Multimediales Denkmal für Erasmus

Mit «Erasmus MMXVI» setzt das Historische Museum dem grossen Humanisten, der vor 500 Jahren seine damals höchst umstrittene neue Ausgabe des Neuen Testaments veröffentlicht hat, ein multimediales Denkmal fast ohne Ausstellungsobjekte. Auf einem Parcours durchs Museum und einem Spaziergang durch die Stadt kann man auf virtuellem und künstlerischem Weg in die Welt und in das Denken von Erasmus von Rotterdam eintauchen.

Hinter der Eingangspforte zur Ausstellung verbirgt sich auf den ersten Blick einmal fast nichts.

(Bild: HMB)

Mit «Erasmus MMXVI» setzt das Historische Museum Basel dem grossen Humanisten ein multimediales Denkmal fast ohne physische Ausstellungsobjekte. Auf einem Parcours durchs Museum und einem Spaziergang durch die Stadt kann man auf virtuellem und künstlerischem Weg in die Welt und in das Denken von Erasmus von Rotterdam eintauchen.

«Schrift als Sprengstoff» steht in grossen Lettern auf dem Tor aus Spanplatten im Schiff der Barfüsserkirche im Historischen Museum Basel. Angesagt ist eine Ausstellung zu Erasmus von Rotterdam, der vor 500 Jahren in Basel seine kritische und dadurch höchst umstrittene Ausgabe des Neuen Testaments drucken liess. Wer aber durch das Tor tritt, findet erst einmal gar nichts, was auf eine Sonderausstellung hindeutet.

Oder zumindest fast nichts, denn auf dem Boden sind Schriftzüge angebracht. Seltsam auseinandergerissene und auf mehere Zeilen unterteilte Begriffe wie «W I R K S TÄTTEN» oder «UNST ERBLIC HKEIT». Es sind, wie sich herausstellt, QR-Codes, die auf dem Tablet oder Smartphone über die eingebauten Kameras gewisse Seiten aufrufen. Seiten, die den Besuchern virtuelle Umgebungen öffnen und/oder Audiofiles zu bestimmten Sequenzen aus dem Schaffen und Leben von Erasmus aufrufen.

Ausstellung fast ohne Objekte



Erst das Tablet vor der Nase öffnet den Weg in den Erasmus-Kosmos.

Erst das Tablet vor der Nase öffnet den Weg in den Erasmus-Kosmos. (Bild: HMB)

«Erasmus MMXVI» ist eine Ausstellung, die eigentlich gar keine wirkliche ist, weil sie praktisch ohne spezifische Objekte auskommt. Es gib ein paar – das Museum ist stolz darauf, die grösste Auswahl persönlicher Objekte von Erasmus (um 1466/69–1536) zu besitzen – Relikte, die mit dem Amerbach-Kabinett in die Sammlung des Museums kamen. Aber gezeigt werden hier nur wenige: ein Siegelring, das Stundenglas, antike Münzen, ein Tafelmesser sowie seine Medaille. Und die Truhe, die der Erbe von Erasmus, Bonifacius Amerbach, für die Aufbewahrung des Nachlasses anfertigen liess.

Es kann bei einer Erasmus-Ausstellung auch nicht um eine «Heiligung der Gegenstände» gehen, wie Museums-Interimsdirektorin Gudrun Piller bei der Präsentation des Projekts vor den Medien sagte. Wichtig waren dem Humanisten die Gedanken und Haltungen, die er formulierte und auf Papier brachte. Übrigens stets in Latein. Seine Muttersprache Holländisch war dem Gelehrten nicht gut genug, Deutsch sprach Erasmus – ein typischer Expat des 16. Jahrhunderts – überhaupt nicht.

Ein Experiment für das virtuelle Museum der Zukunft

Also sind Tablet oder Smartphone sowie Kopfhörer unabdingbar, will man in die Welt des Erasmus eintauchen. Das ist erst einmal ziemlich gewöhnungsbedürftig, hat aber auf die Dauer durchaus einen grossen Reiz. Denn die Umgebung der Dauerausstellung, durch die man schreitet, ist ja nicht kahl. So führt der Weg vorbei durch den Raum mit den Fragmenten aus dem Basler Totentanz, den Erasmus sicher noch im Original erlebt hat, vorbei an Steinblöcken mit antiken Aufschriften und durch die Wunderkammern im Untergeschoss des Museums.

 

Inhaltlich und örtlich gut abgestimmt haben die Ausstellungsmacher unter Kurator Marcel Henry ihre Codes platziert. Und man kann viel über den geistigen Kosmos und das Leben des Erasmus erfahren, wenn man die Geduld hat, den doch manchmal arg ausführlichen Texten zu folgen. Die Augmented-Reality-Umgebung trägt das ihre zur Faszination der Ausstellungstechnik bei. So kann man sich an Ort und Stelle über den Tablet-Bildschirm auf Plätzen Basels, Roms oder Rotterdams umschauen oder einen genauen Blick in das Grab des Erasmus’ werfen.

Erasmus-Reise durch die Stadt

Das Historische Museum hat aber nicht nur die Welt des Erasmus’ in virtueller Form ins Museum hereingetragen. Das Haus lädt auch zu einem rund einstündigen Stadtspaziergang ausserhalb der Museumsmauern ein. Der österreichische Konzeptkünstler Oliver Hangl und der Basler Dramatiker Lukas Linder haben einen «Urban Erasmus Trail» kreiert, der für die Dauer von rund einer Stunde vom Museum übers Kleinbasel und wieder zurück ins Grossbasel führt.



«Wer anfangs zu sehr eilt, kommt später ans Ziel»: Der Erasmus-Parcours des Konzeptkünstlers Oliver Hangl und des Autors Lukas Linder führ unter anderem durchs Imbergässlein.

«Wer anfangs zu sehr eilt, kommt später ans Ziel»: Der Erasmus-Parcours des Konzeptkünstlers Oliver Hangl und des Autors Lukas Linder führ unter anderem durchs Imbergässlein. (Bild: Dominique Spirgi)

Der Trail vermischt auf unterhaltsame wie lehrreiche Art eine Krimihandlung mit dem Gedankengut des Humanisten, schlägt eine Brücke vom 16. zum 21. Jahrhundert und führt vorbei an überraschenden Interventionen im öffentlichen Raum. Auch hier ist ein Smartphone als Wegweiser und Begleiter notwendig. Aber diesmal kann es das eigene sein. Die Website des Museums stellt ab dem 20. Mai eine kostenlose Spaziergang-App zum Download bereit.

Auftakt zum Erasmus-Jahr

Die Ausstellung im Historischen Museum ist Auftakt für das Erasmus-Jahr 2016, das noch mit mehreren anderen Projekten dem einflussreichen Schaffen des berühmten Humanisten gedenkt:

  • Anfang Juli wird das Pharmazie-Historische Museum Basel das Haus zum Sessel am Totengässlein, wo Johannes Frobens Erasmus’ Schriften druckte, wieder in die Druckerei von einst zurückverwandeln.
  • Ab 24. Juni wird die Universitätsbibliothek Basel im Münster rund um die erste gedruckte Ausgabe des Neuen Testaments eine ganze Reihe von Handschriften und Drucken aus der Hand des Humanisten zeigen.
  • Ab 10. September wird das Kunstmuseum Basel mit einer Blütenlese der Bildtradition der Christusfrömmigkeit im 15. und 16. Jahrhundert seinen Beitrag zum Erasmus-Jahr leisten.
  • Erst im Frühling 2017 wird das Theater Basel unter dem Titel «Erasmus von Basel» eine «humanistische Theaterserie» starten.

Ergänzt wird dieses Ausstellungs- und Performance-Programm durch eine ganze Reihe an weiteren Veranstaltungen, die von Vorträgen über öffentliche Ringvorlesungen bis zu einer speziellen Kunstperformance reichen. So schafft der Künstler Florian Graf ein Objekt, das Mitte Juni auf dem Rhein auf die Reise von Basel nach Rotterdam geschickt wird.

Noch ein Wort zur Finanzierung

«Erasmus MMXVI» ist ein ebenso experimentelles wie mutig vorausschauendes und aufwendiges Projekt, das sicherlich nicht billig war. Klar, dass vor dem Hintergrund der Diskussionen um die finanzielle Lage des Museums die Frage nach den Kosten auftauchte. Wie viel die Ausstellung gekostet hat, wollten die Verantwortlichen nicht sagen. Aber nicht ganz ohne Stolz wiesen sie darauf hin, dass gut die Hälfte der sechsstelligen Summe aus Drittmitteln generiert werden konnte.

Einen beachtlichen Beitrag sollen die im Verein für das Historische Museum versammelten Freunde des Hauses beigetragen haben, sagte Gudrun Piller. Das Museum bot ihnen die Gelegenheit, spezifisch einzelne Elemente des Projekts zu finanzieren – ein Angebot, das offensichtlich gut ankam.

«Erasmus MMXVI». Bis 25. September 2016 im Historischen Museum Basel und im Stadtraum.

 

Konversation

  1. Ähem… alles Schön und Gut und Interessiert mich auch und werde ich mir ansehen – Nuuur: Erasmus wurde (vermutlich 1466) als Geert Geertsen in -wie der Beiname schon aussagt- Rotterdam geboren und Rotterdam gehört nun gewiss nicht zur Provinz (Nord)-Holland wo der Holländische Dialekt des Niederländischen gesprochen wird ! Und daher dürfte die Aussage, Holländisch sei seine Muttersprache gewesen, schlicht falsch sein – Niederländisch war seine Muttersprache !

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