Punk und Glamour

Auch wenn Leos Carax den Wettbewerb in Cannes mit einem grossartigen Comeback aufmischt: So brav hat sich lange kein Wettbewerb mehr präsentiert.

Regisseur Leos Carax mit seinen Schauspielern Kylie Minogue und Denis Lavant (v.l.) (Bild: Keystone)

Auch wenn Leos Carax den Wettbewerb in Cannes mit einem grossartigen Comeback aufmischt: So brav hat sich lange kein Wettbewerb mehr präsentiert.

Vielleicht siegt in Cannes ja dieses Mal die Frechheit. Leos Carax hat mit «Holy Motors» seinen ersten Langfilm seit 13 Jahren ins Rennen um die Palme geschickt. Dabei hat er einerseits zur rohen Romantik seines unvergessenen Outsider-Dramas «Die Liebenden von Pont-Neuf» zurückgefunden. Andererseits aber auch zur kompromisslosen Haltung, die den Punk aus reichem Hause – der geborene Alexandre Oscar Dupont gehört einer der reichsten Familien Frankreichs an – seit seinen Anfängen auszeichnete. Carax’ Lieblingsdarsteller Denis Lavant spielt auch diesmal das poetische Alter Ego des Regisseurs.

Zu Anfang sieht man ihn in der Rolle eines noblen Geschäftsmanns eine luxuriöse Villa verlassen und in eine weis­se Stretchlimousine steigen, die von einer Kinoveteranin gesteuert wird, der französischen Schauspielerin Edith Scob. Sowohl die Szenerie als auch die Besetzung gehören zur Gebrauchsanleitung dieses ungewöhnlichen Films: Das Haus erinnert uns an Jacques Tati und seinen Klassiker «Mon Oncle». Und Edith Scob ist natürlich der gute Geist aus den fantastischen Filmen von Georges Franju.

Beredtes Schweigen

Jetzt ahnen wir auch, wie sich der leidenschaftliche Cinephile Leos Carax die vergangenen 13 Jahre vertrieben haben mag: Er muss sich immer wieder ihre Meisterwerke angesehen haben. Von Tati übernimmt er das beredte Schweigen. Und von Franju die morbide Romantik von Klassikern wie «Augen ohne Gesicht». Dort versteckte Scob ihre grossen, mädchenhaften Augen hinter einer Maske, die sie auch in der letzten Szene von «Holy Motors» wieder aufsetzt. Dazwischen nimmt das Tageswerk des «Monsieur Oscar» seinen rätselhaften Lauf.

Offenbar von einer jenseitigen Macht entsandt, schlüpft der Mann in neun Episoden in immer neue Rollen, um das ganze Spektrum der menschlichen Existenz zu verkörpern. Er ist ein Bettler, ein Mörder, ein Liebhaber oder ein Monster. Auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise platzt er in eine morbide Modefoto-Session und raubt kurzerhand das glamouröse Model (Eva Mendes), schleppt sie sehr zu ihrem Gefallen in seine feuchte Gruft. Dann aber scheint er sogar einmal er selbst zu sein, wenn er eine Kollegin trifft, die dem gleichen mysteriösen Beruf nachgeht. Kylie Minogue nutzt ihren betörenden Auftritt zu einer elegischen Chanson-Einlage. Wie in jeder der neun Episoden spielt auch hier die Kulisse eine Rolle: Carax drehte im verfallenen Pariser Luxushotel «La Samaritaine», das gerade recht scheusslich renoviert wird.

Auch in Carax’ Kino lebt die Schönheit in einem steten Zwiespalt mit dem Reiz des Falschen. Und immer wieder weckt er uns mit einem schrägen Scherz aus aller Illusion, wenn wir seinem schönen Kitsch verfallen sind.

Nach Cannes kommt nicht jeder, aber glaubt man dem Österreicher Michael Haneke, gehört dazu vor allem künstlerischer Mut. Als ihn jetzt der deutsche Kulturminister Bernd Neumann fragte, warum es seinem Land einfach nicht gelinge, in diesen Wettbewerb zu kommen, antwortete er recht direkt: «Ihr seid einfach zu brav.»

Ein Schweizer Film immerhin hat es in die angesehene Parallel-Sektion Quinzaine des Réalisateurs geschafft, und wenigstens das Thema bietet den gesuchten Stachel. «Opération Libertad» des gebürtigen Genfers Nicolas Wadimoff präsentiert sich als filmisches Tagebuch einer Terroristengruppe, die 1978 in Zürich eine Bank überfällt: Man will gegen die Zusammenarbeit der Finanzwelt mit Diktaturen protestieren. Doch wirklich frech, subversiv oder provokant ist nichts daran. Der schöne 16mm-Look wirkt viel zu edel für die vorgebliche Spontaneität selbstgemachter Bilder. Das gutaussehende Ensemble junger Darsteller tobt ausgelassen durch die Retro-Kulisse und wirkt trotz eines grimmigen Waffenarsenals jedem Terror denkbar fern. Ebenso vergeblich sucht man nach einem verqueren Witz in dieser leider nur sehr zahmen Antwort auf jene hochgezüchteten Terrorismus-Filme, wie sie in Deutschland noch immer in Serie entstehen. Die aber natürlich nicht nach Cannes gelangen …

Delikater Liebesfilm

Doch auch im Wettbewerb wirkt Leos Carax recht einsam mit seiner trotzigen Avantgarde. Viel Preisverdächtiges hat die Jury nicht zur Auswahl, wenn sie am Samstag die Preise verkünden muss. Als Favorit gilt noch immer Michael Hanekes hoch sensibles Melodram «Amour», an dem sich beim besten Willen nicht der kleinste Makel finden lässt. Dass er schon vor drei Jahren mit «Das weisse Band» gewonnen hat, ist nicht unbedingt ein Hinderungsgrund – schliesslich beweist er hier seine Meisterschaft in einem ganz anderen Genre, dem Liebesfilm, und in der delikaten Form des Kammerspiels.

Das unterscheidet ihn vom Rumänen Christian Mungiu, der mit «Beyond the Hills», seiner Exorzismus-Geschichte aus einem kleinen Kloster, eine bewährte Form exakt wiederholte. Der psychologische Realismus, aber auch die strenge, statuarische Bildführung entsprechen genau dem Stil seines Gewinnerfilms von 2007, «Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage».

Chancenlos ist wohl auch Walter Salles, dem das Missgeschick gelang, mit seiner Jack-Kerouac-Verfilmung «On the Road» keinen Funken der literarischen Bedeutung für die Leinwand zu retten. Der Brasilianer verfilmte das Kultbuch exakt wie seinerzeit Che Guevaras «Motorcycle Diaries» – doch Poesie wird man mit blosser Illustration kaum gerecht. Nicht einmal die Spielzeit der frühen Nachkriegsjahre kann seine uneinheitliche Ausstattung vermitteln. Von der revolutionären Haltung ganz zu schweigen. Nein, ganz ohne Frechheit geht es hier nicht.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 25.05.12

Nächster Artikel