Mutige fallen auch mal auf die Nase

«Ohren steifhalten! Hornhaut kriegen! Verstanden?» Erich Kästners «fliegendes Klassenzimmer» aus dem Jahr 1933 ist mit seinen Ratschlägen fürs Leben zeitlos: Das Theater Basel bringt den Kinderbuchklassiker ab Dezember auf die Bühne.

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(Bild: imago stock&people)

«Ohren steifhalten! Hornhaut kriegen! Verstanden?» Erich Kästners «fliegendes Klassenzimmer» aus dem Jahr 1933 ist mit seinen Ratschlägen fürs Leben zeitlos: Das Theater Basel bringt den Kinderbuchklassiker ab Dezember auf die Bühne.

Johnny Trotz war vier Jahre alt, als ihn sein Vater, ein Deutscher, der in New York lebte, zum Hafen brachte, ihm zehn Dollar in ein Portemonnaie steckte und eine Tafel mit seinem Namen um den Hals hängte. Dann schickte er ihn auf einen Dampfer, der nach Hamburg fuhr, sagte ihm, die Grosseltern würden ihn drüben auf der anderen Seite des Ozeans abholen und sich um ihn kümmern.

Doch die Grosseltern, längst tot, kamen nicht. Und der Junge landete im Internat. «Damals verstand Jonathan Trotz noch nicht, was ihm angetan worden war. Aber er wurde grösser, und da kamen viele Nächte, in denen er wach lag und weinte. Und er wird diesen Kummer, den man ihm zufügte, als er vier Jahre alt war, sein Leben lang nicht verwinden können, obwohl er, das dürft ihr mir glauben, ein tapferer Junge ist.»

Von den Nazis geächtet

Johnny Trotz ist der erste der fünf Knaben, die Erich Kästner in seinem Kinderbuchklassiker vorstellt. Ein Klassiker deshalb, weil Kästner aufräumen wollte mit der naiven Vorstellung einer Kinderwelt, in der die Halbwüchsigen nichts als Blödsinn im Kopf hätten. «Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Grossen», schreibt er im zweiten Kapitel und gibt seinen minderjährigen Lesern einen Ratschlag mit, der wie aus der Zeit gefallen wirkt:

«Ihr sollt hart im Nehmen werden, wie die Boxer das nennen. Ihr sollt lernen, Schläge einzustecken und zu verdauen. Sonst seid ihr bei der ersten Ohrfeige, die euch das Leben versetzt, groggy. Denn das Leben hat eine verteufelt grosse Handschuhnummer, Herrschaften!»

Kästners Buch erschien 1933, im letzten Jahr der Weimarer Republik und bei Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft, und die Härte, die aus seinen Worten spricht, mag an den anstehenden Kasernenton des Regimes erinnern. Nichts läge Kästner jedoch ferner, als seine Leser früh an Drill zu gewöhnen.

Von den Nationalsozialisten wurde sein Buch geächtet, weil es seine Protagonisten ernst nahm: Die fünf Internatsknaben, die kurz vor den Festtagsferien noch für die Aufführung ihres Weihnachtsstücks proben müssen, sind als Individuen gezeichnet mit allen Stärken und Schwächen, die eine Persönlichkeit auszeichnen. Einer isst zu viel, ein anderer ist immer verängstigt, ein Dritter hat eine zu grosse Klappe, ein Vierter ist ein Emporkömmling, der durch Strebertum seine arme Herkunft übertünchen will. Und schliesslich Johnny, der introvertierte, traumatisierte Einzelgänger, der gerne in die Welt der Dichtung flüchtet.

Teufel, Teufel!

Die Proben zum Stück geraten zur Hintergrundhandlung, unterbrochen von Vorfällen wie dem Diebstahl von Diktatheften, einer Schneeballschlacht und einer Entführung durch die Jungs vom rivalisierenden Schulhaus. Aber diese Episoden sind nur Steigbügel für Kästners Ansinnen, Kindern stabile Werte zu vermitteln. Zivilcourage, Freundschaft und Mut – nicht jene heroische Waghalsigkeit, an der sich die Propagandamaschinerie des Dritten Reichs ergötzen sollte, sondern die Art von Mut, auch einmal auf die Nase zu fallen und Schrammen davonzutragen, wenn man für die richtigen Dinge einsteht.

«An allem Unfug, der geschieht, sind nicht nur die schuld, die ihn begehen, sondern auch diejenigen, die ihn nicht verhindern», lässt Kästner einen der Jungs mit einem prophetisch-pessimistischen Unterton sinnieren. Der war seiner Zeit geschuldet und der Epoche der Neuen Sachlichkeit, aus der heraus er schrieb und in der die gesellschaftlichen Umwälzungen jener Epoche mit allen Schattenseiten nüchtern wiedergegeben wurden.

Ein Beispiel dafür ist der «Nichtraucher», der in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon lebt und sich mit Kneipenschlagern sein Geld verdient, wahrscheinlich einer der ersten Aussteiger in der deutschen Literaturgeschichte.

Die Sprache hat sich gewandelt, Beleidigungen wie «Angströhre» oder Flüche wie «Teufel, Teufel» hört man heute eher selten. Kästners pädagogische Einsicht, dass man in Kindheit und Jugend lernt, als Erwachsener zu bestehen, hat seine Gültigkeit jedoch bewahrt.
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Das Theater Basel zeigt «Das fliegende Klassenzimmer» ab dem 1. Dezember in der Regie von Daniela Kranz.

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