Schwebezustand in der Ecke

Im Museum Tinguely eröffnet heute Mittwoch eine umfassende Werkschau des russischen Künstlers Vladimir Tatlin. Die Ausstellung «Vladimir Tatlin – neue Kunst für eine neue Welt» zeigt, warum Tatlin zu den grossen Künstlern des 20. Jahrhunderts gezählt werden darf.

Präsentation des Letatlin auf einer Segelflugschau in Moskau, 1933 (Bild: © Foto: 2012, Staatliche Tretjakov-Galerie, Moskau, unbekannter Fotograf)

Im Museum Tinguely eröffnet heute Mittwoch eine umfassende Werkschau des russischen Künstlers Vladimir Tatlin. Die Ausstellung «Vladimir Tatlin – neue Kunst für eine neue Welt» zeigt, warum Tatlin zu den grossen Künstlern des 20. Jahrhunderts gezählt werden darf.

Das Œuvre des russisches Künstlers Vladimir Tatlin wird im Museum Tinguely gut über- und anschaubar präsentiert. Dem Gastkurator Gian Caspar Bott ist es gelungen, eine grosse Anzahl von Werken des Künstlers, darunter Originale, Rekonstruktionen und einige Replikate nach Basel zu holen und die Räume des Museum Tinguely zurückhaltend, aber effektvoll zu bespielen.

Es sei nicht einfach gewesen, Werke aus der staatlichen Tretjakov-Galerie in Moskau oder dem Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg zu bekommen, so etwa das einzig erhaltene, originale Eck-Konterrelief Tatlins, erklärt Bott. Und mehrere Reisen nach Russland seien nötig gewesen, bis man das ihm vorschwebende, umfassende Bild des revolutionären Künstler zeichnen konnte.

Malerische Welt aus den Angeln gehoben

Die Materialien, die Tatlin verarbeitet, sind vielseitig: für sein Turm-Modell der III. Internationale und seinen Flugapparat, den «Letalin», fertigte er dreidimensionale, skulpturale Konstruktionen aus Eisen und Holz an, mit einem präzisen Sinn für das Technische und für komplizierte Bewegungsabläufe. Tatlin widmete sich auch der Malerei auf Leinwand. Und deren jahrtausendalte Regeln hob er aus den Angeln: In seinen Konterreliefs überwanden die von der Malerei ausgehenden Formen die Fläche, an die sie sonst gebunden und auf die sie gebannt waren. Die Malerei war nicht mehr «nur» perspektivischer «Schein», der das Auge des Betrachters täuscht, virtuell in die Tiefe lenkt und gleichsam fasziniert, sondern die Konterreliefs sind dreidimensional im Raum wahrnehmbar. 1920 sagte Tatlin: «Wir glauben nicht mehr an das Auge, wir stellen das Auge unter die Kontrolle des Tastsinns».

Auch, dass man damals Zeit die Reliefs wohl berühren durfte (was heute nicht mehr denkbar wäre!) und – je nach Konstruktion – an Seilen bewegen konnte, zeigt das moderne Kunstverständnis Tatlins. Denn mit der Möglichkeit der Bewegung besitzt das Konterrelief neben seiner Dreidimensionalität auch ein aktionales Moment: Es befindet sich in einem Schwebezustand voller Spannung, dehnt sich in einer Ecke des ersten Saales in den Raum aus.

In diesem seltsamen Schwebezustand rückt es in die Nähe von Picassos Skulpturen, wo der Maler zum Bildhauer wird. Bekannt ist, dass Tatlin Picasso bewundert hat und sich sogar in Paris als sein Assistent anerboten hatte. Mit der Raumthematik, dem Interesse für Bewegung und für die Erfahrung von Zeit befindet sich Tatlin in guter Gesellschaft: Die fragileren Mobiles des amerikanischen Künstlers Alexander Calder, dem in der Fondation Beyeler zur Zeit ein eigener Raum, die «Calder Gallery», gewidmet ist, kommen einem ebenso in den Sinn. Diese scheinbaren Referenzen und assoziativen Verknüpfungen machen die Relevanz von Tatlins Schaffen klar, der die europäische Avantgarde um Picasso und Matisse um eine russische Position erweiterte.

Das Auge agiert unter der Kontrolle des Tastsinns

Den Konterreliefs ist im Museum Tinguely dann auch ein eigener Raum gewidmet. Viele sind lediglich als Replikate vorhanden oder abfotografiert als auratisches, gespenstisches Original für die Ewigkeit konserviert. Als Replikate greifen sie in den Raum ein – die einen nur zaghaft, andere eher grob – und formulieren mit ihrer wiederholten, rekonstruierten Existenz die ganz grossen Fragen der Kunstgeschichte: Nämlich die nach der Authentizität eines Kunstwerks, nach der Relevanz seiner realen Existenz und seiner damit verbundenen Wirkungsgeschichte. Dem Betrachter bietet sich damit die Möglichkeit zu verstehen, was sich Tatlin unter seiner «Malerei», als die er die Konterreliefs verstand, vorstellte.

Von einer visuellen Allansichtigkeit sind Tatlins Werke. Und obwohl mit einer schlagenden Aktualität ausgestattet und vom unerschrockenen Utopismus der damaligen Zeit beseelt, bleibt Tatlins revolutionäres Œuvre tief verwurzelt in der Tradition. Dazu passt, das Tatlin in jungen Jahren sich für Volkskunst interessierte und sich mit der sakralen Kunst der russischen Ikonenmalerei beschäftigte. Das Turm-Modell für die III. Internationale, das man in der Ausstellung als zwei Rekonstruktionen bewundern kann und der Flugapparat «Letatlin», der den Besucher empfängt, werden mit der Erweiterung des Blickfelds auf die anderen Arbeiten  mit einer kaum fassbaren Poetizität aufgeladen. Diese gipfelt im Untergeschoss des Museum Tinguely, wo Tatlins Arbeiten für das Theater zu sehen sind. Eine weitere, bemerkenswerte Facette des russischen Künstlers, die es sich anzuschauen lohnt.

  • Die Ausstellung «Vladimir Tatlin – neue Kunst für eine neue Welt» im Museum Tinguely dauert noch bis zum 14. Oktober 2012.

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