Ohne Risiko kein Leben

«Sicherheit ist eine Illusion», sagt der Bergsteiger Werner Munter, «und auch nicht interessant.» Doch wieviel Wagnis verträgt das Leben? Dieser Frage geht der Dokufilm «Berge im Kopf» nach, der am 13. Februar anläuft.

(Bild: Valentin Kimstedt)

«Sicherheit ist eine Illusion», sagt der Alpinist Werner Munter, «und auch nicht interessant.» Doch wieviel Wagnis verträgt das Leben? Dieser Frage geht der Dokufilm «Berge im Kopf» nach, der am 13. Februar anläuft.

«Wenn Berge nur schön wären, wäre ich nicht Bergsteiger geworden», sagt der Bergguru Werner Munter, 72, der unbeirrbar im Walliser Val D’Hérens herumklettert. Um seinen Kopf lässt der Altlinke grauen Wildwuchs gedeihen, er saugt die Wildnis des Tals in sich auf wie ein Schwamm, liebt das gesunde Risiko – das Salz seines Lebens – und stellt andererseits trigonometrische Messungen im Schnee an, um dem Verhalten von Lawinen auf die Spur zu kommen.

Am anderen Ende der Altersskala haben die Filmemacher einen Bergsteiger aufgetrieben, dessen Kraft kaum nachvollziehbar ist. Dani Arnold ist 29 und hat unlängst Ueli Stecks Rekord an der Eigernordwand gebrochen: In 2 Stunden und 28 Minuten raste er allein und ohne Sicherung auf den Gipfel.

«Berge im Kopf» des Basler Labels «Filmformat» porträtiert vier Schweizer Bergsteiger aus vier Generationen und begleitet sie bei ihren Aufstiegen. Dabei steigt der Film nicht ohne Pathos ein. Oder besser gesagt: Er zeigt das Pathos, mit dem Bergsteiger über ihre Leidenschaft sprechen, die rational nur schwer mitteilbar ist. Zu Beginn liest der Welsche Jacques Grandjean (60) aus seinen Aufzeichnungen von vor 35 Jahren, als er die Eigernordwand bestieg.

Anschliessend ist er den Tränen nah: «Ich werde kämpfen, bis mein Traum Wirklichkeit wird. Unter uns liegen die Bequemlichkeit und die Überflüssigkeiten der Welt. Über uns Steine, Eis, nochmal Steine, Erschöpfung und, vielleicht, der Gipfel.» Grosse Worte, auch wenn sie genau den Punkt treffen. Dani Arnold bringt es in einem Satz zusammen: «Man muss verrückt sein.»

Philosoph am Berg

Der Film hält sich mit der Faszination, die so schwer ohne Romantik darstellbar ist, nicht auf. Bald findet er sein Thema, das sich in der Begegnung mit den Bergprofis herausschält: Wie verbindet man die minutiöse Kontrolle, die zum Gelingen einer Besteigung unabdingbar ist, mit der Bereitschaft zum Risiko, ohne die man ebenfalls keinen Gipfel erreicht? Für Matthias Affolter (37, Regie), Jonas Jäggy (32, Kamera) und Mathias Hefel (45, Produktion) steckt darin eine ganz allgemeine Frage: «Wieviel Sicherheit braucht man und wieviel Wagnis, um mit einem guten Gefühl leben zu können?» formulieren sie das Thema bei einem Gespräch in ihrem Büro in der Hammerstrasse.

Werner Munter, Bergguru.

Werner Munter, Bergguru. (Bild: ©MovieBiz)

Es ist ein philosophischer Film, erzählt mit den Bildern des Berges. Unter Umständen führt das Bergsteigen selbst zum Philosophieren, so im Fall von Werner Munter, der immer kleinere Runden im Walliser Val D’Hérens dreht: so gut seine Knie noch können, aber auch kein bisschen weniger. «Die meisten Menschen unterscheiden Sicherheit und Risiko. Ein Leben ohne Risiko ist jedoch nicht lebenswert, und vollkommene Sicherheit ohnehin eine Illusion. Ich bin für die Einführung eines Schulfachs. Schon Kinder sollten lernen, ein gutes von einem schlechten Risiko zu unterscheiden.» Seine Forschung gibt ihm recht. Er hat sich vom Versuch, Lawinen vorauszusagen, abgewandt, und sich stattdessen damit auseinandergesetzt, wie man mit Lawinenrisiken umgehen kann. Seine Methode, behauptet der Abspann des Films, habe die Lawinentode in der Schweiz halbiert.

Gretchenfrage am Makalu

Weniger wortgewandt, dafür dramatisch stellt sich die Gretchenfrage auf einer Expedition des Bergführers Stephan Siegrist (41), die den schwierigen Westgrat des Makalus in Nepal in Angriff nimmt. Noch vor der eigentlichen Gratbesteigung kommt Siegrist mit der grossen Höhe nicht zurecht und liegt mit starken Kopfschmerzen im Zelt. Der Film begleitet ihn eindrücklich bei seiner Angst vor den Gefahren, bei seinem Frust, als sich abzeichnet, dass er absteigen muss, bei der Versuchung, die der Gipfel ausstrahlt – und der schliesslichen Umkehr und Rückkehr zu seiner Familie.

Der Film vom Berg, der ohne künstliche Beigabe zum Krimi wird, ist ein wichtiger Moment für das Basler Filmtrio. Vor sieben Jahren taten sich die drei zu «Filmformat» zusammen und drehten seither Doku- und Auftragsfilme zu unterschiedlichsten Themen – «Berge im Kopf» ist der erste Kinofilm mit abendfüllender Länge. Hefel erzählt: «Als im Frühjahr 2012 das Bundesamt für Kultur anrief und sagte: Sie kriegen sehr viel Geld, antwortete ich: Entschuldigen Sie, ich muss gerade mal weinen.» – Zumal, da Basel für Filmemacher ein hartes Pflaster ist. Wo die Stadt maximal 50’000 Franken für ein Projekt zahlt, sind es in Zürich und Bern 750’000. «2014 wird für die Basler Filmförderung ein wichtiges politisches Jahr», sagt Matthias Affolter und hofft. Denn der Basler Standort steht für «Filmformat» ausser Disskussion.

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«Berge im Kopf» läuft im Kult.Kino Camera

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