Real – oder nicht? Künstler verpflanzen Microchips

Wenn Künstler sich an eine Technologiemesse schmuggeln, kann Erstaunliches dabei herauskommen. Das Künstlerduo Blöchle/Fornezzi etwa implantiert im Rahmen der Treibstoff Theatertage an der ineltec Mikrochips. Oder doch nicht?

Ein Mikrochip zwischen Daumen und Zeigefinger? Blöchle/Fornezzi machens möglich.

(Bild: Michelle Ettlin)

Wenn Künstler sich an eine Technologiemesse schmuggeln, kann Erstaunliches dabei herauskommen. Das Künstlerduo Blöchle/Fornezzi etwa implantiert im Rahmen der Treibstoff Theatertage an der ineltec Mikrochips. Oder doch nicht?

Die Technologiemesse ineltec hat sich der häuslichen Elektronik verschrieben, dem intelligenten Heim der Zukunft. Auf ihrem New Technology Boulevard bieten Start-ups innovative Dienstleistungen feil. Mittendrin das Künstlerduo Blöchle/Fornezzi, das als ortsspezifische Performance der Treibstoff Theatertage im Namen des Start-ups RFID choreographies Implantate verkauft. Mit ihrem Chip in der Hand können wir Wohnungstüren öffnen, Datenbanken anlegen oder das Auto starten. Wenn wir denn wollen.

Am Dienstag wurde die Messe eröffnet, und erstmals fand der Marktplatz am Mittag statt – ein Podium, an dem Unternehmen wie RFID choreographies ihre Innovation dem Publikum in fünfminütigen Kurzvorträgen schmackhaft zu machen versuchen. Der Moderator erklärt, dass der Anwendernutzen im Vordergrund stehe: Kostenersparnis, Zeitgewinn, Komfort, Sicherheit, gutes Gewissen, Spass. Dafür brauche es das Smart Home, ein intelligentes Zuhause. Wie wir jenes bauen können, würden wir vielleicht in der folgenden Stunde erfahren.

Clever und smart

Den ersten Vorschlag macht digitalSTROM. Digitalisierung sei allgegenwärtig, so der Gewinner des Innovationspreis-IT 2015, aber «noch nicht wirklich zu Hause». Als Grundlage der Vernetzung aller Geräte im Haus möchte er uns deshalb die intelligente kleine Lüsterklemme ans Herz legen – sie mache das Leben für die Bewohner «durch die Orchestrierung aller Geräte angenehmer und einfacher».

Intelligent gibt sich auch die Swisscom mit ihrer SmartLife-Box mit App und Cloud. Der USP (Unique Selling Point, zu Deutsch das Alleinstellungsmerkmal) dieses «zuverlässigen Beschützers bei Abwesenheit» sei, dass er auch bei Strom- und Internetausfall problemlos einsatzbereit bleibe.

Dann die Max Hauri AG mit ihrer maxSMART: Sie mache unser Smartphone zur mobilen Kommandozentrale einer «intelligenten Steckdosenleiste» und eines «cleveren Zwischensteckers».

Zwischen Daumen und Zeigefinger

Bei so viel demonstrativer Cleverness sorge ich mich um den Künstler, der nun bedachten Schrittes die Bühne betritt. Seit Jahren pendeln Blöchle/Fornezzi zwischen Kunst und Wissenschaft, und Netzkultur und Ausstellungsbegriff sind voll ihr Ding. Dennoch: Dominik Fornezzi hat bloss fünf Minuten, kramt aber erstmal eine kleine Ewigkeit in seiner Hosentasche nach den Notizen. Doch immer mit der Ruhe: Souverän lächelt er in die Runde und präsentiert sich als lässiger Vermittler des Berliner Start-up-Netzwerks.

Die Bombe lässt er ganz unaufgeregt platzen: RFID choreographies implantiere Microchip-Plantate in das Fettgewebe zwischen Daumen und Zeigefinger. Erste Besucher kichern hörbar. Fornezzi fährt fort: RFID choreographies operiere mit passiven Tags, die nicht ungesund strahlen, und die Implantierung des Bioglas-Chips, den der menschliche Körper weder annehme noch abstosse, sei nahezu schmerzlos und innert Sekunden abgeschlossen. Unsichtbar, flexibel, schlüssellos: Um Teil seines Netzwerks zu werden, müsse man ihn nun nur noch ansprechen. Niemand kichert.



Willkommen am RFID-Stand!

Willkommen am RFID-Stand! (Bild: Michelle Ettlin)

Statt weiteren sogenannten Innovatoren zu lauschen, deren konservative Lösungen sich um private Sicherheit und Datenorchester drehen und ethische Fragen gänzlich ignorieren, zieht es mich zum Stand dieser Einpflanzer, wo eine Mitarbeiterin einen älteren Kunden bald vom Chip zu überzeugt haben scheint. «Cool!» meint er nachdenklich nickend. «Der Fingerabdruck bei Apple ist doch viel einfacher», behaupte ich. «In Südamerika würden sie Ihnen in einer Bar was in den Drink schütten und den Finger abhacken, das ist die Realität», lacht er. Und noch was spricht gegen den Finger, wie ich von einem anderen Messebesucher belehrt werde: Schon vor Jahren bewiesen die Hacker des Chaos Computer Clubs, wie einfach diese biometrischen Sicherheitsfunktionen von jedem Trottel ausgehebelt werden können.

Nichts, das auffliegen könnte

Der USP dieser RFIDs hat sich gewaschen, denke ich mir. Die sind die Einzigen auf dem gesamten Gelände, die die Verschmelzung von Mensch und Technik so richtig durchziehen. Die RFID-Choreografen stehen ein für eine Koexistenz zwischen Mensch und Technologie: «Körper, Geist, Geräte und Daten werden in Einklang gebracht – eine neue Verbundenheit mit der Umwelt, der Körper wird als Teil eines Natur-Kultur-Kontinuums begriffen.» Durch diese Interaktion begebe sich der Mensch in ein choreografisches Verhältnis zur Technologie. 

Ich war nervös, weil ich fürchtete, die Kunstaktion könne auffliegen. In Wirklichkeit gab es nichts, das auffliegen konnte. Hier werden tatsächlich Chips implantiert, Punkt. Blöchle/Fornezzi verhandeln ein brisantes Thema vor Ort und nicht auf der Theaterbühne. Sie stellen sich dem Fachpublikum und machen Ernst. Und sie zwingen das Kunstpublikum dorthin, wo technische Zukunft verhandelt wird. Toll, dass der neue Messedirektor Armin Kirchhofer diese Begegnung ermöglicht.

Die Entscheidung ist in unserer Hand

Ich kehre nochmals zum Podium zurück, wo gerade die Abschlussdiskussion läuft und Dominik Fornezzi die unangenehmen Fragen seiner dynamischen Konkurrenten mit besten Start-up-Floskeln kontert: «Das ist die Zukunft und da wollen wir hin!» Und wenn das nicht mehr reichen sollte, kann er sich auf die Menschen um ihn herum verlassen.

Dem Vorwurf des Spurenhinterlassens hält der Kollege von digitalSTROM entgegen, dass diese Entscheidung wohl jeder für sich selber treffen müsse. Wir seien uns ja auch bewusst, was Google alles mit unseren Daten anstelle, würden aber trotzdem alles mitmachen. «Die Lösung steht vor unserer Tür – wir müssen sie nur öffnen», meint Fornezzi dazu. Und smart fügt er an: «Der erste Schritt liegt in Ihrer Hand».

Wenn Sie das alles überzeugt, liebe Leser, kaufen Sie sich für 15 Franken ein Messeticket  (das Treibstoff-Festival erwähnen) und gehen sich am Donnerstag zwischen 14 und 18 Uhr auf dem New Technology Boulevard in der Messehalle 1 am Stand von RFID choreographies einen RFID-Chip implantieren. Das Beratungsgespräch gibts umsonst. Eine weitere Folge von «Marktplatz am Mittag» findet heute Mittwoch ab 12.30 Uhr statt.

Das Menschenbild von RFID choreographies
Die Cyborg wird nicht mehr als eine utopische haarlose Computergestalt, bestehend aus Kabeln, gesehen, sondern ist heute schon mitten in unserer Gesellschaft angekommen und durch RFID choreographies wird sie mittels RFID-Implantaten verkörpert. RFID choreographies plädiert für eine neue Unabhängigkeit in Mensch-Technologie-Diskursen. RFID choreographies spricht von Menschen, die sich dezentral vernetzter Systeme bedienen und sie neugierig weiterentwickeln. Menschen, die keinen Unterschied zwischen organischer und anorganischer Materie machen. Menschen, die einen offenen und zeitgemässen Umgang mit ihrer technischen Umwelt pflegen. Menschen, die Technologie nicht als Werkzeug der Optimierung ihrer selbst sehen, sondern sich mit ihr gemeinsam weiterentwickeln.

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