Sicht- und unsichtbare Konstruktionen

«Hidden/Obvious» im Haus für elektronische Künste und «Under construction» im Kunst Raum Riehen sind Ausstellungen der diesjährigen Regionale, welche als Antipoden die Breite des künstlerischen Schaffens der Region zeigen.

(Bild: zVg)

«Hidden/Obvious» im Haus für elektronische Künste und «Under construction» im Kunst Raum Riehen sind Ausstellungen der diesjährigen Regionale, welche als Antipoden die Breite des künstlerischen Schaffens der Region zeigen.

So ein kleines, in die Wand gehauenes Loch kann ganz schön anziehend sein. Da muss etwas dahinter sein, und schon hat man sich vorgebeugt und blickt hinein. Ein dumpfer Knall, ein greller Blitz, man schreckt zurück und lacht, gesehen hat man – nichts. Vergrössert auf einem Bildschirm auf der anderen Seite der Wand war jedoch das Auge des Neugierigen für einen kurzen Moment zu sehen, sein «Spiegel der Seele» also. Mit dem Werktitel «Ça arrive loin de chez nous» spricht Aline Veillat auch die Bilderflut an, die virtuell auf uns einprasselt. Das Gesehene – auch wenn es weit weg stattfindet – verändert uns und unser Bildgedächtnis.

Um das Sehen und Nicht-Sehen geht es auch in der Arbeit «Cluster: Selfportraits vom 26.5.2010 bis 20.8.2010» von Beat Brogle. Suchmaschinenbilder zum Begriff «Selfportrait» legt der Künstler in durchsichtigen digitalen Schichten übereinander. So entstehen Cluster-Selbstbildnisse, welche uns gerade keine der Personen erkennen lassen. Wir können uns also kein Bild machen und das einzige klare Bild ist die Spiegelung von uns selbst in der stark reflektierenden Oberfläche.

Sinnliches

Aline Zeltners Klangobjekt besteht aus einer grossen Holzbrillenfassung, deren «Gläser» aus je einer gespannten Saite bestehen. Setzt man dieses Objekt auf, so wird jeder reflexartige Lidschlag mittels Verstärkung zum Tönen gebracht. Denise Kratzer dagegen vermag mit «Cor» den Herzschlag in einem poetischen Lichtspiel zu visualisieren. Bis zu vier Besucher können zusammen ihren Puls zu einem visuellen Tanz von leuchtenden Milchglaskugeln formen.

Unsichtbares

Für das Werk «Oslo» der beiden Künstlerinnen Yolanda Bürgi und Lysann König muss der Saaltext zur Hand genommen werden, denn zu sehen gibt es nichts. Der Text erklärt detailliert, wie die Temperatur des Radiators, vor dem man gerade steht, mit Hilfe der Aussentemperatur in Oslo gesteuert wird. Am Sonntag war der Heizkörper kalt. Recherchen haben ergeben, dass in Oslo, Norwegen, Minustemperaturen herrschten. Ob wohl in Oslo, Florida, gemesse wurde? Der erste, schnell überlesene Satz des Saaltextes: «Inwieweit kann mündliche und schriftliche Information die unmittelbare visuelle Wahrnehmung beeinflussen und inwieweit ist man bereit, einer Information Glauben zu schenken?» liest sich nun jedenfalls anders.

Weitere zehn Positionen sind an der «Regionale» im Haus für elektronische Künste zu sehen. Sabine Himmelsbach und Doris Gassert haben zusammen die Ausstellung kuratiert, welche Verstecktes und Offengelegtes miteinander in einen Dialog bringt. Den neugierigen Besuchern erschliessen sich die Werke über die eigene Erfahrung, sinnliche Wahrnehmung und Interaktion mit den Arbeiten, und die guten Saaltexte von Studierenden des medienwissenschaftlichen Instituts der Universität Basel eröffnen weitere Ebenen.

Gebaute Bilder

Für den Kunst Raum Riehen hat die Herkules-Arbeit der Durchsicht der über 600 eingereichten Dossiers die Kuratorin und gleichzeitig Jurorin Kiki Seiler-Michalitsi ganz alleine gemeistert, und es ist ihr gelungen, die ausgewählten Werke von 30 Kunstschaffenden zu einer kohärenten und thematisch eng gewobenen Schau zusammen zu stellen.

Programmatisch für einen grösseren Teil der Ausstellung sind die zwei Werke «Brickwall» von Jens Stickel, die schon von aussen zu sehen sind: Seine beiden auf Baumwolle gemalten Bilder zerlegen mit roten Rechtecken, flächigem Weiss und erstarrtem Braungrau farblich und formal eine Mauer und referieren damit auf die Wand als eigentlichem Träger des klassischen Tafelbildes. Viele der zu sehenden Arbeiten setzen sich mit dem Bild auseinander, Gemälde im engeren Sinn sind jedoch wenige zu sehen. Geschichten werden keine erzählt, selbstreferentiell zeigen die Werke auf sich und die Kunstgeschichte.

Dass sie gebaute Bilder sind, legen viele Werke der Schau offen. Sie ragen in den Raum, sind in Form und Farbe zerlegt, zitieren Rahmen, Leinwand und Farbauftrag, und fokussieren immer wieder auf das Material, aus dem sie bestehen. Möglichkeiten und Grenzen des Bildes werden ausgelotet, werden konstruiert und dekonstruiert.

Besonders treffend ist der Ausstellungstitel «Under construction» für die Skulpturen. Unfertig und fragmentarisch lassen sie sich weiterdenken und sind durchaus ironisch zu lesen, wie der am Boden liegende, lächelnde Gipskopf von Rodrigo Hernández oder «das Ding» von Emanuel Strässle.

  • Haus für elektronische Künste, bis 6.1.: 
Mittwoch, 5. Dezember, 20:00: Künstlerstammtisch mit Bar, Glühwein und Musik.
 Jeden Sonntag, 15h Führung durch Studierende der Medienwissenschaften oder Kunsthistorikerinnen.
  • Kunst Raum Riehen, bis 6.1.:
 Samstag, 15. Dezember, 16h Werkgespräch mit Samuel Leuenberger und KünstlerInnen

Die TagesWoche stellt einzelne Ausstellungen der «Regionale 13» in einer kleinen Serie vor. Teil 4 folgt am Dienstag, 11.12., aus Strasbourg.

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