Strassenmusik in Basel? Nichts leichter als das!

Die Heilsarmee muss ihre Brass-Sektionen aufsplitten, Fussballfans dürfen nur noch flüsternd durch die Basler Gassen ziehen. Anders können wir uns die neue Regelung betreffend Strassenmusik in Basel nicht erklären.

Dank Piktogrammen auch für Rumänen und Südamerikaner verständlich: Neue Regeln für Strassenmusikanten.

Die Heilsarmee muss ihre Brass-Sektionen aufsplitten, Fussballfans dürfen nur noch flüsternd durch die Basler Gassen ziehen. Anders können wir uns die neue Regelung betreffend Strassenmusik in Basel nicht erklären.

Ab 1. März gelten neue Spielregeln, was Strassenmusik in Basel betrifft. Das Justiz- und Sicherheitsdepartement reagiert damit gemäss eigenen Aussagen auf eine Zunahme der Reklamationen. Mit einem Plakat will die Kantonspolizei Basel-Stadt auf die Änderungen aufmerksam machen. Gerne zitieren wir aus dem offiziellen Communiqué:

  • «Strassenmusik und Strassenkunst sind in der Stadt Basel künftig von Montag bis Samstag zwischen 11 Uhr und 12.30 Uhr sowie von 16 Uhr bis 20.30 Uhr erlaubt. An Sonn- und Feiertagen sind solche Darbietungen verboten, mit Ausnahme der verkaufsoffenen Sonntage von 13 bis 18.30 Uhr. Die Darbietungen dürfen neu jeweils erst zur vollen Stunde beginnen und müssen nach maximal 30 Minuten beendet sein.»

Das hätte ich nicht einfacher auf den Punkt bringen können. Sollte allerdings der seltsame Fall eintreffen, dass diese Angaben einen Musiker überfordern, empfehlen wir jenen Kreativtrick, der auf dem Info-Plakat veranschaulicht wird: Man nehme eine alte Parkscheibe und Bastelmaterial zur Hand und statte diese mit grünen Zeitfenstern aus. Fertig ist die Übersicht!

  • Dem Plakat entnehmen wir auch, dass eine ausreichende Distanz zum nächsten Musiker eingehalten werden soll.

Auf dem Plakat ist dieser minimale Abstand nicht in Metern markiert, sondern in Schallwellen. Rund zehn Schallwellen zählen wir zwischen den beiden Silhouetten. Zehn Schallwellen, das ist eine Distanzangabe, die nicht jedermann (und -frau) geläufig ist. Aber, hey, no problem: Ein kleiner Abendkurs an der ETH Zürich dürfte bereits ausreichen, um herauszufinden, wie sich der Abstand zum nächsten Musiker berechnen lässt. Viel Spass!

  • Die erlaubte Gruppengrösse darf maximal 4 Personen betragen.

Mit anderen Worten: Ein Heilsarmee-Quintett muss sich von einem Mitglied trennen, ein Orchester muss sich aufsplitten. Auch die Mund-Artisten von The Glue müssten einen Sänger auf die Ersatzbank knallen. Und weil diese neue Regel am 1. März in Kraft tritt, empfehlen wir allen Fasnächtlern, in der Nacht zum Ändstraich nur noch als kleines Schyssdräggziigli unterwegs zu sein. Man weiss ja nie.

  • «piano»! lesen wir des weiteren auf dem Info-Plakat: Zur Veranschaulichung dient ein Zeigefinger auf den Lippen.

«piano!», das leuchtet sofort ein, steht für Klavier. Und «Zeigefinger auf den Lippen» ist eine spezielle Pfeiftechnik, von der ich zu wissen glaube, dass sie einzig bei Naturvölkern in Papua-Neuguinea verbreitet ist. In Kombination interpretiere ich das wie folgt: Klavierklänge dürfen künftig nur noch mit dieser ausgefeilten Pfeiftechnik imitiert werden. Womöglich bietet die Migros-Klubschule in Kombination mit der Musikakademie künftig einen solchen Kurs an. Hilfreich wäre es auf jeden Fall, ist ein Ragtime in dieser Machart doch eine überaus knifflige Aufgabe.

  • Keine Darbietungen an Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel.

Völlig nachvollziehbar. Es wäre ja auch wirklich unangenehm, wenn das penetrante Quietschen der Tramschienen im strömenden Regen von einem fröhlichen «El Condor Pasa» übertönt würde. Da könnten wir unsere Depressionen ja grad vors Tram werfen.

  • Die Art der nicht zulässigen Instrumente wird durch «überlauten Gesang» ergänzt.

Überlauter Gesang ist also künftig ein No Go! Für mich ein sonnenklares Beispiel: Wenn Liverpool-Fans durch die Steinenvorstadt ziehen, sollen sie ihre Hymne «You’ll never walk alone» künftig leise aber gerne intonationssicher summen oder fisteln. But, dear Football fans, don’t forget: Please hum your tunes in a decent quartet arrangement, hösch!

Es ist also ganz einfach: Hält man sich an diese Regeln, steht dem grossen, spontanen Vergnügen von Strassenmusik nichts mehr im Wege. Die Qualität spielt übrigens überhaupt keine Rolle. So. Und jetzt üben wir alle zusammen ganz leise und maximal zu viert: «Guantanamera, guajira Guantanamera…!»

Konversation

  1. Im Plakat fehlt noch etwas: An „Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel“ ist das Musizieren gänzlich verboten. Doch wo endet die Tramhaltestelle z.B. am Bahnhof, am Marktplatz, am Claraplatz? Ein Stadtplan, auf dem diese Plätze, da sie keine „Traminseln“ haben, gleich ganz rot markiert werden, würde das Herz der Musikhasser weiter höher schlagen lassen!

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  2. Morgen Mittwoch um 17 Uhr wird ein Demonstrationszug singend und musizierend vom Barfüsserplatz zum Spiegelhof laufen und dort Regierungsrat Hanspeter Gass einen offenen Brief übergeben. Unterstützt wird die Aktion unter anderem vom Strassenmagazin „Surprise“, vom Rockförderverein und von der Musikakademie.

    Das Thema wird auch in der TagesWoche kontrovers diskutiert. Einen Vorschlag zur „Kontingentierung“ macht ein Leser hier: http://www.tageswoche.ch/de/2012_01/basel/277142/weniger-musik-in-basels-strassen.htm#comment_3278
    Nachteil dieses Vorschlags könnte sein, dass damit z.B. für MusikschülerInnen, die man ja auch ab und zu in der „Freien“ antraf, die Hürde hoch wird, mal spontan eine halbe Stunde zu musizieren… oder dass diese den Profi-Musikern die Tickets wegschnappen, die selbständig Erwerbenden so verdienstlos bleiben.

    Die aktuelle Verordnung beschränkt die Arbeitszeit der Musiker auf 3 1/2 Std. ….eine „Höchstarbeitszeit“ von der mancher Angestellte wohl träumt, die die auf den Erwerb Angewiesenen aber gar manches Mal in finanzielle Nöte bringt und somit ein Arbeitsverbot, eine Vertreibung darstellt.

    In der „bz“ (http://www.basellandschaftlichezeitung.ch/basel/basel-stadt/artikel-124496044?sms_ss=facebook#comment-jumpto) ist der Kommentar: „Bettler, mit oder ohne Instrument, haben in unserer schönen Stadt nichts zu suchen.“ zu lesen, die Antwort:
    „In „unserer“ Stadt? Herr Schönenberger, diese Stadt gehört zu gleichen Teilen auch mir. Meine Meinung: Wir haben nur eine Welt für alle. Die Musik bereichert und erleichtert uns das Leben. Die Strassenmusiker sind selbständig Erwerbstätige, die ihre Selbständigkeit teuer erkaufen, u.a. indem sie sich von Leuten wie Ihnen anpöbeln lassen….“
    wartet auf Freischaltung….

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  3. Dass unsere Welt immer lauter wird, liegt nicht an den Strassenmusikanten. Sicher gibt es Exemplare, denen man am liebsten Geld in den Hut, Geigenkasten oder sonstigem Sammelbehälter geben würde, damit sie mit dem Spielen aufhören. Und stundenlang das gleiche Geklimper anhören zu müssen, kann sicher zu Stress führen.

    Nur: was ist mit der Dauerberieselung in Kaufhäusern? Mit der Beschallung von Sonnenterrassen in Restaurants? Nehmen wir noch den Verkehrslärm dazu, quietschende Trams, laute Autos, dröhnende Motorräder.

    Es wäre an der Zeit, hier den Hebel anzusetzen. Wenn schon Verbote, dann solche, welche auch wirklich eine Senkung der Belastung für unsere Ohren führen. Eine Überreglementierung der Strassenmusik wie in diesem Communiqué kostet viel und bringt nichts.

    In der Ruhe liegt die Kraft – wenn wir unsere Umwelt generell „beruhigen“, dann ärgern wir uns auch nicht mehr über Strassenmusiker.

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  4. Völlig sinnlos, wenn jetzt die lautstarke (und niveau-mässig meist tief angesiedelte) ausländische Strassenmusik einfach nur noch zu beschränkten Zeiten den Menschen auf den Wecker geht! Die richtige Lösung wäre ein System mit Vorspielen, so würde man den Spreu vom Weizen trennen. Das diese Lösung aufgrund zu grossen Aufwandes abgelehnt wird finde ich schwach.

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  5. eine verordnung, die nicht oder nur mit unverhältnismässig grossem aufwand durchgesetzt werden kann, und die lustigerweise aus der ecke kommt, die immer nach weniger staat und gesetzen ruft

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