Politisch, ironisch, digital: «Konflikt-Zonen» im HeK

In seiner neuen Ausstellung hinterfragt der Künstler Daniel G. Andújar, wie digitale Information produziert, verbreitet und aufgenommen wird. «Konfliktzonen» ist eine der Ausstellungen, bei denen man am liebsten in den Kopf des Künstlers kriechen würde.

Gesichtserkennung und was das mit Videospielen zu tun hat: Der spanische Künstler Daniel Andújar beschäftigt sich in der Ausstellung «Konfiktzonen» mit der Realität und deren digitaler Abbildung.

(Bild: Daniel Andújar, video still)

In seiner neuen Ausstellung hinterfragt der Künstler Daniel G. Andújar, wie digitale Information produziert, verbreitet und aufgenommen wird. «Konfliktzonen» ist eine der Ausstellungen, bei denen man am liebsten in den Kopf des Künstlers kriechen würde.

Daniel G. Andújar gibt gerne ausführliche, grundsätzliche Antworten auf Fragen zu seinen Kunstwerken. Nicht ganz ohne Grund. Ob es um die Gegenüberstellung von Videospielen mit Aufnahmen von Polizeigewalt geht oder um Handyaufnahmen von bunten Ecstasypillen, überall geht es nicht um ein Bild, sondern um viele, nicht um das Dargestellte, sondern um den Zusammenhang.

Das bemerkt man schon am Eingang des Ausstellungssaales im HeK, dessen gegenüberliegende Wände mit Ausdrucken tapeziert sind. Links Anleitungen zum Bombenbau aus dem «Anarchist Cookbook» von 1971, rechts Hacking-Tipps aus dem Internet. Subversion, Rohrbomben, Freedom of Information, eine wilde Mischung.

Aus Demonstranten werden Bösewichte

Gleich daneben eine Gegenüberstellung von blutigem Häuserkampf aus einem Videospiel mit einer realen Szene gefilmter Polizeigewalt. Dazu Gesichtserkennungsabläufe, zusammengeschnitten mit der Modellierung von Gesichtern für Games. Tatsächlich, erfährt man aus dem Begleittext, werden aus Bildern von Demonstranten die «Bad Guy»–Charaktere für Videospiele geschaffen.

Kann man das Manipulation nennen? «Videospiele sind ein Geschäftszweig, mit eigener Kuratierung, Musik, Architektur und Dramatik, die mehr Geld macht als ganz Hollywood», sagt Andújar dazu. «Mithilfe einer Bildsprache, die wahrscheinlich bald mehr Menschen erreichen wird als konventionelle Medien.»

Die Schemazeichnungen von Demonstranten in Hoodies an der gegenüberliegenden Wand zeigen aber keine Randalierer, sondern sogenannte Infiltrators: Polizisten in Zivil, die sich unter Demonstranten mischen. Verwirrend. 

Das Œuvre von Daniel Andújar im Video des Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía.

Verwirrende digitale Welt

Genau das ist beabsichtigt. Was wir in der digitalen Welt serviert bekommen oder uns servieren lassen, ist sehr oft nicht das, was es scheint. Oder wir fallen auf unsere menschlichen Unzulänglichkeiten herein.

Wie in «Capital. The Commodity Drug». Da hat Andújar eine ganze Wand mit Fotos bestückt, die er im Darknet zusammengeklaubt hat. Meist Handyfotos von Händlern, die im Netz Drogen verkaufen. Die Galerie umfasst bunte Ecstasypillen, Cannabisblüten und undefinierbare Kristallhaufen, von denen eines, laut Aufschrift, sogar Mate enthält. Die Ironie wäre gar nicht nötig. Der Lärm des Maschinengewehrfeuers aus dem Videospiel im Rücken tut den Rest.

«Postinternet Art»

Weiter gibt es Waffen zum Selbstausdrucken, Videos von Kindergeburtstagen in Spieluniformen, gemischt mit realen Kriegsszenarien oder in China bestellte Polizeischilde, Schlagstöcke und Helme. Mit Wunschaufschrift im Hunderterpack erhältlich.

Es geht nicht einmal mehr darum, mit welchen digitalen Mitteln Realität dargestellt wird oder was im Zweifelsfall zuerst da war, das Bild oder dessen reale Entsprechung, beides beeinflusst sich längst gegenseitig.

«Postinternet Art» nennt sich diese Kunstrichtung. Nicht, weil es um Kunst geht, die nach dem Internet entstanden ist, sondern weil es einen Zeitpunkt gibt, nach dem man Kunst ohne das Internet nicht mehr denken kann.



Künstler Daniel G. Andújar im Haus der elektronischen Künste.

Künstler Daniel G. Andújar im Haus der elektronischen Künste. (Bild: Daniela Gschweng)

«Wir leben in einer visuell verpesteten Welt», sagt Andújar über seine Kunst. «Wir schaffen es nicht, diese ganze visuelle Information zu dekodieren. Da hilft nur Bildung.» In der Sammlung des spanischen Künstlers finden sich 250’000 Files, gesammelt zwischen 1989 und 2001, die er zusammenstellt, bearbeitet, gegenüberstellt. Immer wieder hat er deshalb Urheberrechtsprobleme, was ihn nicht stört. «Ich habe den besten Anwalt in Spanien. Bisher habe ich alle Prozesse gewonnen», sagt er. «Einzigartigkeit», findet er, «liegt nicht im Objekt, sondern im Kontext.» 
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Daniel G. Andújar: «Konfliktzonen», 16. September bis 15. November 2015, HeK, Haus der elektronischen Künste Basel. Vernissage: 16. September, 19 Uhr in Anwesenheit des Künstlers.

Der spanische Künstler Daniel Andújar (lebt in Barcelona) setzt sich seit mehr als 20 Jahren künstlerisch mit dem Internet auseinander. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Machtstrukturen in gesellschaftlichen Systemen sowie Möglichkeiten von Technologien als staatliche Kontrollinstrumente. Als Kurator, Aktivist, Hoster, Datenarchivar und Medientheoretiker unterstützt er verschiedene Kollektivprojekte im Internet. Das spanische Nationalmuseum Reina Sofia in Madrid zeigte von Januar bis April 2015 Andújars Ausstellung «Sistema operativo». «Konfliktzonen» ist seine erste Einzelausstellung in der Schweiz.

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