Seichtes Plätschern

Saint Etienne aus Grossbritannien waren in den 1990er-Jahren einmal beinahe berühmt. Am Montag legten sie einen Halt auf dem Basler Kulturfloss ein – und führten dabei mit ihrer faden Performance vor, dass nicht jedes Pop-Comeback nötig wäre. 

Schillernd an Saint Etienne war nur das Paillettenkleid von Sarah Cracknell. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Saint Etienne aus Grossbritannien waren in den 1990er-Jahren einmal beinahe berühmt. Am Montag legten sie einen Halt auf dem Basler Kulturfloss ein – und führten dabei mit ihrer faden Performance vor, dass nicht jedes Pop-Comeback nötig wäre. 

In den 90er-Jahren schafften sie es, mit ihren Liedern auch Indie-Darlings zum Tanzen zu bringen, waren beim angesehenen Label Heavenly Records unter Vertrag und selbst bei gitarrenlastigeren Bands beliebt: Saint Etienne. Ein Trio aus Grossbritannien, die Namen dahinter haben wir vergessen (Google meint: Bob Stanley, Pete Wiggs und Sarah Cracknell), zu lange her, seit sie hierzulande einmal beinahe berühmt waren.

Eine Band also, die man im eigenen Gedächtnis grosszügig unter «Kult» archiviert hat und gespannt ist auf ihr Comeback: Neue Songs, neue Tour, nebst grossen Festivals (etwa Primavera in Barcelona) auch ein Stopover «Im Fluss», in Basel. Hier haben die  Briten einen von insgesamt vier 90-Minuten-Slots erhalten, den das Festival zu vergeben hat. Der «offizielle» Konzertbeginn (20.30 Uhr) verstreicht, das Ufer ist vollbesetzt, die Bühne dunkel und wir fragen uns: Hätten Saint Etienne überhaupt genügend Musik in ihren Sequenzern, um dieses Zeitkontingent auszuschöpfen? Die Antwort: Nein. Für 70 Minuten soll es an diesem Abend reichen – und auch darunter fände sich noch einiges Streichmaterial.

Denn so vielversprechend der Anfang noch ist – niedliche Synthiefiguren begleiten zuckerwattige Gesänge – lässt die Spannung bereits mit dem zweiten Stück nach: In «Who do you think you are» (ein Cover) hangelt sich die dünne Stimme von Sarah Cracknell durchs fade Nichts, tröpfeln beliebige Synthie- und Gesangsmelodien und schlechte Beats aus den Boxen. Daran vermag auch ein eigenartiger Harmoniewechsel und ein Turboboost nichts zu ändern, den einer der beiden Synthiespieler in Form einer durchgepaukten Kickdrum zeitweise zur Intensitätssteigerung reinhaut. 

Federboa als Showeffekt

Es wird kaum besser. Die Melodien bleiben harmlos und charmefrei, die Sounds erinnern öfter als es der Band (und wohl auch ihren Fans) lieb ist an Eurotrash. Und während eine Kylie Minogue als Prinzessin Zuckerwatte ihr süsses Nichts immerhin mit einer Show zu übertünchen versucht, stehen Sarah Cracknell und ihre Backgroundsängerin in ihren Kleidchen da wie alternde Schlagerstars und wedeln im besten Fall mal mit einer Federboa. In der Basler Sonne hätte all das vielleicht noch Eindruck gemacht, nicht aber in der Basler Abendsonne.

So bilden die silbrigen Pailletten auf Cracknells Körper das einzig Schillernde an der Performance. Es fehlt ihr an Ausdruckskraft, auch in der Stimme. Man wünscht sich Donna Summer, Dusty Springfield oder Debbie Harry (Blondie) herbei, die Easy Listening und Discopop mit Charakter intoniert haben.

Saint Etienne fehlt es aber auch an griffigen Melodien, an guten Songs und an guten Ideen. Diese deuten sich nur ganz selten an, in Intros oder Outros, in denen die beiden Tastenmänner einige Arpeggi durch Klangfilter jagen oder geschickt einen Stereoeffekt herumwandern lassen.

Immerhin gibt es ein Highlight zu vermelden: Einer ihrer ersten Songs, ein Cover von Neil Youngs «Only Love Can Break Your Heart», worin eine halldurchtränkte Melodica hypnotische Tiefe erzeugt und die Band in einem repetitiven Muster andeutet, dass sie auch intensivere Musik machen könnte. Dabei mögen wir uns selbst am punktierten Eurodance-Beat erfreuen, den andere 90er-Acts wie etwa die schwedischen Ace Of Base («All That She Wants») gerne verwendet haben.

Go East

Wenn Sängerin Sarah Cracknell sonst aber an ihre Anfänge vor 20 Jahren erinnert und zu einem gesampelten Funk-Gitarrenlick «Nothing can stop us now» säuselt, dann erinnert das nicht an Burt Bacharachs brillanten Easy Listening, an ein gutes Stück Acid House oder zumindest an eine B-Seite von Blondie, nein, vom knisternden Charme dieser Single bleibt so wenig übrig, dass wir uns gewahr werden, wie stark der Refrain in die Nähe von Samantha Fox’ «Nothing’s gonna stop me now» gerückt werden muss. Und mit dieser Referenz könnten Saint Etienne heute am ehesten noch in Osteuropa punkten. Doch selbst für eine Vertretung von Weissrussland oder der Ukraine am nächsten Eurovision Song Contest müssten sie die seichten Songs noch pimpen, mit tieferen Bässen und höheren Absätzen. Was wir in Basel erleben ist kein Go-Go, sondern ein No Go.

So bleibt am Ende des 70-minütigen «Konzerts» die Erkenntnis, dass es manchmal besser wäre, die Vergangenheit einfach ruhen zu lassen. Der plätschernde Rhein kann spannender sein.

Konversation

  1. Etwas verspätet, aber doch noch, ein paar Worte dazu. Ich schätze die Kulturbeiträge von Marc Krebs zum Besten, was man in der Region dazu lesen kann, das war in der BaZ so, aber auch in der Tageswoche. Spezifisch zum St. Etienne-Konzert ist aber zu sagen: Man sollte stets wissen, was einen erwartet. Wenn ich ein Heavy Metal Konzert anschauen wollte, weiss ich, was kommen wird, aber auch, wenn es ein synphonisches Konzert im Stadtcasino sein sollte. Ich habe St. Etienne gesehen am Floss, kannte die alten Sachen ein wenig, aber es ist gewiss nicht meine Lieblingsmusik- oder -Band. Wenn es stilistisch teilw. wie Kylie Minogue klang, würde ich dies fast wie ein Plus bewerten, auch wenn die grossen Songideen in der Tat fehlen. Aber man kann sich – um einen anderen Vergleich heranzuziehen – auch bei einem Hollywood Film unterhalten lassen, ohne dass gleich Tiefgang / Substanz zum Tragen kommt. Ich fands gute Unterhaltung, ein Bier trinken mit Freunden, in einer wunderschönen Kulisse. Und: Man sollte auch anerkennen, dass die Konzertreihe am Floss vielfältig sein muss und für jede/n was dabei ist. Damit man wieder gerne das nächste Jahr erwartet im August.

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  2. alles geschmachsache – ja ja –
    von mir aus gesehen,sollte ein kritiker unbedingt subjektiv sein und seinen geschmack einbringen.
    wenn ich regelmässig seine kritiken lese lerne ich diesen auch kennen und kann sehr genau abschätzen was da geboten wurde aber ebent, es ist ein subjektives geschäft.

    meine persönliche bfindlichkeit in sachen livegebotenes:

    deutschschweiz is wie abba-das rockt einfach nich….

    ps: nicht zu vergessen die unglaubliche humorlosigkeit heutzutage und da wären noch unsere schweizer hiphopper die vom ghetto erzählen (???????)

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  3. Einverstanden Herr Krebs: Sowohl bei Alanis Morissette als auch bei Bruce Springsteen habe ich in meiner Erinnerung danebengegriffen. Ich habe nicht recherchiert. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich Ihre Berichterstattung schon seit Jahren verfolge.

    Ich stehe aber weiterhin zu meiner Grundaussage und würde mich freuen, wenn Sie vielleicht ein weniger moderner, anderen Musikrichtungen (auch elektronischer Musik) offener und weniger altmodisch daherkommen. Bei ihrer Berichterstattung und den zahlreichen Referenzen in die Vergangenheit wähnt man sich oft im angestaubten Musikmuseum denn in einer aktuellen Ausstellung von Gegenwartsmusik. Und das hat mich schliesslich geärgert, Saint Etienne hin oder her.
    Oder etwas sehr überspitzt: Herr Krebs, vielleicht etwas weniger E-kultur, dafür etwas mehr U-Kultur,
    (und wegen dem Duzen entschuldige ich mich, ich wollte Ihnen nicht auf den Schlips treten)

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    1. Danke für die Präzisierung, Herr Ratlos, Ihre Kritik an meinem Geschmack nehme ich an und auch jene, was meine persönlichen Schwerpunkte angeht. Allerdings unterscheide ich nicht zwischen E- und U-Kultur, glaube aber zu verstehen, was Sie meinen. (PS: Kein Problem wegen dem Duzen, lieber Ratlos, da ich Ihren Namen nicht kenne, weiss ich nicht, ob wir per Du sind oder nicht).

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  4. Wer seit Jahren das Schaffen von Marc Krebs mitliest, weiss, dass dieser Autor auf seinem Gebiet sowohl in Theorie als auch Praxis ein Könner ist.

    Zu Saint Etienne: Mehr fehlbesetzen kann man einen Abend auf dem Floss nicht. Es lag nicht an der Band, es lag an der Location. Die Distanz zwischen Musikern und Pubikum ist für solche Acts absolutes Gift! Ich habe gestern oft gedacht, die auf dem Gurten oder in St. Gallen, zu später Stunde und alle hätten danach von Saint Etienne geschwärmt.

    Dazu kommt, dass das Publikum am Floss halt durch die Akkustik gar nicht abgeholt wird. Resultat: Die Musik wird zur Beilage. Die Musik tönt dumpf, fern und die Texte gehen buchstäblich unter, bei fast allen Acts, die auf dem Floss auftreten. Das Publikum wird beschallt. Und das auch noch schlecht.

    Im Moment ist das Floss akkustisch eigentlich nur für Black Metal oder Guggenmusik geeignet.

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  5. Herr Krebs
    Merkwürdig wie Sie als Kritiker mit Kritik an Ihrer Arbeit umgehen. Ihre Konzertkritiken glänzten schon zu Ihrer Zeit bei der Baz nicht durch Objektivität sondern unterlagen ihrem Geschmacksempfinden. Ist ja nicht so schlimm, da für jeden regelmässigen Leser ersichtlich. Ihr komischer Rechtfertigungsversuch ändert daran auch nichts.

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    1. @ A_H: Ich fürchte, Sie haben mich missverstanden: Ich nehme Kritik gerne an, aber dann bitte Kritik an meiner Kritik – und nicht Unterstellungen allgemeiner Art. Ich gebe Ihnen zudem völlig Recht: Kritik unterliegt immer auch einem Geschmacksempfinden, natürlich! Absolute Objektivität gibt es meiner Meinung nach nicht. Aber wie fanden Sie eigentlich das Konzert? Charisma und Performance überzeugend, den Gesang betörend, die Songs umwerfend?

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  6. Lieber Marc Krebs,

    Die negative Kritik überrascht bei Dir gar nicht. Schliesslich referenziert Saint Etienne weder auf Frank Zappa, Bruce Springsteen, Alanis Morissette oder sonstwas vor den 90er Jahren. Ab den 90ern bist Du meiner Ansicht nach stehengeblieben und findest nur noch moderne Bands cool die sich anhören wie „Frank Zappa (und andere) extrapoliert auf 2012“. Das ist übrigens ganz normal, wenn man älter wird, ich kenne das selber, aber ein Musikjournalist muss da drüber stehen und mehr können. Und wenn nicht, dann hat es bei der BaZ sicher noch Platz für konservative Berichterstattung.

    Saint Etienne ist übrigens seicht. Da wird Dir selbst die Band zustimmen. Aber auch Seichtes tut mal gut, und wenn schon seicht, dann wenigstens Saint Etienne. Das Konzert an sich war ganz ok. Saint Etienne sind keine Liveband. Meinen Nachbarn hat es trotzdem mehrheitlich gefallen. Keinen Grund also für eine solch vernichtende Kritik.

    Übrigens: Saint Etiennes Comeback war in der Tat nicht nötig, ist aber von deinen Berufskollegen bei Pitchfork, Mixmag usw. überraschenderweise als sogar ziemlich gut aufgenommen worden.

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    1. Danke für Ihre Einschätzung. Allerdings stimmt sie mich ein wenig, nun ja, ratlos. Sie unterstellen mir einiges, ohne meine Arbeit der letzten 15 Jahre zu kennen. Etwa Fantum von Springsteen oder Morissette (die übrigens in den 90ern bekannt wurde, nicht vor, dies als kleiner Einwand), über die ich kaum je etwas geschrieben habe. Ich mag auch seichte Musik, sei es gut gemachter Easy Listening oder Elektropop, von Burt Bacharach bis Air oder Hot Chip. Und in den 90er-Jahren stehengeblieben bin ich nicht, sondern dann erst in den Musikjournalismus eingestiegen, traf damals u.a. einige Leute aus dem Umfeld von Saint Etienne für Interviews (Blur, Primal Scream, Moloko…) und schätze einiges an dieser Dekade. Das bedeutet aber nicht, dass ich deshalb gestern Abend ein gutes Konzert erlebt habe. Aber ist doch schön, wenn es Ihnen gefallen hat.

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