Mit Hornbrille und Haargel tanzt Robin Hood durch das Londoner East End

Was passiert, wenn das Theater Basel Robin Hood ins London der frühen Nachkriegszeit versetzt? Er tanzt sich als Mischung zwischen Geheimagent und Bandit durch Holzbaracken und Autoreifen.

Der moderne Robin Hood im Dartduell.

(Bild: Ismael Lorenzo/ Theater Basel)

Was passiert, wenn das Theater Basel Robin Hood ins London der frühen Nachkriegszeit versetzt? Er tanzt sich als Mischung zwischen Geheimagent und Bandit durch Holzbaracken und Autoreifen.

Pfeil und Bogen, grüner Jagdhut und eine kecke Feder am Hinterkopf – so stellen wir uns Robin Hood, den Kämpfer für Gerechtigkeit und Herrscher des Waldes vor. Womöglich tauchen auch Bilder der tierischen Disney-Figur auf: Robin Hood als Fuchs, der dem schlafenden Löwen Prince John frech unters Kopfkissen greift, um dessen verstecktes Geld zu plündern.

Der Mythos um Robin Hood findet sich seit Ende des 14. Jahrhunderts in der Literatur. Damals noch als wilder Räuber im Wald bekannt, entstand die Geschichte des edlen Banditen, der von den Reichen stiehlt und den Armen gibt, erst im 15. Jahrhundert. Seither gilt der Mann in Grün als Symbol des antiautoritären Kampfes für gesellschaftliche Gerechtigkeit.

Auf Richard Wherlocks Ballettbühne in Basel bleibt Robin Hood, getanzt von Jorge García Pérez, antiautoritär und erhält gleichzeitig einen Agenten-Touch: Mit gegelten Haaren und grauem Anzug lehnt sich der moderne Hood an Agenten-Sagas britischer Herkunft und erinnert an einen Sean Connery der frühen 60er-Jahre oder an einen Michael Caine als Harry Palmer.

Nicht nur die Erscheinung der Hauptfigur sondern die ganze Handlung wurde in einen Zeitraum zwischen den frühen Nachkriegsjahren und den wilden 60ern versetzt: Anstatt durch Baumkronen zu hüpfen, tanzt der Bond-Hood sowohl über die Trümmer eines zerbombten Londons als auch durch farbige Pop-Collagen im Stil der Swinging Sixties.

Die Verhältnisse sind klar: Die bösen Gangsterbanden auf der einen Seite, die guten Vertreter des Gesetzes auf der anderen. Korruption und schmutzige Geschäfte dominieren den Alltag – wer sich dagegen ausspricht, wird bestraft. Und so beginnt das Abenteuer des Agenten-Helden, der den Polizeichef (Florent Mollet) und dessen Tochter Marian (Andrea Tortosa Vidal) aus den Klauen der Gangsterzwillinge Ron und Reg befreien muss.

Es leben die Gegensätze

Ron und Reg, getanzt von Sergio Bustinduy und Javier Rodriguez Cobos, sind eine Anspielung auf die Kray-Zwillinge, zwei Verbrecher aus dem Londoner East End der 50er- und 60er-Jahre. In grauen und tristen Anzügen verkörpern sie zusammen mit einer Reihe weiterer Gangster die böse Gewalt der Untergrundszene.

Im Gegenzug stehen die guten Kämpfer in farbigen Kleidern und mit extravaganten Frisuren im 60er-Flair. Inmitten dieser bunten Truppe erscheint Robin Hood mit seiner beamtlich biederen Bekleidung langweilig.

Doch der scheinbar brave Hood überzeugt spätestens dann, wenn er im vermeintlich engen Beamtenanzug grazil durch die drahtige Kulisse klettert und sich mit Marian im rührenden Liebesduett wiederfindet.




Das West End: Für einmal eine ganz neue Hood für Robin, den König der Diebe. (Bild: Ismael Lorenzo/ Theater Basel)

Die Inszenierung spielt mit den Gegensätzen. Banal könnte man meinen – die kunterbunten Gutmenschen und die dunklen Bösen. Notwendig aber, um die Widersprüchlichkeit um die mythische Figur hervorzuheben. Robin Hood ist ein Gesetzloser und kämpft gleichzeitig für die Gerechtigkeit, er ist revolutionär und trotzdem wertkonservativ. Der gutmütige Bandit und der Geheimagent mit spiessiger Hornbrille – in dieser modernen Adaption kommt alles zusammen.

Auch musikalisch werden die Gegensätze gefeiert. So bewegen sich die Tänzer einmal zu John Barry und Henry Mancini ganz in der Bond-Tradition und tanzen dann wieder ausgelassen zum 60er-Popsong «Don’t Sleep in the Subway».

Als Bewohner des düsteren Stadtviertels treten mit regelmässigen Abständen Sängerinnen und Sänger der OperAvenir auf und lassen eine tätowierte Rockerbraut à la Amy Winehouse und Männer in feschen Strumpfhosen zu A-cappella-Gesang aus dem 16. und 17. Jahrhundert über die Bühne tanzen.

Auch für Traditionalisten

Wem das alles ein bisschen zu viel des Experimentellen ist, soll beruhigt sein: Ein bisschen des ursprünglichen Hood wurde bewahrt. So ist der Kampf mit dem Pfeil geblieben – zwar nicht als Waffe des Waldes, sondern als urbanes Utensil in einem Dartduell.

Auch der grüne Hut erscheint letzten Endes und gibt Hood, der während des Abends eine Entwicklung vom langweiligen Mann im Anzug zum aufregenden Gerechtigkeitskämpfer und Liebhaber macht, den finalen Schliff.

Mit einer Kombination aus Mythos, Geschichte und Gegenwart ist Wherlock ein cleveres Tanzstück gelungen, das mit Gegensätzen spielt und eine aufregende Mischung zwischen Ballett-Märchen und Abenteuerfilm kreiert.


Robin Hood, Theater Basel, ab 18. November

Konversation

  1. Diese Wherlock Schrauberei auf der Bühne… Viel gepflegter und unübersichtlicher kann Langeweile einfach nicht sein… gääähnnnnn…

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  2. Dass da rund 70 (siebzig) Musiker und Musikerinnen des Sinfonieorchesters Basel unter der brillanten Leitung des Dirigenten Thomas Herzog hauptsächlich zum Gelingen des Abends mit der inhaltlich ja nur schwer verständlichen „Handlung“ beitrugen, bedarf offensichtlich keiner Erwähnung. Hervorragende Kompositionen die man teilweise bisher in Basel noch nie zu Gehör bekam und Filmmusik die selten live gespielt, elektronisch unverfälscht und doch absolut authentisch aus dem Orchestergraben erklang, zogen das Publikum in ihren Bann. Auch dank den teils witzigen Kostümen, dem raffinierten Bühnenbild und der gekonnten Lichtregie war wohl manche oder mancher erst bereit über die eher rätselhafte, um nicht zu sagen dürftige Choreografie wohlwollend hinweg zu sehen.

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