Posten hat er erst seit dem laufenden Jahr inne. Ab 1. Juni 2017 wird er in Basel walten.

Wieso er nach so kurzer Zeit von Berlin nach Basel wechsle? «Einerseits ist Basel meine Heimatstadt», sagt Fehlmann. Andererseits liebe er Herausforderungen, und «hier kann ich ein Museum neu gestalten», so ein Angebot habe er nicht ausschlagen können.

Fehlmann wurde 1965 in Basel geboren und hat später, nach einiger Zeit in England, hier und in Zürich Klassische Archäologie, Kunstgeschichte und Englische Literatur studiert und später in Zürich den Doktortitel in Kunstgeschichte erworben.

Schon einmal ein Museum gerettet

Sein beruflicher Werdegang führte ihn zunächst nach Bern ans Kunstmuseum als Konservator der Graphischen Sammlung. Bekanntheit in der Schweizer Museumsszene erlangte er aber vor allem durch den Posten, den er von 2012 bis 2015 innehatte: Damals stand er dem Museum Oskar Reinhart in Winterthur als Direktor vor, in einer Zeit, als das Museum mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte.

Fehlmann gelang es in seiner Amtszeit, die Finanzen zu stabilisieren, die Ausstrahlung des Museums zu erhöhen und die Besucherzahlen massiv zu steigern – unter anderem mit einer äusserst umstrittenen Ausstellung von Christoph Blochers Kunstsammlung.

Diese Turnaround-Erfahrung kann ihm im Historischen Museum nur hilfreich sein, steht doch das Haus nach dem Abgang von Marie-Paule Jungblut noch immer vor Geldproblemen.

«Man hat mir gegenüber schon Mitleid geäussert, dass ich dieses Haus übernehme.»


Marc Fehlmann

Und auch der Ruf des Basler Museums ist angeschlagen, wie Marc Fehlmann sagt: «Man hat mir gegenüber schon Mitleid geäussert, dass ich dieses Haus übernehme.» Für ihn aber sei das eine Ehre, eine Freude, aber natürlich eine «gewaltige Verantwortung». Er habe sich den Entscheid deshalb nicht leicht gemacht.

>> Im Interview mit der TagesWoche erläutert Marc Fehlmann seine Ideen:
«Ich hätte sehr gerne ein Leuchtschild der Ciba und der Sandoz vor der Fusion zur Novartis!»

>> Der Kommentar zur Wahl: 
Ein Hoffnungsträger mit Heimvorteil

Fehlmanns Absicht aber ist klar: Er will die Ausstrahlung des «zweitwichtigsten Museums der Stadt» auf ein international angesehenes Niveau heben. Erreichen will er das, indem er sozial- und wirtschaftshistorische Aspekte viel stärker berücksichtigt. Dazu scheut er nicht davor zurück, auch die Sammlungspräsentation anzutasten.

«Wenn ich ein Beispiel nennen soll: Nehmen Sie ein Silbergefäss einer Zunft, das vier Kilogramm wiegt. Da ist es doch spannend zu wissen, was das zur Herstellungszeit bedeutete. Wie viele Monatslöhne eines Arbeiters drinstecken beispielsweise», führt er seine Absichten aus. Auch das Verhältnis zwischen Basel und der chemischen und Pharmaindustrie müsse zwingend ins Museumsprogramm.

Fehlmann sprüht bei der Präsentation vor Elan, was beim Präsidialdepartement, bei der Abteilung Kultur, aber auch beim Präsidenten der Kommission des Historischen Museums Urs Gloor Glücksgefühle auslöst.

«Er hat bewiesen, dass er mit wenig Grundmitteln und der Akquise von Drittmitteln umgehen kann.»


Philippe Bischof

Gloor meint zur Wahl: «Wir sind uns sicher, dass Marc Fehlmann genug Erfahrung und Sensibilität mitbringt, um das Haus in dieser schwierigen Phase zu stabilisieren.»

Das Basler Präsidialdepartement und die Kommission des Museums «freuen sich ausserordentlich», dass sie den «erfahrenen Ausstellungsmacher» und «international bekannten Museumsleiter» gewinnen konnten.

Philippe Bischof ist froh, dass man jemanden gefunden habe, der einen derart starken Basel-Bezug aufweist. Er lobt zudem Fehlmanns kommunikative Art und ausgewiesene Fähigkeiten im Bereich der Führung: «Er hat bewiesen, dass er mit wenig Grundmitteln und der Akquise von Drittmitteln umgehen kann.»

Auch Regierungspräsident Guy Morin ist sich sicher, den richtigen Mann gefunden zu haben. Er sei zwar nicht in den Findungsprozess involviert gewesen, habe sich aber in einem längeren Gespräch eine Meinung bilden können.

 

Die Findungskommission setzte sich zusammen aus: Philippe Bischof, Leiter Abteilung Kultur Basel-Stadt, als Delegierter des Präsidialdepartements und Präsident der Findungskommission, Dr. Urs Gloor, Thomas Bein, Prof. Dr. Barbara Schellewald als Vertretungen der Kommission des Historischen Museums Basel sowie Dr. Anja Dauschek (Leiterin Stadtmuseum Stuttgart), Dr. Andreas Spillmann (Direktor Schweizerisches Landesmuseum) und Prof. Dr. David Gugerli (Professor für Technikgeschichte, ETH Zürich) als externe Fachexperten.


Konversation

  1. Nun hat man einen neuen Direktor für’s Historische Museum gefunden. Die Nachfolge von Marie-Paule Jungblut ist damit gesichert. Man wünscht Marc Fehlmann natürlich nur das Beste.
    Möglicherweise hat er sich bereits jetzt in seinem Vertrag, im Sinne seiner Vorgängerin, auch einen 150’000 Franken teuren „Goldenen Fallschirm“ ausbedungen. Man weiss ja nie. Bei den kurzen Amtszeiten, welche offensichtlich in diesem Geschäft Usanz sind, wäre dies, als Überbrückung zum nächsten Karrierejob, eine zu empfehlende Vorsichtsmassnahme.

    Dass Philippe Bischof und Guy Morin den neuen Direktor bereits beim Warm-up über allen Klee loben ist vermutlich Teil des Rituals. Interessant wäre allerdings, wenn wir erfahren würden mit welchen Sparauflagen die neue Direktion starten muss. Immerhin muss das von Jungblut angehäufte Defizit abgebaut werden. Wie müssen wir uns dies als Aussenstehende vorstellen? Wird beim Programm eingespart? Werden die Sonderausstellungen gestrichen? Oder arbeitet man mit weniger Personal?

    Rund 750’000 Franken fehlten damals in der Kasse. Das ist kein Klacks. Vielleicht könnte Guy Morin – auch wenn das Thema unliebsam ist – dazu etwas sagen. Durch zusätzliche Einnahmen wird man das Loch nicht stopfen können. Zumal die neue Chefin des Präsidialdepartementes bereits öffentlich laut über zukünftige Gratiseintritte nachgedacht hat. Also: Wo kommt das fehlende Geld her?
    Weiter: Die über 50 involvierten KontrolleurInnen (von Geschäftsprüfungskommission bis Präsidialdepartement) haben das Debakel damals nicht verhindern können. Im Jargon: Die Kontrollmechanismen haben versagt. Was heisst das für die Zukunft? Gibt es neue Kontrollmechanismen, welche die Ausgabefreudigkeit der Direktion kontrollieren und dezidiert lenken. Oder setzt man wiederum auf das Prinzip Hoffnung?

    Philippe Bischof und Guy Morin schulden uns noch ein paar Antworten.

    Kleine Anmerkung:
    Der Titel des Tawo-Beitrages lautet: „Wie Marc Fehlmann den Ruf des Historischen Museums retten will“. Allerdings wird die Frage nicht beantwortet. In jedem Fall nicht von Marc Fehlmann. Ich lese nichts von einem Konzept und eine Strategie ist ebenfalls nicht erkennbar.

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    1. @Meury. Gute Auslegeordnung, danke.

      Einziges Manko: Nicht Fehlmann macht die Titel in der TaWo, sondern Leute, die nicht zugeben wollen, dass der Ruf dieses Museums v.a. von Morin und Bischof ruiniert wurde.

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    2. Lieber Christoph,
      ein paar Dinge muss ich nun doch noch klarstellen. Marc Fehlmann muss mit keinem Defizit starten – sondern bei Null. Die Reserven des Museums sind aufgebraucht, aber es sind keine Schulden vorhanden. Er wird deshalb bis zur nächsten Subventionsrunde wohl hauptsächlich Drittmittel akquirieren müssen, wenn er eine Ausstellung ausrichten will.
      Dies haben Guy Morin, Philippe Bischof und auch der GPK-Bericht mehr als einmal klar gemacht. Siehe dazu zum Beispiel die Antwort auf Frage 3 in diesem Interview: http://www.tageswoche.ch/de/2016_21/basel/719641/
      Im selben Interview hat Bischof auch deutlich gesagt, dass die Kontrollmechanismen überprüft werden.
      Du scheinst Mühe zu haben, ihm zu glauben, das lese ich aus Deinem teilweise an Zynismus grenzenden Beitrag. Aber dass Du dem neuen Direktor trotzdem eine Chance gibst, hoffe ich doch sehr.
      Herzlich, Karen N.

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    3. @ Karen

      Liebe Karen

      Danke für die Erläuterungen.

      Meine Interpretationen sind nicht zynisch. Zynisch sind die Controllings der staatlichen Institutionen, welche nicht funktioniert haben, aber personalintensiv betrieben wurden. Viel zuviele Kommissionen und Aufsichtsgremien, mit offensichtlich unklaren Aufträgen.
      Wie dies korrigiert wird, ist bis anhin nicht erläutert worden.

      Nachdem jetzt mit Marc Fehlmann eine neue Direktion startet, wäre es doch angebracht, wenn das Präsidialdepartement seine zukünftige Kontrollstrategie – auch bei Personalfragen – präsentieren würde.

      Es liegt nicht an mir der neuen Direktion eine Chance zu geben. Aber ich hoffe doch sehr, dass Marc Fehlmann dem Historischen Museum zu neuem Glanz verhilft.

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