Mit «Treibstoff» zu neuem Leben erweckt

Für Performance-Experimente ist Basel wieder ein gutes Pflaster – an Proberäumen aber fehlt es noch. Trotzdem läuft die freie Basler Theaterszene zur Hochform auf.

M & The Acid Monks. (Bild: PD)

Für Performance-Experimente ist Basel wieder ein gutes Pflaster – an Proberäumen aber fehlt es noch. Trotzdem läuft die freie Basler Theaterszene zur Hochform auf.

M & The Acid Monks stehen derzeit auf dem Programm der Kaserne Basel. Was wie der Name einer Rock’n’Roll-Combo klingt, ist in Tat und Wahrheit der Titel eines «theatralen Konzerts», zu dem sich die 2010 mit dem Basler Pop-Preis ausgezeichnete Band The bianca Story mit den Theatermachern Daniel Pfluger und Victor Moser von Adapt zusammengetan haben. Frei nach dem Roman «Die Elixiere des Teufels» des deutschen Romantikers E.T.A. Hoffmann bringen sie das schaurige Schicksal eines Menschen auf die Bühne, der hin und her gerissen zwischen Askese und Ausschweifung um seinen Verstand gebracht wird.

Das Projekt ist exemplarisch für mehrere Aspekte, die derzeit charakteristisch sind für die freie Theaterszene in Basel: die neu erwachte Leidenschaft für ungewöhnliche Theaterexperimente sowie eine unbeschwerte Lust, die traditionellen Spartengrenzen zu durchbrechen. Und es gibt noch einen dritten erwähnenswerten Punkt: Ihre ersten gemeinsamen Gehversuche machte die theatral verstärkte Band 2009 mit der Rockoper «Chris Crocker» an den «Treibstoff»-Theatertagen.

Das Produktionsfestival für junge Theaterschaffende, das alle zwei Jahre über verschiedenen Bühnen geht, trägt seinen Namen völlig zu Recht und hat sich inzwischen als nachhaltiges Kraftfutter für die freie Szene etabliert. «Treibstoff» wurde 2004 vom Theater Roxy Birsfelden, der Kaserne Basel und dem Raum 33 ins Leben gerufen. Damals präsentierte sich die Szene in Basel als ziemlich öde Angelegenheit. Die Kaserne Basel hatte sich unter der Leitung von Eric Bart auf Hochglanz-Gastspiele konzentriert und die lokale Szene vernachlässigt mit der Folge, dass immer mehr freie Theatermacher von Basel wegzogen – entweder weil sie in Basel keine passablen Produktionsbedingungen fanden oder weil sie mangels Ausbildungsmöglichkeiten die Region gezwungenermassen verlassen mussten.

«‹Treibstoff› war eine Aktion von uns Veranstaltern mit dem Ziel, junge Theaterleute wieder nach Basel zurückzuholen», sagt der Mitbegründer der Theatertage und Leiter des Theaters Roxy in Birsfelden, Christoph Meury. Das Spezielle an «Treibstoff» ist, dass die mitorganisierenden Veranstalter die jungen Theaterleute als Produzenten begleiten. Es dauerte einige Zeit, aber mittlerweile findet «Treibstoff» auch in der Fachwelt, vor allem aber in der Szene selbst viel Anerkennung. So mussten sich die Organisatoren dieses Jahr durch über hundert Bewerbungsdossiers durcharbeiten, um die sieben Produktionen auszuwählen, die schliesslich zur Aufführung kamen.

Lebendiges Biotop

Ehemalige «Treibstoff»-Teilnehmer wie Phil Hayes, Marcel Schwald und Boris Nikitin gehören mittlerweile zu wohlklingenden Namen in der Schweizer Szene. Marcel Schwald, dessen letztes Projekt «Let’s Pretend To Be Human» nach der Uraufführung im Januar bald erneut in der Kaserne Basel zu sehen sein wird, bezeichnet «Treibstoff» als «Segen, denn das Festival ermöglichte mir, nach meiner Ausbildung in Holland und ersten Arbeitskontakten in Deutschland in Basel Fuss zu fassen».

Der 35-Jährige ist auch in der Performance-Szene daheim und fühlt sich wohl in der Basler Szene, die er als ein ausgesprochen lebendiges Biotop empfindet – eines, das sich, wie der Leiter der Abteilung Kultur von Basel-Stadt, Philippe Bischof, betont, «in einer blendenden Verfassung befindet».

So blendend offenbar, dass die Basler Theaterszene mittlerweile bis weit über die Landesgrenzen hinaus auszustrahlen vermag. «Für eine Stadt, die nicht gerade als riesig bezeichnet werden kann, hat Basel eine sehr gute Szene vorzuweisen», sagt zum Beispiel Matthias Lilienthal, Intendant des Berliner Theaters Hebbel am Ufer.

Als herausragende Exponentin der Basler Szene nennt er unter anderem Anna-Sophie Mahler, die Co-Leiterin und Regisseurin von CapriConnection. Ihr letztes, gemeinsam mit der weltbekannten Schola Cantorum Basiliensis initiiertes Musiktheaterprojekt «Ars moriendi» wurde 2011 zum internationalen Festival Impulse eingeladen – eine grosse Ehre, steht dieses Festival im Ruhrpott doch für die wichtigste Werkschau der freien deutschsprachigen Theaterszene.

Lilienthal hebt aber, und da ist er mit seinem Kollegen vom Zürcher Theaterhaus Gessnerallee, Niels Ewerbeck, einer Meinung, in erster Linie einen Namen hervor: Carena Schlewitt, seine ehemalige Mitarbeiterin am HAU Berlin, heute Leiterin der Kaserne. «Basel kann sich extrem glücklich schätzen, dass jemand wie sie hier tätig ist, und sollte sich viel Mühe geben, sie nicht zu verlieren», sagt Lilienthal. Ewerbeck stösst ins gleiche Horn: «Seit Carena Schlewitt an der Kaserne Basel arbeitet, hat sich eine gewaltige Menge getan.»

Starke Nachwuchsarbeit

Schlewitt selber bezeichnet die Basler Szene als ausgesprochen vielfältig mit vielen jungen Protagonisten und alten Hasen, wie das Theater Klara, das bereits seit 1991 existiert. Rund dreissig Gruppierungen können dazugezählt werden. Da ist in kurzer Zeit viel passiert, denn: «Als ich 2008 hier ankam, hörte ich von verschiedenen Seiten, dass es in Basel gar keine freie Theaterszene gebe», erinnert sie sich, erwähnt aber im selben Atemzug das benachbarte Junge Theater Basel, das seit Jahrzehnten hervorragende Arbeit leiste und als Talentschmiede so herausragende Theaterleute wie Rafael Sanchez oder Sebastian Nübling hervorgebracht hat oder noch immer als Hausregisseure beschäftigt.

Eines ist sicher: Schlewitt hat es zusammen mit ihrem Dramaturgen Tobias Brenk und Christoph Meury vom Theater Roxy geschafft, der freien Theaterszene eine Heimat zu geben und sie in ein Netzwerk einzubinden, wo sie auf ein ebenso engagiertes wie fundiertes Produktionsumfeld trifft. Und auch auf ein Publikum.

Stammpublikum wächst

«Basler Gruppen, die gut vernetzt sind, können sich mittlerweile auf ein treues Stammpublikum verlassen», sagt Thomas Keller, Geschäftsleiter der Kaserne. Marcel Schwald erreichte heuer mit seiner Produktion «Let’s Pretend To Be Human» eine Auslastung von knapp 90 Prozent (450 Zuschauer). Die Produktion wird im Februar wieder aufgenommen. Ähnlich erfolgreich waren Boris Nikitin mit seiner Produktion «Universal Export» oder CapriConnection mit ihrem Musiktheaterprojekt «Ars moriendi».

Auf zehn ausverkaufte Vorstellungen brachte es gar der Basler Filmemacher Michael Koch mit seinem «Sandweg & Velte»-Projekt – allerdings hatten in der Aussenspielstätte im Goldenen Fass nur gerade 40 Zuschauer Platz. Alles in allem erreichten die gut 130 Veranstaltungen im Theater- und Tanzbereich in der vergangenen Spielzeit 2010/11 rund 12 000 Zuschauer – gerade auch dank der regionalen Szene.

Einen Haken hat die Sache: Im Gegensatz zum Roxy verfügt die Kaserne nicht über eine eigene Probebühne – ein Manko, das das Leitungsteam des Kulturzentrums und auch Protagonisten aus der Szene sehr bedauern. «Es ist absolut ungewöhnlich, dass ein Haus dieser Art und Bedeutung über keine Proberäume verfügt», sagt Marcel Schwald. Er wünscht sich darüber hinaus einen Szene-eigenen Proberaum, der von den Gruppen der freien Szene autonom verwaltet werden könnte. «Dies wäre eine willkommene zusätzliche Verbesserung der Situation für die freie Theaterszene, der ich nun mal leidenschaftlich angehöre.»

Manko an Proberäumen

Bei Philippe Bischof stossen diese Anliegen auf offene Ohren: «Die Proberaumsituation für die freie Szene muss dringend verbessert werden», weiss auch er und sagt, er habe das im neuen Kulturleitbild festgehalten, das im Januar 2012 von der Basler Regierung verabschiedet werden soll. Konkrete Projekte, die sich kurzfristig umsetzen liessen, kann er aber keine nennen. Und die Option, dereinst im Kopfbau der Kaserne Räume einzurichten, bedingt eine weitere Durststrecke von mehreren Jahren.

 

Dezember, Januar und Februar stehen in der Kaserne Basel im Zeichen der regionalen Theaterszene:

Letzte Welten
Ein «Physical Theatre» der unverwüstlichen Szenepioniere Klara.
Täglich 6.1. bis 10.1.

Sand
Tanztheater von Sebastian Nübling und Ives Thuwis-De Leeuw mit Jugendlichen aus dem Jungen Theater Basel und Ensemblemitgliedern des Schauspielhauses Zürich.
Täglich 18.1. bis 22.1., 26.1. bis 28.1.

Der Urknall
CapriConnection macht sich auf die «Suche nach Gottesteilchen».
9.2., 11.2. bis 14.2.

Let’s Pretend To Be Human
Eine Exkursion ins Abenteuer Menschlichkeit von Marcel Schwald.
24.2. und 25.2.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 09/12/11

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