Tobias Gutmanns Face-o-mat: die Welt aus der Sicht einer Gesichts-Maschine

Tobias Gutmanns Face-o-mat hat Menschen von Schweden bis Papua-Neuguinea porträtiert – wie sieht so eine Maschine die Welt?

Der Face-o-mat und sein Erbauer – Künstler Tobias Gutmann.

Tobias Gutmanns Face-o-mat hat Menschen von Schweden bis Papua-Neuguinea porträtiert – wie sieht so eine Maschine die Welt?

Geboren bin ich in Schweden. Aus einer gewöhnlichen Kartonschachtel, auf die mein Erbauer Tobias damals «Face-o-mat» schrieb. «Face-o-mat» – der Gesichter-Automat. Das bin ich: ein Automat, der Gesichter festhält. Aber nicht so wie diese beliebten Schwarzweiss-Fotoautomaten, in denen man sich für ein paar Franken ablichten lassen kann. Was ich mache, ist was anderes. Was Intimeres.

Tobias wollte damals einfach mal schauen, was passiert. Er war völlig perplex, als die Menschen ihm die Bude einrannten. Das Ganze war Teil einer Gruppenausstellung und die Besucher wollten alle von ihm, von uns, porträtiert werden.

Menschen lieben sich selbst, sie lieben alles, was direkt mit ihnen zu tun hat. Und wenns dazu noch schön aussieht – mich hat das gar nicht erstaunt, dass wir von Anfang an so viel Erfolg hatten.

Am Sonntag 18. Juni ist Tobias Gutmann mit seinem Face-o-mat im Cartoonmuseum zu Gast. Im Vorfeld hat sich das Team der Tageswoche vor sein Fenster gesetzt. Das ist dabei rausgekommen: «Der Face-o-mat hat bei der TagesWoche vorbeigeschaut»

Tobias schon: Er war ganz erschrocken, dass die Menschen anstanden, um ein Porträt von sich zu erhalten. Dabei hatte er noch nie jemanden porträtiert. Und Porträts im eigentlichen Sinne interessierten ihn auch kaum: Er wollte die Menschen anders einfangen, mehr im Wesen als in ihren Gesichtszügen.

Die besten Porträts entstehen, wenn Tobi nicht überlegt. Er löscht nie aus, jeder Fehler ist ein Teil von dem, was in seinem Hirn passiert, in seinen Augen, in seinen Händen. Er lässt alles so, wie es kommt. Und ich helfe ihm dabei. Ich glaube, das macht uns so erfolgreich. 

Seit unserer Zusammenarbeit sehen wir Gesichter anders. Tobi sieht manchmal nur noch geometrische Formen, wenn er durch die Strassen läuft. Ich bin dabei meistens im kleinen Koffer eingeschlossen. Aber ich sehe ja genug, wenn die Arbeit anfängt. Die Menschen wollen sich meistens im besten Licht zeigen. Sie inszenieren sich, lachen oder lächeln, schauen freundlich. 

Dabei kommts gar nicht so sehr drauf an, was für ein Gesicht sie machen. Wir versuchen, den Rhythmus einer Person einzufangen. Da spielen Hautfarbe, Schminke und all das Zeug gar keine so grosse Rolle mehr.

In alle Richtungen

Ich bin Tobis Fenster. Ich schaffe Distanz, schirme ihn auch etwas von dem ab, was um ihn herum geschieht. Er braucht seinen Raum. Den kann ich ihm aber nicht immer bieten. Deshalb müssen wir mich ab und an ausbauen. Im Centre Pompidou wurde ich zu einem ganzen Raum: Tobi und seine Helfer bauten aus Schachteln eine Mauer um mich herum, aber keine unsympathische, eine, durch die man hindurch linsen konnte.

Am Ende verteilten sie die Schachteln ans Publikum. Danach lief jeder mit einem Teil von mir durchs Centre Pompidou. Eine schöne Art von Demontage, so durfte ich mich in viele verschiedene Richtungen verteilen.

In Stockholm, wo Tobias eine Zeit lang studierte, sind wir viel zusammen rumgereist, in Bars und Cafés und an einer Untergrundmesse. Da war jemand von der Designwoche in Milano und hat uns zu sich eingeladen. Ich wurde in einem Garten aufgebaut, man konnte Kaffee trinken und bei uns vorbeischauen – und von da an explodierte die Nachfrage. Wir wurden nach Tokio eingeladen, fuhren nach Tansania, nach Dubai, nach Melbourne. Völlig verrückt. 

Vom Modehaus bis zum Regenwald

Wir haben viele Welten gesehen, vom Modehaus bis zum Regenwald. In Papua-Neuguinea zum Beispiel. Da waren wir fernab jeglicher Stadt, nur einmal am Tag fuhr ein Lastwagen in dieses Dorf. Tobias war da eigentlich, um den Ort zu besuchen, wo er aufgewachsen war, er erzählte, was er so macht und die Leute waren sofort begeistert. «Es gibt da einen Lehrer und eine Schulklasse, die fänden das super!», riefen sie und holten Tobias in diese Schule. 

So entstand mein Pa­pua-Neu­gui­ne­ischer Zwilling – gebaut aus Material aus dem Regenwald. Tobias hielt sich dabei weitgehend raus: Er wollte nicht den Kolonialherren spielen. Er erklärte ihnen die Idee, zeigte aber keine Fotos. Auch das ist der Face-o-mat: Er funktioniert in der schicken Galerie in Milano genauso wie im tiefsten Dschungel.

Tobi hat ihn Bern visuelle Kommunikation studiert, und danach Storytelling in Stockholm. Die beiden Studiengänge erklären genau, was wir zusammen machen: Wir kommunizieren durch Bilder – und wir erzählen Geschichten. 

Bald zu sehen: Tobias Gutmanns visuelle Gedanken

Aber ich bin nicht die einzige Art, wie Tobi Geschichten erzählt. Neben mir hat er weitere Projekte, macht Zines, Videos, Mode. Bald hat er eine Ausstellung im Kunsthaus Langenthal, er wird darin seine visualisierten Gedanken zeigen. Visualisierte Gedanken – das passt zu ihm. 

Und er baut momentan gerade an einem Face-o-mat-Roboter. Ich weiss noch nicht, was ich davon halten soll. Allerdings glaube ich nicht, dass man mich einfach so automatisieren kann. Schliesslich gehören wir zusammen, ich und Tobi. Entweder, wir werden beide zur Maschine, oder es bleibt alles so, wie es ist. Aber ich glaube, er macht das eh nur so als Spielerei. Er will Muster erkennen, vom Roboter lernen, so wie der Roboter von ihm lernt. Das ist in Ordnung für mich. Ich weiss, mich kann man nicht so einfach ersetzen.

Es ist ein gutes Leben. Für eine Kartonschachtel, würd ich sagen, bin ich ganz schön weit gekommen.

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