Serafyn: Ganz schön vif, die Band

Heute Abend spielt eine lokale Band auf dem Floss: Serafyn starten seit einem Jahr ordentlich durch. Grund genug, unser Porträt der Newcomer von Anfang Juni nochmals zu lesen.

(Bild: Tobias Sutter)

Am Montagabend spielt eine lokale Band auf dem Floss: Serafyn starten seit einem Jahr ordentlich durch. Grund genug, unser Porträt der Newcomer von Anfang Juni nochmals zu lesen.

Anna Rossinelli hats vorgemacht. Von der Strasse auf die grosse Bühne, von den Spenden im Hut zum Plattenvertrag: Das kann geschehen, auch in der Schweiz. Ordentlich Fahrt aufgenommen hat auch die Karriere von Serafyn, selbst wenn das Quintett – so jung und bescheiden es ist – nicht das Wort Karriere benutzen würde. Die Basler Gruppe hat gerade 30 Konzerte vor sich. Und muss sich angesichts dessen noch immer ein bisschen kneifen.

«Als Jugendlicher war es immer mein Traum, mal bei BScene oder am Imagine Festival auf der Bühne zu stehen», schwärmt Schlagzeuger JJ Lion. «In diesem Jahr erfüllt sich dieser Traum plötzlich – das ist für mich eine grosse Ehre und ein tolles Zeichen der Anerkennung.»

Ein Tourleben auf Ausziehsofas

Mega. Mega sei es, dass sie jetzt solche Konzertanfragen erhielten, freut sich die Band. Sie sitzt in der Kleinbasler Sommersonne, bitteren Eistee vor sich, süsse Erinnerungen hinter sich. Wie alles begann, ohne Plan, mit viel Improvisation. Wie der Zufall hinzukam, als die Gruppe über das Reiseportal Couchsurfing Anna Erhard kennenlernte und nach der virtuellen Begegnung feststellte, dass sie sich ja auch in der realen Welt nah waren: So lebten die beiden Cellistinnen Anja Waldkircher und Alexandra Werner im selben Quartier in Birsfelden wie Gitarristin Anna Erhard. Begleitet von der Rhythmussektion mit JJ am Cajon und Bruder Lucas Loew am Kontrabass, machten sie Strassenmusik in Basel und in Bern. Einfach aus Freude an der Musik, um Passanten zu unterhalten. Anfangs waren da nur zwei Songs. Diese dehnten sie aus, variierten sie.

Es folgte ein Auftritt am Mondsucht Festival 2013 und danach eine gemeinsame Abenteuerreise mit der Bahn. Interrail. Osteuropa. Die fünf Anfangzwanziger landeten in Hamburg, Budapest und Prag, abends auf Ausziehsofas und in Hinterzimmern, tagsüber in den Fussgängerpassagen. «Wir gaben auf der Strasse zweistündige Konzerte – mit zwei Liedern», sagt Alexandra Werner, und Anja Waldkircher ergänzt, dass sie fast in jeder Stadt für private Konzerte angefragt wurden. «Wollt ihr in meinem Café spielen?», hörten sie oft. Und sagten zu. Zwei Wochen Europa, Musik für Kost und Logis. Eine grosse, unvergessliche Zeit.

Plötzlich viral

Den Namen Serafyn hatten sie sich auf ihren Reisen ausgedacht. Und sich absichtlich für die Schreibweise mit Ypsilon entschieden, weil sie so bei Google weit vorne auftauchen würden. Ganz schön clever. Clever auch, wie Sängerin Anna Erhard über Facebook mit Vorbildern Kontakt aufnahm – auf dieselbe direkte Art und Weise, wie wir das schon von der Laufentaler Band Last Leaf Down berichtet haben. Wer nichts wagt, gewinnt nichts. Also kontaktierte sie via Facebook Musiker, die sie toll fand. Flight of the Concords aus Neuseeland, Kings of Convenience aus Norwegen oder Fink aus Grossbritannien.

Zu ihrem grossen Erstaunen schrieben manche zurück. «We like it», erfuhren sie von Fink. Und wurden von diesen weiterempfohlen. «Über Nacht hatte unser Song 6000 Klicks», erzählen sie, noch immer voller Freude und Verwunderung. Denn der Boost, den Fink verlieh, zog Kreise. Sie rechneten mit 11’000 Menschen, die ihr Lied hören würden. Schlossen Wetten ab. Lagen daneben. Heute sind es mehr als 160’000 Plays.

Der sanfte Song lässt aufhorchen: Cajon, Kontrabass, dazu eine Leadstimme, die entfernt an Björk erinnert, so fängt das an. Sobald die Chöre einsetzen, wähnt man sich an Folkgruppen wie die schwedischen First Aid Kit erinnert. Oder an den Briten Ben Howard, den Anna Erhard als einen Einfluss nennt. 

In diesem Frühjahr haben Serafyn mit «Quantum Leap» ihre erste EP veröffentlicht, parallel dazu ihr Management professionalisiert. Eine Agentur kümmert sich nun um ihre Auftritte. Anstelle von Sofas übernachten sie zunehmend in Hotels. «Was wollen wir mehr», freuen sie sich.

Der neue Luxus (echte Betten auf Tour!) spornt sie an: «Go Down North» haben sie schon mal gesungen, in den nächsten Monaten trifft das erneut ein, mit Daten in Deutschland und Österreich. Und danach? «Wollen wir ein Album aufnehmen», sagt Anna Erhard. Die restlichen Bandmitglieder nicken zustimmend.

Alle reden von Serafyn seit dem letzten Jahr. Dabei könnte es sein, dass sie 2016 noch bedeutend mehr vorhaben. Bis dahin gilt es, die Songs, die aus Improvisationen entstanden sind, zu formen, das Repertoire zu festigen und zu erweitern.

Nächster Halt: Basler Innenstadt. Aber diesmal auf dem Rhein.
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Live: 3. August, «Im Fluss», Mittlere Brücke, 21 Uhr.

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