Schauspieler auf der Bühne? Nicht an den Treibstoff-Theatertagen

Kein Bühnenbild und keine Kostüme. Trotzdem trägt die achte Ausgabe von Treibstoff das Theater nach wie vor im Titel. Was das alles soll, erklärt uns Sarah Buser.

Sarah Buser hat ihr Büro fürs Treibstoff-Festival beim Sommercasino. (Bild: Eleni Kougionis)

Das Treibstoff-Festival trägt nach wie vor den Begriff «Theatertage» im Titel. Es findet ab Ende August zum achten Mal statt und hat sich als Produktionsplattform für junge Theaterschaffende aus der Schweiz, aus Deutschland und Österreich etabliert.

Aber Theatertage? Ein Blick ins Programmheft lässt Zweifel aufkommen. Acht Produktionen und Projekte hat die Jury aus rund 170 Eingaben ausgewählt. Keine einzige davon entspricht dem Theater im klassischen Sinn. Also dem Erlebnis, das man sucht, wenn man ein Schauspielhaus betritt, den Mantel an der Garderobe abgibt, sich im Zuschauerraum hinsetzt und gespannt darauf wartet, dass sich der Vorhang öffnet.

Grenzen zum virtuellen Raum überschritten

Im Programm von Treibstoff liest man Begriffe wie «Performative Installation», «Live-Video-Performance», «Hyperdisziplinärer Walk» oder gar «Immersive Videowalk-App». Gerade mal zwei Produktionen führen unter dem Titel «Spiel» Namen im Produktionsblatt auf, zwei andere zumindest noch eine «Figurenspielerin» oder «Performer». Allen Projekten ist gemein, dass sie die Grenzen zum virtuellen Raum überschreiten oder den physisch realen Raum ganz hinter sich gelassen haben.

Natürlich stehen noch immer Menschen aus Fleisch und Blut hinter den Projekten und Produktionen. So wie Sarah Buser und Tobias Brenk. Buser ist Teil des Theaterkollektivs Mnemoy, das ab 4. September zum «Hyperdisziplinären Walk» einladen wird. Und Brenk war als Mitglied der Programmgruppe an der Auswahl der Produktionen beteiligt.

Dass sich Treibstoff 2017 überwiegend an der Schnittstelle vom realen zum fiktiven oder virtuellen Raum bewegt, sei Zufall, sagt Brenk: «Wir haben bei der Ausschreibung darauf hingewiesen, dass wir auch an Produktionen interessiert sind, die ausserhalb von gängigen Theaterräumen funktionieren», ergänzt er. Und wer Brenk kennt, der hauptamtlich als Produktionsdramaturg der Kaserne Basel tätig ist, weiss von seinem Faible für Theater, das sich an der Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion bewegt.

Sarah Buser entwickelte zusammen mit Ralf Harder und Anna Polivka ein Projekt, das sich eben an dieser Schnittstelle bewegt. «Future is Now» heisst es. «An diesem Projekt hat uns das Prinzip überzeugt, theatrale Formen und Muster auf andere Medien zu übertragen, ohne aber die erzählerische Ebene zu verlassen», sagt Brenk.

Eine neue Art des Erzählens

«Das hat er gut gesagt», pflichtet Buser mit einem charmanten und zugleich selbstbewussten Lächeln bei. «Wir suchen nach einer neuen Art des Erzählens», sagt sie. Eine vielschichtige Art soll es sein: Da sei eine sehr klassische Geschichte, die gefilmt, aber auch «analog» gespielt werde, dann in Fragmente aufgepalten und in den Stadtraum gesetzt, durch den sich die Besucher von einem Smartphone geführt einzeln bewegen.

Die Form wird hier auch zum Inhalt. «Mit dem Smartphone als stetigem Begleiter sieht man sich auch im Alltag immer mit verschiedenen Wirklichkeiten konfrontiert, genau darum geht es auch bei unserem Walk», sagt Buser.

Sarah Buser von Mnemoy schickt das Publikum ihres Projekts «Future is Now» mit dem Smartphone auf einen «Hyperdisziplinären Walk».

Das ist in der Tat «hyperdisziplinär», wie es in der Projektbeschreibung heisst, klingt allerdings auch etwas kompliziert. Kann man bei dieser Art Performance noch von Zuschauern sprechen? Oder muss es Spaziergänger heissen, vielleicht gar Spieler? «Wir selber sprechen nur noch vom ‹Z›, aber keine Angst, spielen muss man nicht», sagt Buser. Entscheidungen treffen hingegen. Die erzählte Geschichte lasse sich beeinflussen, je nachdem, welchen Weg man als «Z» einschlage.

Während bei «Future is Now» immerhin noch eine Schaupielerin und ein Schauspieler in Videoschnipseln und auch real präsent sein werden, verzichten andere Produktionen des Festivals ganz auf die Rollen-Spieler, die doch das Theater als Medium erst ausmachen. «Doc – Data Observation Center» heisst ein Projekt, das laut Eigenbeschrieb versucht, «mit Mitteln künstlerischer Forschung das geheime Eigenleben der Daten sichtbar und erlebbar» zu machen. Das «Künstlerische Team» dahinter nennt sich «virtuellestheater». Hier ist der Name also schon Programm.

Arabisch lernen

Die Theater- und Kulturwissenschaftlerin Miriam Coretta Schulte versucht, mit ihrem didaktischen Tanz- oder Bewegungstheater-Projekt «A Night Called Layla» das Lernen einer neuen Sprache zu vermitteln. «Das ist durchaus ernst gemeint», sagt Brenk. Konkret geht es um die arabische Sprache, der man sich als Besucher oder Teilnehmer des theatralen Kurses «über Bewegung und körperliche Zustände» annähern könne. Nicht kognitives Lernen ist angesagt, sondern Lernen über «Muscle Memory».

Arabisch lernen im Theater? Die Produktion «A Night Called Layla» soll es möglich machen.

Sogar eine App ist im Programm als Projekt aufgeführt. «Insite Treibstoff» heisst sie. Sie soll ein Netz von multimedialen «Echos aus der Festival-Entstehungsphase» schaffen und auf Videowalks Einblicke in die Proben und Inszenierungen gewähren.

«Für mich ist es spannend zu erleben, wie sich im Theater neue Spezialisten einnisten, etwa Programmentwickler, wie in diesem Fall», sagt Brenk. Und Buser erinnert sich an einen speziellen Moment, als sich die Entstehungsphase der App mit derjenigen ihres Projektes kreuzte: «Auf dem Barfi filmten wir für unsere Produktion, wie sich die beiden Protagonisten gegenseitig filmten, und wurden selber von den App-Entwicklern gefilmt.»

Eigentlich ein altes Prinzip

Es gibt also viel Neues zu entdecken an den Treibstoff-Theatertagen: neue Theaterleute mit neuen Ideen und neuen Medien.

Nun gut, Letzteres stimmt so nicht wirklich. Theater an der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen der realen und virtuellen Welt gibt es schon lange. Rimini Protokoll hat diese Grenzgänge bereits vor Jahren zum Markenzeichen erklärt und hat damit Berühmtheit erlangt. Und die Theaterfalle Basel bewegt sich mit ihren 3D-Abenteuerspielen ebenfalls auf einem Gelände ausserhalb des geschützten Theaterraums.

«Das Theater war stets offen für neue Medien und Techniken, hat sich rasch neue Formen einverleibt», sagt Brenk. Visuelle Tricks zum Beispiel, indem man die Erscheinung des Geistes von Hamlets Vater im gleichnamigen Shakespeare-Drama über Spiegelungen auf die Bühne zauberte. Auch hat das Theater sehr früh das Medium Video benutzt. Vor drei Jahren war in der Kaserne eine belgische Performergruppe zu Gast, die den Besuchern Datenbrillen aufsetzte, um sie quasi als Teil der Geschichte in eine künstliche Welt zu entführen.

Und noch immer existiert das Theater, das sich der klassischen Mittel bedient, das richtige Theatertexte aufführt mit Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich in Kostümen durch ein Bühnenbild bewegen.

Warum macht Sarah Buser nicht dieses Theater? «Hab ich in meiner Jugendzeit beim Theater Mausefalle in Solothurn», sagt sie. «Heute will ich neue Dinge ausprobieren, ich finde es spannend, die Zuschauer oder eben ‹Z› in den Stadtraum zu führen, wo sich Fiktion und Realität zu vermischen beginnen.»

Das klingt reizvoll, ist aber auch eine Herausforderung für diejenigen, die sich darauf einlassen. «Nicht ortskundige Besucher könnten sich in der Stadt verirren», sagt Buser mit einem vieldeutigen Lächeln.

Am 4. September beginnt das theatrale Abenteuer «Future ist now». Startpunkt des Hyperdisziplinären Walks» ist das Foyer im Schauspielhaus des Theaters Basel.

Treibstoff-Theatertage Basel. 30. August bis 9. September in der Kaserne Basel, im jungen theater basel, im Clara-Huus, im Theater Roxy Birsfelden und im Stadtraum.

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