Panoptikum der Kreativwirtschaft

Jakob Tschopp, der am 30. November starb, war Begleiter, Vermittler und Archivar der Basler Werkraumbewegung. Beim Blick in seine Texte werden die frühen Jahre der Bewegung im Werkraum Schlotterbeck wieder lebendig.

(Bild: HJ. Walter / Staatsarchiv Basel)

Jakob Tschopp, der am 30. November starb, war Begleiter, Vermittler und Archivar der Basler Werkraumbewegung. Beim Blick in seine Texte werden die frühen Jahre der Bewegung im Werkraum Schlotterbeck wieder lebendig.

Ein gestriegeltes Pferd hat den Sargwagen bis zum Dorfplatz gezogen. Die Trauerschar hat sich am Fuss des Hügels der St. Georgskirche in Schuls versammelt. Es ist Samstag der 7. Dezember 2013. Der Südhang des Talkessels ist aper, die Flanken am Nordhang sind schnee­bedeckt. Die Trauernden warten stumm das Glockengeläute ab. Dann heben sechs Männer den Sarg an und tragen ihn zur Grabstätte. Der Pfarrer spricht die Abschiedsworte.

Der Kirchbühl von St. Georg überragt das Dorf und ist von weither sichtbar. Er ist die letzte Ruhestätte von ­Jakob Tschopp, der in der Basler Werkraumbewegung entscheidend mitgewirkt hatte und Ende November im ­Alter von 76 Jahren gestorben ist.

Bewegung auf der Strasse

Der ehemalige Leiter der Basler Unibibliothek hat die Ereignisse der Werkraum­bewegung seit 1989 in Text und Kontext umfassend dokumentiert. Seine Sammlung wird heute im Basler Staatsarchiv aufbewahrt. Beim Stöbern in den 99 Archivschachteln werden die frühen Jahre der Bewegung wieder lebendig, als wäre es gestern gewesen.

Nach der gewaltsamen Räumung der Alten Stadt­gärtnerei im St. Johann am 21. Juni 1988 und der Vertreibung der von der Basler Kantonalbank zunächst geduldeten Besetzern des ehemaligen Kinos Union an der Klybeckstrasse stand die «Bewegung» am 2. April 1989 auf der Strasse. Bis zu den Sommerferien erfolgte ein Kessel­treiben mit Grossdemonstrationen und weiteren polizeilichen Räumungen. Dann schienen Kraft und Hoffnung aufgezehrt zu sein.

Sie waren es aber nicht ganz. Der Sommer 1989 war auch die Geburts­stunde der Werkraumbewegung, die aus der Alten Stadtgärtnerei herauswuchs. Sie sollte in Basel zu einem wichtigen Treiber der Kreativwirtschaft, des neuen Handwerks und der performa­tiven Kunst werden.

Die Werkraumbewegung ist besser zu verstehen, wenn man sie vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen dem Werkplatz Schweiz und dem Finanz­sektor Schweiz ­reflektiert. Kreativität und künstlerische Produktivität stehen den Ka­pitalren­ditezielen des Finanzsektors ­diametral gegenüber. Dabei bleiben die gesellschaftliche Kreativität und das neue Unter­nehmertum im Mangel. Ohne Kapital geht es aber nicht.

Es fehlt dem ­Finanzplatz die Kultur der Verantwortlichkeit.

Der Finanzsektor wiederum schleicht sich vom Werkplatz davon, in Blasen immer neuer «hochren­tabler» Finanzprodukte.Das war uns damals bewusst. Und ganz besonders Jakob Tschopp.

Er hatte sich in den 1980er-Jahren neugierig in der Gegenwartskultur umgesehen und wurde zum Kunstsammler, der keine Ausstellung der Art Basel verpasste und aus vielen Galerien- und Atelierbesuchen eine bedeutende Kunstsammlung aufgebaut hatte. Aber 1989/90 hatte sich der Kunsthandel so stark aufgebläht, dass Tschopp im Sommer 1990 in New York den Kollaps des Kunsthandels mitansehen musste.

Mehr noch: «Damals waren die ­Zeitungen voll vom ersten grossen Zusammenbruch eines Finanzjongleurs (Donald Trump)», schrieb Tschopp. «Mir war alles unheimlich. Irgendwie reflektierte die Kunstszene dort – also die Gale­rienwelt – die ganze Leere ­dieses Business und dieser Anla­ge­strate­gien.»

Die Anfrage des Kul­tur­akti­visten Ronald Wüthrich, ob Tschopp im Gründungsverein des Werkraums Schlotterbeck mitwirken wolle, kam genau zum richtigen Zeitpunkt.

Besonders wertvoll war für Tschopp damals, dass die Kerngruppe der ­Zone-Leute in der Werkraumbewegung den Kunstbegriff zur Diskussion stellten. Sie interessierten sich für das Kunstsubjekt – weit mehr als für das Kunstobjekt. Diese Frage förderte eine öffentliche Auseinandersetzung mit Joseph Beuys und dem erweiterten Kunstbegriff.

Das packte Tschopps leidenschaftliches Interesse. Denn die Werkraumbewegung liess sich auch verstehen als eine soziale Plastik, die auf Gemeinschaftlichkeit in Entwicklungsprozessen gründet.

Grundeinkommen als Ziel

Der Geldbegriff war ein weiteres ­Thema, das in der Werkraumbewegung intensiv verhandelt wurde. Das Geld sollte vom Warencharakter befreit werden und vollauf als Medium in sozialen Kreisläufen seine Wirkung entfalten.

Eine Initiative für ein «Grundeinkommen für alle» war schon damals ein Ziel innerhalb der Werk­raum­bewegung. Dem Geldzyklus im Finanzsektor wurde das Konzept der Gründung von Unternehmen entgegengestellt, deren Kapitalausstattung gemeinschaftlich durch eine «anarchistische Bank» zu sozialem Nutzen eingesetzt werden soll.

Mit dem Begriff Werkraum konturierte sich damals innerhalb der Stadtgärtnerei-Bewegung die Vorstellung, nicht einen öffentlichen Versammlungs­ort oder soziale Notver­sor­gungs­dienste aufzubauen, sondern unternehmerische und künstlerische Initiativen zu beherbergen. Wirtschaftliches Gründertum eben, «Werkplätze» in gemeinschaftlicher Verantwortung. Folgende Sparten mieteten sich damals, verteilt auf 40 Mietpar­teien, im Schlotterbeck ein: Malerei, Bildhauerei, Architektur, Schreinerei, Schlosserei, Sattlerei, ­Design, Textilgestaltung, Verlags­wesen, Video, Film, Fotografie, Grafik, Dichtung, Theater, Tanz, Performance, Zirkus, Wissenschaft, Journalismus, Küche, Abfallbewirtschaftung, Velo und Ökologie.

Der Werkraum war, was heute als «Kreativ­wirtschaft» gilt.

Der Werkraum war ein Panoptikum von all dem, was rund zwanzig Jahre ­später als «Kreativwirtschaft» umschrieben wird und als wirtschaftliche Wachstumsbranche für europäische Stadtgesellschaften erkannt worden ist. In Basel soll ihr heutiger Anteil von rund 10 Prozent der Wertschöpfung auf 15 bis 18 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts gesteigert werden.

Die erste Werkraumgeneration zog es vom akademischen Wolken­kuckucksheim in lebenspraktische ­Tätigkeitsfelder. Realwirtschaft und künstlerisches Design statt endlos spe­zialisierte Dienstleistungen, das war die Stossrichtung. Viele erlernten ­ihren Beruf ausserhalb der eidgenössisch diplomierten Lehrgänge. Sie steckten voller neuartiger Ideen und Enthusiasmus. Ihre Werktätigkeit umfasste viel Arbeit – und brachte üblicherweise kaum Geld ein.

Es ist in der Folge dem Vorstand des Schlotterbeck-Werkraums gelungen, nach Ablauf der Zwischennutzung beim Bahnhof SBB im Sommer 1993 weitere Werkräume an neue Ini­tiativgruppen zu vermitteln. Der Werkraum Warteck und das Unternehmen Mitte existieren noch heute. Zwischennutzungen gab es auf dem Bell-Areal und in der Druckerei Frobenius. Und im Lauf der Jahre bildeten sich weitere Werkrauminitiativen, oft auch kleinere, die das Aufkeimen der Basler Kreativwirtschaft erst ermöglichten.

Die Software-Firma Day hebt ab

Michael Moppert, Gründungsmitglied und einer der Verhandlungsführer des Schlotterbeck-Werkraums, ging ­einen exemplarischen Weg. Aus seinem ­Atelier auf dem Bell-Areal gründete er – nach den Vorgängerunternehmen ­Bidule4 und Bidule AG – die Day Software AG am 19. Januar 1993. Damals war der spätere Gründer von Netscape eben daran, den allerersten Browser zu entwickeln. «Wir hatten die Chance, sozusagen vollkommen unbekanntes Territorium zu erforschen», sagte Moppert im Rückblick. «Kein einziges grosses Unternehmen hatte eine eigene Website, das Internet steckte noch nicht mal richtig in den Kinderschuhen.» In dieses Entwicklungsfeld tauchte Mopperts Day Software AG ein, vorerst im Werkraum der ehemaligen Wurstfabrik Bell.

Nun ist zwar dieses Beispiel für die Basler Werkraumunternehmen völlig einzigartig in seiner Innovationskraft und seinem wirtschaftlichen Erfolg. Weder das Platzen der Dotcom-Blase noch die Finanzkrise 2008 beeinträchtigten den Wirtschaftserfolg von Day. Die Firma war mittlerweile auf 130 Angestellte angewachsen und erzielte einen Jahresumsatz von über 25 Millionen Franken. Kaum die Hälfte ihres Umsatzes generierte sie noch in der Schweiz oder Europa, und seit dem Jahr 2000 war Day an der Schweizer Börse kotiert.

Am 29. Oktober 2010 verkauften Moppert und die Mitbeteiligten das Unternehmen schliesslich an die US-Firma Adobe – zum Preis von 255 Millionen Franken.

«Es gab 1993 in der Schweiz keine Start-up-Szene mit Finanzierungsmöglichkeiten», erinnerte sich Moppert 2011: «Wir mussten einfach Geld verdienen, wenn wir überleben wollten. Und das hiess: so schnell wie möglich Kunden finden für unsere Technologie.» Banken standen am Anfang nicht für solche Risiken ein.

Immerhin: Die Schweizerische Volksbank hatte als Vermieterin des Schlotterbecks den Zwischennutzern durch eine Abschlagszahlung von 70 000 Franken pro Jahr einen ­attraktiven Mietzins offeriert. Die BKB spendete ein­malig 1000 Franken. Und die Freie Gemeinschaftsbank machte 1991 dank einer Solidarbürgschaft den Werkraum im Schlotterbeck überhaupt erst möglich; sie haftete gegenüber der Volksbank für die Mietzinszahlungen der Werkraummie­ter im Umfang von 112 500 Franken.

Finanzbranche meldet sich ab

Die Finanzierung von Start-up-Unternehmen der Kreativwirtschaft durch Banken ist bis heute total unbefriedigend. Leider macht auch die staatliche BKB keine Ausnahme, deren Raison d’être doch eigentlich die Kreditversorgung im Kantons­gebiet wäre.

Es gibt sie zwar, die unternehmerisch denkenden jungen Leute, die etwas Kreatives aufbauen und einen neuen Wirtschaftszyklus gründen, seit nunmehr 25 Jahren. Die Finanzbranche allerdings meldete sich in diesem Zeitraum schleichend aus der heimatlichen Wirtschaftsgemeinschaft ab und investierte das Geld der einhei­mischen Sparer lieber in Konsortial­kredite für Grosskunden im Ausland, der bellenden Herde nachrennend.

Zweifellos muss eine Bank diversifiziert engagiert sein, um erfolgreich zu bleiben. Aber es fehlt am Finanzplatz die Kultur der Verantwortlichkeit gegenüber der Wirtschaftsleistung unserer Volkswirtschaft, dort, wo sie innovativ und zukunftsgerichtet ist. Das haben in den letzten Jahren mehrere junge Basler Unternehmen erfahren müssen.

Jakob Tschopp wirkte sowohl im Schlotterbeck- wie auch im Warteck-Werkraum in verantwortungsvoller Stellung als Vermittler. Seiner Herkunft nach fest im Basler Bürgertum verankert, faszinierte ihn in der Verwandtschaft am meisten der Bruder seiner Mutter, Hans Jakob Oeri (1921–1987), der Gegenwartskunst sammelte. Bei meiner letzten Begegnung mit Tschopp in Scuol im Sommer 2012 schilderte er mir, wie er bei Oeri ein gegenwartsbezogenes Kunstverständnis erlernt hatte und wie ihm Oeri dadurch zum Vorbild wurde.

Von diesem Kunsterlebnis geprägt, war Tschopp empfänglich für das En­gagement der Werkraumbewegten und für deren soziales Plastizieren. Sein selbstloses Mittun in dieser lebendigen und aufbaufreudigen Gegenwarts­gemeinschaft habe ihm viel Erfüllung gebracht, hat er immer wieder gesagt.

Jakob Tschopp hat ein Problem

Aber Tschopp hatte auch ein Problem. Er benannte es in einem Interview mit Daniel Häni, der heute im Leitungsteam des Unternehmens Mitte tätig ist, mit folgenden Worten: «Die Probleme, die mir zu schaffen machen, liegen im Bereich der Geldbeschaffung. Ich fühle mich da oft sehr unwohl. Es ist ein Erfahrungsfeld, in dem ich nicht weiterkomme. Und wenn ich sehe, wie andere Leute Geld beschaffen können! Ich sehe zum Beispiel, wie ein Galerist den Illuminator von Jean Tinguely an den Mann bzw. an die Bank bringt.» Bei diesem Kunstengagement handelte es sich um das Sponsoring einer Bank, die werbewirksam in der Schalterhalle des Basler Bahnhofs gegenwärtig sein wollte.

Diese Form des Geld­einsatzes war damals in der Schweiz noch wenig anerkannt und verbreitet. Entsprechend war auch die Bereitschaft der Wirtschaft, 1991/92 Geld für die Werkraumbewegung einzusetzen, eher gering. ­Zudem hatte sich die Antipathie gegenüber den aufmüpfigen «Stadtgärtnern», die durch Presse und Politik genährt wurde, zunächst negativ für die Werkraumbewegung ausgewirkt.

Doch Jakob Tschopp, der sich stets präzise in Situationen und Menschen einfühlen konnte, bemerkte bald, wie die gesellschaftliche Akzeptanz allmählich wuchs – dank der blos­sen Präsenz des Werkraums, aber auch dank der vielen Besucherinnen und Besucher, die durch das reichhaltige Veranstaltungs­programm des Schlotterbecks angelockt wurden. Sodass er schliesslich glücklich sagen konnte: «Das sind dann die ganz starken Er­lebnisse: wenn ich plötzlich sehe, aha, das wirkt von sich selber aus weiter. Das tröstet mich dann. Da fühle ich mich wohl. Wenn ich sehe, da hat etwas gewirkt, längerfristig in aller Stille, was unsere eigene Sache ist.» Tschopps ­eigener Verdienst an dieser positiven Entwicklung war riesig.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 13.12.13

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