Navels «Songs of Woe»: Die Schönheit der Verletzbarkeit

Rock, Blues und Folk konnten Navel schon früher. Nun entdecken sie die Intensität jenseits der Lärms und schaffen damit einen Meilenstein der Bandgeschichte.

Rock, Blues und Folk konnten Navel schon früher. Nun entdecken sie die Intensität jenseits der Lärms und schaffen damit einen Meilenstein der Bandgeschichte.

Schon wieder Navel ist man versucht zu sagen. «Loverboy» liegt gerade mal eineinhalb Jahre zurück, «Neo Noir» etwas über drei. Hört man nun «Songs of Woe», klingt es wie der Abschluss und Höhepunkt einer Trilogie.

Das Album bewegt sich auf Feldern, die schon auf den Vorgängern beackert wurden, erkundet aber auch neue Territorien. Gleich zum Auftakt überrascht das Quartett um Jari Antti mit Bongos und Streichern aus dem Mellotron. Und im Zentrum des Album stehen mit «Teenage Blues», «Tale of Woe» und «Where Have You Been» drei vergleichsweise gezügelte Nummern, in denen auch mal Keyboards die Hauptrolle übernehmen.

Speziell diese drei Songs zeigen, welch überragender Komponist und Arrangeur Jari Antti (ein Porträt lesen Sie hier) ist. Andere Rockbands kaschieren schon mal fehlende Ideen mit Lärm. Navel aber liefern hier gleich mehrere Kandidaten für Bestenlisten und Playlists zum Jahresende.

Riffrausch ohne Rockgemacker

Fans der übersteuerten Gitarren von «Neo Noir» kommen mit «Way Out» auf ihre Rechnung, wo sich die Band über fast acht Minuten geduldig in einen Riffrausch steigert. Das Angenehme ist, dass Navel selbst in Momenten der Entfesselung eben nie die Rockmacker raushängen lassen, wie es andernorts moniert wird. Darin unterscheiden sie sich von Bands wie BMRC, mit denen sie immer wieder verglichen werden

Rock’n’Roll ist keine Machomusik, das haben Navel begriffen. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie nie «nur» eine Rockband waren, sondern immer wieder die Blues- und Folkwurzeln ihrer Musik freilegen, diesmal etwa in «Don’t Get Me Wrong» oder im Instrumental «Ocean», wo das Banjo pluckert wie bei den seligen 16 Horsepower.

Es ist hier nicht der Platz, jeden Song einzeln zu würdigen. Auch wenn es eine Mehrzahl der Stücke verdient hätte. Darum sei hier nur noch das abschliessende «Let Me Take You By My Side» erwähnt, halb Werben, halb Klage und der würdige Schlusspunkt eines Albums, das seine Schöpfer als souveräne Musiker präsentiert, aber auch die Verletzbarkeit der Menschen hinter den Klängen schmerzhaft schön offenbart.

Navel waren schon immer eine tolle Band, «Songs Of Woe» ist ihr Meisterwerk. Vorläufig. Wer weiss schon, wozu Jari Antti und seine Mitmusiker noch fähig sind.


Navel: «Songs of Woe» (Noisolution/Irascible)

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