Migros-Kulturchefin Hedy Graber: «Es nützt nichts, mich zu kennen»

Hedy Graber, Direktorin Kultur und Soziales bei Migros-Kulturprozent, gilt als zurückhaltend. Wir haben die Frau, die über ein Budget von 30 Millionen Franken verfügt, anders erlebt.

«Man muss sich fragen: Will man kuratorisch tätig sein oder einen riesigen Tanker leiten und als Frühstücksdirektorin jeden Tag mit sieben Sponsoren essen gehen und kaum noch inhaltliche Aspekte vertreten?»: Hedy Graber kann beides.

(Bild: Christian Beutler)

Hedy Graber, Direktorin Kultur und Soziales bei Migros-Kulturprozent, gilt als zurückhaltend. Wir haben sie als energische Frau erlebt, die so in ihrem Beruf aufgeht, dass sie auf nichts verzichtet ausser auf ihre Work-Life-Balance, die sie aber auch nicht braucht.

Hedy Graber ist laut. Das ist wichtig festzuhalten, denn die wenigen Artikel, die es über die Leiterin von Migros-Kulturprozent gibt, beschreiben Hedy Graber als zurückhaltend, kontrolliert, diplomatisch. Eine Person, die sich zurücknimmt, die sagt, was nötig ist, und nicht viel mehr.

Das ist Hedy Graber natürlich auch, selbstredend. Aber bereits beim Eintreten in Grabers Büro in einem unscheinbaren Block im Zürcher Kreis 5, wird klar: Das Bild der distanzierten Chefin wird dieser Frau nicht gerecht. Hedy Graber ist überschwänglich und witzig, lacht einnehmend und viel und nie gekünstelt. Ihre Antworten sind anekdotenreich und herzlich, und wenn es zu persönlich wird, sagt sie: «Das gehört nicht in die Zeitung». Dann lacht sie kurz nicht mehr.

Hedy Graber bestimmt – seit 2004 ist sie Herrin über gut 30 Millionen Franken an Kulturfördergeldern. Das gilt auch für die Einrichtung ihres Büros: An den Wänden hängen Werke, die sie sich im Migros-Museum auswählen durfte. An der rechten Wand die Tränen vergiessenden Stars aus den Neunzigern von Daniele Buetti, links eine Malerei von Ed Ruscha – ein dunkles, zur Seite geneigtes Segelschiff.

Hedy Graber (*1961) ist als Tochter eines Kaufmanns und der ersten Dirigentin der Schweiz (Hedy Salquin) in Kriens aufgewachsen. In Genf studierte sie Kunstgeschichte, Germanistik und Fotografie. 1990 zog sie als neue Co-Leiterin der Kunsthalle Palazzo nach Liestal. Dort zeigte sie heutige Weltstars wie Ugo Rodinone oder 1998 wurde sie unter dem heutigen Direktor des Landesmuseums Zürich, Andreas Spillmann, Beauftragte für Kulturprojekte im Kanton Basel-Stadt. 2004 wurde sie zur Leiterin Kultur und Soziales beim Migros Genossenschaftsbund in Zürich berufen und damit zur einflussreichsten Frau in der privaten Schweizer Kulturförderung. 2015 wurde sie als «Europäische Kulturmanagerin» des Jahres ausgezeichnet.

Wieso gerade dieses Bild, Frau Graber?

Ich bin ein grosser Fan von Ed Ruscha und wusste sofort, dass ich dieses Werk in meinem Büro aufhängen wollte. Ich schaue wahnsinnig gern auf dieses Schiff, das ein bisschen hart am Wind segelt. Für mich hat das auch Symbolkraft. Wir müssen vorwärts schauen, Risiken eingehen. Ab und zu wird es in eine Ausstellung geschickt und die Wand hier ist leer. Die Techniker hängen mir dann jeweils die Postkarte des Bildes an die Wand.

Und die weinenden Neunzigerjahre-Stars?

Die hängen da, weil diese Wand so hässlich ist (lacht).

Sie waren zuerst Kuratorin im Palazzo Liestal, dann Beauftragte für Kulturprojekte im Erziehungsdepartement Basel-Stadt – und jetzt sind Sie Madame Kultur bei der Migros. Wie kam es zu dieser Entwicklung – von der Kunst in die Förderung? 

Im Nachhinein sehen solche Entwicklungen immer logisch aus. Man kann sie rückwärts nachvollziehen und sagen: O.K., als Kuratorin einen Offspace gründen, dann ins Auktionshaus, um den Markt kennenzulernen, dann in die staatliche Kulturförderung und schliesslich in die Privatwirtschaft – das liest sich kohärent. Da ist aber viel Zufall mit drin. Und Glück.

«Ich wollte selber nie Künstlerin werden. Also entschied ich mich für die Theorie, aber mit dem Anspruch, mitten im Leben zu stehen.»

Wussten Sie nie: Da, genau da, will ich hin?

(überlegt lange) Ich glaube, es war nicht eine Tätigkeit, die mir vorschwebte, sondern eine Art, wie man durchs Leben gehen will. Ich bin jemand, der gerne Dinge betrachtet, kritisch hinterfragt, der gerne Dinge in Zusammenhängen sieht. Ich versuche auch, Dinge nicht in Kästen zu sehen, viel mehr in interaktiven Zusammenhängen, in Entwicklungen. Das ist die «Tätigkeit», die mich interessiert. Also mehr eine Haltungsfrage. Mit dieser Haltung öffnen sich viele Berufsfelder, sei das jetzt Kulturförderung oder Journalismus oder Forschung.

In der Forschung waren Sie trotzdem nie, obwohl Sie Kunstgeschichte studiert haben.

Wissen Sie, ich bin keine Bibliotheksmaus. Ich habe wahnsinnig gerne mit Menschen zu tun. Ich mag es, mich mit Menschen zu umgeben, die kreativ tätig sind. Meine Mutter war Musikerin, die erste Dirigentin der Schweiz, ich bin mit Kultur aufgewachsen. Selber wollte ich aber nie Künstlerin werden. Also entschied ich mich für die Theorie, aber mit dem Anspruch, mitten im Leben zu stehen. Ich wollte hören, wie und wo das Gras wächst. Und dann wurden kurz nach meinem Studium in Genf diese Räume im Palazzo in Liestal frei und ich beschloss, für ein Jahr in die Deutschschweiz zurückzukehren – mittlerweile sind daraus 26 geworden.

«Ich nehme Basel immer verbunden mit einer gewissen Nostalgie wahr. Nostalgie als eine Art wohlwollende Erinnerung.»

Sie waren lange Zeit auch in Basel.

13 Jahre.

Wie schauen Sie heute auf die Stadt?

Ich nehme Basel immer verbunden mit einer gewissen Nostalgie wahr. Nostalgie nicht im Sinne von Sentimentalität, sondern als eine Art wohlwollende Erinnerung.

Was hat Ihnen besonders gefallen?

Mir hat die Offenheit immer gefallen, und natürlich die extrem starke Position der Kultur, die es in Basel gibt. Vom Amerbachschen Kabinett, aus dem das Kunstmuseum entstand, bis zur Sacher Stiftung: Basel verfügt über ein ausgeprägtes Mäzenatentum. Neben den Institutionen gab es zahlreiche Projekte der freien Szene, die zukunftsträchtige Akzente setzen. Und die Visionen über Areale, die ganze Zwischennutzungsszene, die sich inzwischen institutionalisiert hat. Diese Versuche, neue Wege zu gehen, nebst den bestehenden Institutionen, und über die Grenzen hinaus, die finde ich bemerkenswert.

Sie versuchen beim Migros-Kulturprozent auch neue Wege zu gehen, aber immer im Sinne einer Allgemeinheit. In den Thesen von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler von 1950 steht: «Das Allgemeininteresse muss höher gestellt werden als das Migros-Genossenschafts-Interesse.» Wie ist das zu verstehen?

Dass wir anderen Menschen die Möglichkeit bieten, aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben. Indem wir uns zum Beispiel fragen: Wie können Migrantinnen und Migranten an der Gesellschaft partizipieren? Und zwar nicht, indem wir (nimmt einen Zettel und wedelt damit rum) «Hier, Projekt!» rufen, sondern, indem sie uns sagen, was sie wollen und brauchen. Diese Art von Zusammenarbeit im sozialen Bereich ist sehr wichtig.

Was ist mit dem kulturellen Bereich?

Da interessiert es uns – neben den eigenen Projekten – auch Künstler und Kulturschaffende untereinander zu vernetzen. Mit «watch & talk» zum Beispiel ermöglichen wir einer Gruppe von Theaterschaffenden, sich gemeinsam Produktionen anzusehen und sich darüber auszutauschen. Das klingt sehr einfach, aber de facto haben diese Leute in ihrem Alltag kaum Ressourcen, sich zu treffen, wenn man dafür kein spezielles Gefäss schafft. In der heutigen freien Szene ist es ja oftmals so, dass man sich von Produktion zu Produktion hangelt, und der Rest bleibt auf der Strecke. Und da greifen wir ein: Wir schaffen Freiräume.

«watch & talk» soll Theaterschaffende vom Produktionsdruck befreien und dazu bewegen, gemeinsam Produktionen anzusehen und sich darüber auszutauschen – wie hier beim Theaterspektakel Zürich.

«watch & talk» soll Theaterschaffende vom Produktionsdruck befreien und dazu bewegen, gemeinsam Produktionen anzusehen und sich darüber auszutauschen – wie hier beim Theaterspektakel Zürich.

Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Wichtig ist uns immer auch der Mehrwert, den wir generieren: Wenn wir ein Projekt initiieren, dann geht es nicht darum, dass es jetzt einfach eine Veranstaltung mehr gibt, sondern wir investieren in Projekte, die darüber hinaus auch eine diskursive Ebene haben. Bei unserem Popmusikfestival m4music zum Beispiel: Da gibt es nicht nur Konzerte, sondern kostenlose öffentliche Panels zu Themen wie Copyright, internationale Plattformen, Digitalisierung und so weiter. Da laden wir jeweils internationale Gäste ein, die sich mit lokalen Musikern austauschen. Das ist auch unsere Rolle: Wir sind keine parastaatliche Organisation, sondern ein aktiver Treiber in der Kulturlandschaft.

«Viele Leute kontaktieren mich nur, weil sie meinen, damit an unsere Fördergelder zu kommen. Aber da sind sie bei mir an der falschen Adresse.»

Ihre Rolle als «Mama Kultur» bringt viel Macht mit sich – wie stehen Sie zu dieser öffentlichen Wahrnehmung Ihrer Person?

Viele meinen, ich verfüge über einen riesigen Scheck. Und viele Leute kontaktieren mich nur, weil sie meinen, damit an unsere Fördergelder zu kommen. Aber da sind sie bei mir an der falschen Adresse. Wir fördern nach klaren, objektivierbaren Kriterien, und die können alle auf unserer Website nachlesen. Es nützt also nichts, mich zu kennen.

Wer entscheidet dann?

Mir ist in diesem Zusammenhang wichtiger, dass ich im Team Leute habe, die als Intendanten mit eigenständigen Handschriften agieren. Das sind die Personen, die inhaltlich zum Beispiel das Migros-Museum für Gegenwartskunst leiten oder die Tanzkompanien einkaufen, die dann in der ganzen Schweiz für das Migros-Kulturprozent-Tanzfestival Steps unterwegs sind. Ich arbeite in der Zentrale in Zürich und erledige typische Managementaufgaben wie Führung, Finanzen und Strategie. Aber das in einem sehr inspirierenden Umfeld.

Die Tatsache, dass Sie eine Frau sind – war die jemals ein Thema?

Für mich war immer klar, dass ich etwas studieren will, dass ich arbeiten und frei sein will. Dass ich dabei genau so ernst genommen werde wie ein Mann, sollte in der heutigen Zeit kein Thema mehr sein. Für meine Mutter musste noch das Reglement des Pariser Konservatoriums geändert werden, damit sie dort studieren konnte. Ich war mir immer bewusst, was es bedeutet, sich durchsetzen zu müssen, aber für mich persönlich waren diese Rechte als Frau immer selbstverständlich. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Gleichstellung der Frauen auch heute noch längst nicht überall eine Selbstverständlichkeit ist.

«Früher bedeutete Erfolg, die Karriereleiter hochzukommen. Heute geht es eher darum, wo die Leute ihre Talente sinnstiftend einsetzen können.»

An Spitzenpositionen sitzen tatsächlich nach wie vor mehr Männer als Frauen.
Da kommt für mich eine sehr interessante Frage auf. Ich beobachte, dass sich Menschen immer öfters fragen: Welche Grösse soll das Projekt haben, das sie verantworten wollen? Nehmen wir die Museen: Will man kuratorisch tätig sein oder einen riesigen Tanker leiten und als Frühstücksdirektorin jeden Tag mit sieben Sponsoren essen gehen und kaum noch inhaltliche Aspekte vertreten?

Das heisst, man muss wissen, wo man hin will.

Ja. Früher bedeutete Erfolg, die Karriereleiter hochzukommen. Heute geht es eher darum, wo die Leute ihre Talente sinnstiftend einsetzen können. Man muss nicht mehr unbedingt bis an die Spitze kommen. Und das haben Frauen früher begriffen. Aber es stimmt, was Sie sagen. An der Spitze gibt es auch in der Kultur weniger Frauen als Männer.

Gibt es etwas, worauf Sie in Ihrer Karriere verzichten mussten?

In dieser Art von Beruf fliessen Beruf und genuines Interesse an der Materie zusammen. Ich bin ein Mensch, der sowieso gerne Bücher liest, der sowieso gern mit anderen Menschen über Kunst und Gesellschaft spricht. Womit wir wieder bei der Haltung wären: Dieser Beruf ist immer auch eine Lebenshaltung. Ich habe ihn nie als Verzicht wahrgenommen.

Also: Kill your Work Life Balance. 

Mit diesem Begriff habe ich ein bisschen Mühe. Wenn du – und Achtung, jetzt kommt etwas ganz Grosses – etwas gefunden hast, das nicht nur für dich als Individuum, sondern vor allem für die Gesellschaft nutzbringend sein kann, dann gibt es keinen Verzicht. Ich habe so etwas gefunden.

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