Mummenschanz, leere Plätze und ein Aufmunterungspreis

Philipp Löhle ist ein gefeierter und inzwischen begehrter Theaterautor. Das Auftragswerk «Schlaraffenland» am Theater Basel wird diesem Ruf nicht gerecht.

Schlaraffenland ist abgebrannt: Philipp Löhle demontiert am Theater Basel die glückliche Kleinfamilie.

(Bild: Sandra Then)

Philipp Löhle ist ein gefeierter und inzwischen begehrter Theaterautor. Das Auftragswerk «Schlaraffenland» am Theater Basel wird diesem Ruf nicht gerecht.

Am Schluss kam es auf der Bühne des Schauspielhauses, quasi als Bonus, zur Verleihung des «Aufmunterungspreises». Der vom Zürcher Kaufmann Armin Ziegler (1884 bis 1977) gestiftete und mit 5000 Franken dotierte Preis wird seit 1999 in der Regel alle zwei Jahre an drei bis fünf junge Schweizer Schauspieler vergeben. Einer der aktuellen Preisträger ist das junge Basler Ensemblemitglied Mario Fuchs.

Fuchs hat den Preis sicher verdient. Er sei der Jury in der Produktion «Mittagswende. Die Stunde der Spurlosen» aufgefallen, sagte Jurymitglied Verena Buss in ihrer Laudatio. Das war aber nicht die Produktion, in der Fuchs vor der Preisverleihung zu sehen war.

Gespielt wurde «Schlaraffenland», ein Auftragswerk von Philipp Löhle. Es ist eine Produktion, die – nachdem man sie gesehen hat – einen den etwas eigenartigen Begriff «Aufmunterungspreis» anders verstehen lässt, als sich dies der Stifter wohl ursprünglich gedacht hatte.



Mario Fuchs (links), Träger des «Aufmunterungspreises» der Armin Ziegler-Stiftung.

Mario Fuchs (links), Träger des «Aufmunterungspreises» der Armin Ziegler-Stiftung. (Bild: Sandra Then)

Aber der Reihe nach. Es ist die zweite Vorstellung von «Schlaraffenland». Gleichentags waren die ersten Rezensionen der Uraufführung vom vergangenen Freitag erschienen. «Wenn man eine Meinung hat, aber keine Geschichte, schreibt man besser ein Pamphlet», lautete das vernichtende Verdikt des Kollegen der «Basler Zeitung». «Viel lautes Theater für den gut gemeinten Denkanstoss», schrieb die Kritikerin in der «bz Basel».

Einige Zuschauer, die zur zweiten Vorstellung gekommen sind, haben diese Kritiken gelesen. «Was, du kommst trotz diesen Besprechungen ins Theater?», ruft mir eine Bekannte und fügt hinzu: «Ich habe das Montags-Abo, ich muss also quasi kommen.» Aber sie habe schon des Öftern erlebt, dass ihr eine Produktion, die in den Zeitungen verrissen worden sei, ganz gut gefallen habe.

So ist es gut. Man sollte möglichst unbefangen ins Theater gehen. Allzu viele sind es an diesem Montag aber nicht. So kann das kleine Missgeschick der Billettkasse mit Musse erledigt werden. Mein Platz in der vierten Reihe Mitte wäre nämlich bereits vergeben gewesen. An eine ausgesprochen freundliche Abonnentin, die deswegen aber keinerlei Aufheben machen musste, weil die Plätze neben mir alle leer waren.

Was will uns Löhle sagen?

Jetzt aber zum Stück. «Schlaraffenland» von Philipp Löhle handelt vom Schlaraffenland. Also nicht von dem, das die Brüder Grimm einst beschrieben. Oder doch ein bisschen. Löhle führt die wohlstandsfeisse Kleinfamilie von heute vor. Das ist die Familie, die in immer grössere Wohnungen umzieht, sich stets bestes Essen einverleiben kann, in der die Kinder mit 19 Jahren ihr eigenes Auto geschenkt bekommen und so weiter.

Im Mittelpunkt steht der Sohn (eben der preislich aufgemunterte Mario Fuchs), der seine Geschichte erzählt, die sich in einem stilisierten hässlichen Häuschen auf der Bühne (Bühne/Kostüme: Dirk Thiele) abspielt. Regisseurin Claudia Bauer überträgt diese stilisierte Hässlichkeit auch auf die Figuren, die im ersten Teil als maskierte Puppen herumhampeln (Vincent Glander, Leonie Merlin Young, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Pia Händler und Ingo Tomi).

Dieser possenhafte Mummenschanz hat im ersten Moment seinen Reiz, zumal Löhles Sprache ihren bissig-satirischen Reiz hat. Doch inhaltlich kommt dieser erste Teil des Abends über die Zustandsbeschreibung der übersättigt-wohlstandsverwahrlosten Gemeinschaft nicht hinaus, sodass sich diese ersten rund 50 Minuten immer zäher werdend dahinziehen.

Nach dem Bruch das grosse Fragezeichen

Aber es reicht, um mit etwas Restspannung auf das zu harren, was nach der Pause geschehen wird. Denn am Schluss des ersten Teils kommt es zum Bruch. Der Sohn hat mit dem mentalen Spiegel vor seinem wohlstandsverfetteten Angesicht sein «Erweckungserlebnis»: Wohlstand geht nur auf Kosten von anderen.

Und um dieses Erweckungserlebnis geht es im zweiten Teil vornehmlich. Beziehungsweise um die Konsternation der Familie, der dieses erspart geblieben ist und mit vollstem Unverständnis darauf reagiert. Dieses Mal ohne Masken, aber dafür nicht minder possenhaft. Und leider erneut arg, ganz arg zerdehnt, auch wenn der Autor wiederum aufblitzen lässt, dass er eigentlich eine schöne Sprachfertigkeit an den Tag legen kann.

Inhaltlich präsentiert sich das Ganze ausgesprochen uneindeutig. Man fragt sich, was der Autor Löhle und die Regisseurin mehr in den Senkel stellen möchten: die übersättigte Wohlstandsgesellschaft oder das als hysterisch dargestellte Gutmenschentum? Oder gar beides?

Meint er das ernst?

Am Schluss wird noch ein pamphletartiger Showdown angefügt. In – natürlich – stilisierten Renaissance-Kostümen setzt sich das Ensemble, das sich über zwei Stunden wacker durch die Posse durchgekämpft hat, an die Rampe. Und los gehts mit einer Brandrede über den lausigen Zustand der Welt – unterbrochen durch mehrstimmig gesungene Verse aus der Schlaraffenland-Travesie der Brüder Grimm.

Im Zuschauerraum rätselt man unterdessen, ob wenigstens dieser Schluss ernst gemeint ist. Die Regie scheint sich da nicht so ganz im Klaren darüber gewesen zu sein. Und einige der Schauspieler bekundeten sichtlich Mühe, in ihrer Rolle zu bleiben, und kämpften damit, nicht lachend herauszuprusten.

Nicht so Mario Fuchs. Er blieb höchst konzentriert bis zum Schluss. Das allein ist nach dieser Herausforderung, der er sich als junger Schauspieler stellen musste, einen «Aufmunterungspreis» wert.
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Philipp Löhle: «Schlaraffenland». Theater Basel, Schauspielhaus. Die nächsten Vorstellungen: 21. und 29. Mai sowie im Juni 2017.

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