Rauschartiger Trip in eine Welt zwischen dem Dies- und Jenseits

Regisseur Thom Luz lässt Thomas Manns Jahrhundertroman «Der Zauberberg» als musikalisches Traumspiel auf die Kleine Bühne des Theater Basel sickern. Ein Abend, der einen in geheimnisvolle Stimmungsbilder verwickelt.

Wenn das Lebenslichtlein schwindet: Hans Castorp (Sylvester von Hösslin) und zwei weitere Klinik-Insassen (Chantal Le Moign und Martin Gantenbein) auf dem geheimnisvollen Zauberberg. (Bild: Simon Hallström)

Regisseur Thom Luz lässt Thomas Manns Jahrhundertroman «Der Zauberberg» als musikalisches Traumspiel auf die Kleine Bühne des Theater Basel sickern. Ein Abend, der einen in geheimnisvolle Stimmungsbilder verwickelt.

Willkommen im Wunderland der seltsamen Träume, im Schloss der röchelnden Gespenster, wo die Zeit stehengeblieben ist, auf dem berühmten «Zauberberg», wo sich die Totgeweihten und die sich in ihrer Lungenkrankheit suhlenden Oberschichtmenschen von der realen Welt im Flachland losgelöst haben.

In diese Welt tritt das aus Hamburg, also aus dem ausgesprochen tiefgelegenen Flachland stammende Familiensöhnchen Hans Castorp (Silvester von Hösslin). Er möchte seinen Vetter Joachim Ziemssen, der im Lungensanatorium Berghof bei Davos einquartiert ist, besuchen. Für drei Wochen eigentlich nur, aus denen dann aber bekanntlich sieben Jahre werden, bis ihn das Donnergrollen des Ersten Weltkriegs wieder in die reale Welt zurück katapultiert.

Die grosse Verwunderung

Auf der Kleinen Bühne dauert es erst einmal eine ganze Weile, bis Castorp den Schritt über die Schwelle in diese seltsame neue Welt schafft. Oder genauer aus der Luke im Boden emporzusteigen wagt. Längere Zeit sieht man nur den verwundert umherblickenden Kopf aus dieser Luke ragen.

Was Castorp verwundert, hat auch uns im Zuschauerraum erstaunt. Die in ein milchig-gelbliches Licht getauchte Bühne (Bühne: Stephan Weber) wird auf drei Seiten von über zwei Dutzend Klavieren und Harmonien (gemeint ist das Tasteninstrument) eingesäumt, auf denen mehr oder weniger harmonisch herumgeklimpert wird. Man sieht schwarz gekleidete Menschen (Kostüme: Tina Bleuler), die vor sich her plappern und Plattenspieler in Gang bringen.

Einlullende Musik

Es ist die skurril-geheimnisvolle Sanatoriumswelt, in die der Besucher (und auch wir Zuschauerinnen und Zuschauer) mit der Ouvertüre zu Richard Wagners «Lohengrin» – auf mehreren Harmonien und einem Flügel einlullend intoniert und von den Anwesenden wortlos mitgesungen – hineingesogen wird.

Die Musik begleitet uns über die ganzen zwei Stunden, die der Abend dauert. Manchmal nur versatzstückartig von stotternden Plattenspielern, dann aber auch schön mehrstimmig gesungen, wie in verschiedenen Kanon-Chören von Arnold Schönberg, und energiegeladen aufgespielt, wie bei der «Fidelio»-Ouvertüre von Beethoven (unter anderem mit dem virtuosen Violinisten Mathias Weibel auf der Trompetengeige).

Aus diesem wabernden Meer der Klangbilder tauchen sie auf, die Protagonisten aus Manns Roman: der philosophierende Freund Settembrini und der lamentierende Zyniker Naphta (beide: Cathrin Störmer), die auf Castorp einreden, die geheimnisvolle schöne Russin Clawdia Chauchat (Zoe Hutmacher), in die sich Castorp verliebt, der bereits ziemlich entmenschte Vetter Joachim Ziemssen (Markus Mathis) und all die anderen mehr oder weniger gespensterhaften Patientinnen, Ärzte und Psychotherapeuten (Chantal Le Moign, Vera von Gunten, Sebastian Ledesma, Mathias Weibel, Daniele Pintaudi, Martin Gantenbein und Peter Jehle), die diese entrückte Welt bevölkern.

Einnehmende Stimmungsbilder

Thom Luz versucht schon gar nicht, die Geschichte oder die vielen Geschichten des Romans minutiös nachzuerzählen. Das wäre auch gar nicht möglich. Er rollt vielmehr ein stimmungsvoll aufgeladenes, audiovisuelles Gemälde dieser von Mann so trefflich beschriebenen Parallelwelt aus.

Das Publikum wird so auf einen rauschartigen Trip in ein Universum zwischen dem Dies- und dem Jenseits geführt. Es ist eine wunderbar skurrile, bemerkenswert eigensinnige oder ganz einfach eine überaus lohnende Reise, auf die Luz und das konzentriert aufspielende Ensemble laden.


«Der Zauberberg» nach dem Roman von Thomas Mann. Theater Basel, Kleine Bühne. Weitere Vorstellungen am 26. und 27. Januar sowie 4., 5., 9., 12., 14., 17. und 19. Februar 2015

Konversation

  1. Hab auch eher einen Ratschlag zum Besuch erwartet. Besser einen Kurzbericht als ein ellenlanges Geschwurbel. Mir wurde das Buch mal als „Unbedingt Lesen“ empfohlen. Was ich jetzt vor dem Theaterbesuch nachholen könnte.

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  2. Sie sagen wahres, lieber Wahrsager: lesen und dann ins Theater, das ist in diesem Fall wirklich empfehlenswert (auch wenn der Roman, ohne nun seine Qualität in Frage zu stellen, doch ein bisschen zu ellenlangem Geschwurbel neigt).

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  3. «… die sich in ihrer Lungenkrankheit suhlenden Oberschichtmenschen …».

    Mensch, Spirgi: Entweder Sie haben keine Ahnung vom Sterben, oder Sie denken sich da was schön.

    Der «Zauberberg» ist ja in den weitesten Teilen nur grossbürgerliches Geschwätz (analog der epischen Ergüsse eines Grass).

    Aber muss man heute tatsächlich noch jeden Erguss aus vergangener Zeit zum unerklärten Event hochhypen?

    Ich wär‘ mal gespannt auf Ihre Rezension von «In Stahlgewittern». Liest sich wie ein Videospiel, allerdings kann man Geschichte nicht einfach abbestellen, und keine Grafikkarte ist heute dafür leistungsfähig genug.

    Hab’t ihr wirklich nichts Neues?

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