Theater gegen das Vergessen

Dunkle Welten, helle Gestalten: Die Volksbühne Basel bringt John Bergers «A und X» auf die Bühne.

Liebende über Grenzen hinweg: Xavier (Robert Baranowski) und A'ida (Anina Jendreyko)

(Bild: Matthias Wäckerlin)

Dunkle Welten, helle Gestalten: Die Volksbühne Basel bringt John Bergers «A und X» auf die Bühne.

Die junge A’ida schwebt. Ihr geliebter Xavier hat sie auf die Schultern gebuckelt, sie hat die Arme ausgebreitet und kreischt vor Verzücken. «Mein Körper endete nicht mehr mit der Haut» wird sie später in ihrem Brief an Xavier festhalten. Er sei einfach weiter gegangen, hinaus in die Welt, über alle Grenzen hinweg.

Hinaus in die Welt, über alle Grenzen hinweg: Das vereinnahmende Gefühl der jungen Frau ist in gleichem Masse das Credo der Volksbühne, die sich in der jetzigen Spielsaison der Geschichte um A’ida und Xavier angenommen hat. Frei nach dem Roman «A und X» des englischen Schriftstellers John Berger, setzen Regisseur Axel Nitz und künstlerische Leiterin Anina Jendreyko das Stück um die beiden Liebenden in die alte Druckereihalle des Ackermannshof. Zwischen grauen Betonwänden und kargem Interieur fliegen Xavier und A’ida nun also, hinaus in die Welt, über alle Grenzen hinweg.

Dunkle Welt in hellem Brief

Aber so einfach ist es nicht: Xavier sitzt im Gefängnis, er ist zu zweimal lebenslänglich verurteilt, soll eine «terroristische Vereinigung» gegründet haben. A’ida lebt auf freiem Fuss, kommt aber auch immer wieder mit der Tyrannei des Regimes, unter dem sie lebt, in Berührung. Dem Paar ist es untersagt, sich zu sehen, und so schreibt A’ida (wunderbar ungestüm gespielt von Anina Jendreyko selbst) ihm ins Gefängnis. Ihre Briefe beginnen mit «Habibi» oder «Mi guapo», sie könnten irgendwo auf der Welt geschrieben worden sein, die Geschichte von A und X bedarf keiner geografischen Abhängigkeit.

A’idas Briefe sind von Lebenslust gezeichnet, bunt und fröhlich erzählen sie von kleinen Beobachtungen, schwärmen von blauen Pflaumen und Chamäleons. Doch in den trivialen Schilderungen steckt stets auch etwas Kritisches, Versatzstücke der dunklen Welt, der die beiden angehören: Mal ist die Rede von Verhören, dann von Demonstrationen, von zurückgekehrten Freunden und verschwundenen Bekannten. Es ist nicht alles Gold was glänzt und persönliche Freiheit muss längst auf anderen Ebenen stattfinden. Genau so verhält es sich auch mit der Liebe, deren grösster Treiber – das physische Beisammensein – dem Paar längst genommen wurde. «Nacht für Nacht setze ich dich neu zusammen», schreibt A’ida und besser könnte sie die zarte Verbindung zwischen den beiden kaum in Worte fassen: Ein starkes Band, das die Liebenden zwar koppelt, aber nie ganz zusammenführen wird. 



Grosse Klasse: Anina Jendreyko als A'ida.

Grosse Klasse: Anina Jendreyko als A’ida. (Bild: Matthias Wäckerlin)

Auf der Bühne unterhält die energisch-sehnsüchtige A’ida dieses Band mit den immer wieder passenden Worten und Bewegungen, stets bereit, es in neue Richtungen auszuweiten. Xavier (Robert Baranowski) bleibt derweil seltsam distanziert. Vielleicht hat es mit seiner Situation zu tun, der traurigen Aussichtslosigkeit, die ihn in seiner Zelle befällt, und die mit A’idas Briefen doch eigentlich gedämpft werden sollte. Und doch scheint er bei jedem Vorlesen mit dem Kopf woanders zu sein. Die Trägheit seiner Figur ist zermürbend, und würde sie nicht so gut zu seiner Situation passen, könnte man meinen, der Schauspieler hinke seiner Rolle hinterher.

Aber vielleicht liegt es auch an der hartnäckigen Zuversichtlichkeit, die dem optimistischen Zuschauer immer wieder im Weg steht wenn es um traurige Inhalte geht. Xavier bleibt im Dunkeln, er sitzt im Kerker, er ist nicht ganz da – wieso stören wir uns daran? Und zucken gleichzeitig zusammen, wenn A’ida ausgelassen tanzt oder mit ihrer Freundin lauthals über Männergeschichten lacht? Ungern stellt man sich weder Abgründen noch Lärm. Und findet sich in einer Zerrissenheit wieder, die jene Atmosphäre der Buchversion von «A und X» meisterlich widerspiegelt.

Fragwürdige Aussagesätze

Was sie bei der Atmosphäre so erstklassig trifft, büsst die Inszenierung beim Bühnenbild ein: Immer wieder werden Aussagesätze auf die Wände rund um Xavier und A’ida projiziert, die eher verwirren als unterstützen. Hierzu seien Menschen zu den wichtigsten Momenten der Geschichte des linken Widerstandes befragt worden, entnimmt man dem Beiheft. Es passt zum interkulturellen Geist der Volksbühne, dass möglichst viele Stimmen zum Zug kommen. In diesem Fall wäre aber weniger mehr gewesen. 

Trotzdem: Die Aussage des Stücks schmälert es nicht. Und die ist in jeder Bewegung, in jedem Wort der Darsteller zu spüren. «Das Gegenteil des Ewigen ist nicht das Flüchtige – es ist das Vergessen», sagt A’ida vor eingeblendeten Aufnahmen zerstörter Städte. Dagegen kämpfen sie und die Volksbühne an. Gegen das Vergessen und fürs Erkennen derjeniger, die in den Kerkern despotischer Regimes nach zarten Verbindungen suchen. Hier liegt die Stärke der Volksbühne. Und die haben Axel Nitz und Anina Jendreyko mit «A&X» wieder einmal aufs Bewegendste vorgeführt.

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«A&X. Eine Liebesgeschichte nach dem Roman von John Berger»
, 9. Januar bis 6. Februar, Druckereihalle im Ackermannshof.

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