Videokunst in avantgardistischer Architektur

In Strassburg verteilt sich die «Regionale» auf zwei verschiedene Häuser. Vor allem die «Artothèque» macht die Fahrt ins Elsass lohnenswert.

(Bild: zVg)

In Strassburg verteilt sich die «Regionale» auf zwei verschiedene Häuser. Vor allem die «Artothèque» macht die Fahrt ins Elsass lohnenswert.

Den Eingang zur «Aubette 1928» an der Place Kléber in Strassburg findet man rechts neben dem chicen Einkaufszentrum L’Aubette. Erst 2009 wurde die «Aubette 1928» eröffnet, nachdem der Festsaal, die Foyer-Bar, das Ciné-Dancing und das Treppenhaus der avantgardistischen Innengestaltung von Sophie Taeuber-Arp, Jean Arp und Theo van Doesburg des ehemaligen Vergnügungsortes restauriert wurden. Schon allein wegen diesen Räumen lohnt sich die Reise nach Strassburg, denn nur sporadisch wird die «Aubette 1928» mit zeitgenössischen Ausstellungen bespielt.

Da die Wandgestaltung keine Hängung zulässt, hat sich Sophie Kauffmann, die Direktorin des «Accélérateur de particules», für die Regionale-Schau «Jeunes Premiers» auf Video- und Tonkunst sowie Performance konzentriert. Die Toninstallation «Rhythme Infini» von Colin Champsaur empfängt die Besuchenden schon in dem von Theo von Doesburg malerisch gestalteten Treppenhaus. Schön, wie diese nachträglich mit der permanenten Performance von Judith Deschamps in Beziehung treten kann.

Ton- und Bildkreise

Im eindrücklichen Festsaal wird man von der Klanginstallation «eins bis sechzehn» von Ephraim Wegner  und Julia Weinmann umfangen. Aus 8 Lautsprechern überlagern sich die Geräusche, welche Wegner und Weinmann in verlassenen Hotels der portugiesischen Küste aufgenommen haben. Die aktuelle Leere und das vergangene Leben des Festsaals werden so auf besondere Weise spürbar.

Tritt man ins Zentrum der Installation «Contemplation II» von Steven Schoch in der Foyer-Bar, so wird man bewegter Teil der vier Echtzeit-Aufnahmen und sieht auf dem Bildschirmen immer das, was man real gerade nicht sehen kann. Eine Intervention von Schoch, welche eigentlich die Architektur ins Zentrum setzt, jedoch gleichzeitig mit dem Sich-selbst-Betrachten der Besucher konkurrieren muss.

Die «Portraits chantants» von Céline Trouillet im ehemaligen Ciné-Dancing berühren und irritieren gleichsam. Auf jedem der sechs kleinen Bildschirmen ist die Nahansicht einer Person zu sehen, die in ihrer Muttersprache und in überzeichneter Kleidung und Schminke ein Lied zum Besten gibt. Die Songs sind bekannte Schlager, doch sind sie für die Interpreten mit einer persönlichen Geschichte verknüpft. Inbrünstig oder abgeklärt wird gesungen, und manchmal auch total falsch.

Ausflug in ein Aussenquartier

Der zweite Ausstellungsort der Regionale 13 ist gut mit dem Tram erreichbar. In der «Artothèque» werden Arbeiten auf Papier von fünf Künstlerinnen gezeigt. Wie der Name schon sagt, können in der «Artothèque» Kunstwerke ausgeliehen werden und maximal zwei Monate lang zu Hause aufgehängt werden. Die «Artothèque» selbst kann nicht verkaufen, hat aber schon einige Ankäufe vermitteln können. Eine gute Art, Kunst zu vermitteln und Kunstschaffende zu unterstützen.

Esther Hieplers vierteiliger Auszug aus ihrem Projekt «Jardin de Travail» – Garten der Arbeit – zeigt jeweils zu einem Quadrat montierte 16 kleine Aquarelle, die einen winzigen Ausschnitt des Botanischen Gartens in Basel zeigen. Hiepler malt «sur le motif», zu festgelegten Stunden und Tagen und wegen der Länge des Projekts auch zu verschiedenen Jahreszeiten. Natürlich dominiert das Grün, dessen Schattierungen und die Veränderung der Lichtverhältnisse ihre Arbeiten zu neuen, lebendigen Gärten werden lassen. Gegensätzlich dazu die architektonischen Zeichnungen von Gertrud Genhart mit Tusche auf Kreidegrund. In genau konstruierten Auf- und Untersichten lässt sie imaginäre Orte erscheinen, die durch die verschiedenen Hervorhebungen verunklärt werden: Was sichtbar ist, was verdeckt ist, muss der Betrachter immer wieder von Neuem selbst entscheiden.

Die drei anderen Künstlerinnen verwenden den Bildträger Papier als formbares Material. Maren Ruben bearbeitet ihre grossformatigen Papierbögen durch Collage und andere Techniken so, dass ihre Arbeiten zu Reliefkarten werden. Mit feinen Filzstiftstrichen lässt sie Gebilde entstehen, die an natürlich Wucherndes, wundersame Traumwesen oder feines textiles Gewebe erinnern. Flurina Badel ersetzt den Strich durch den Faden. Ihre farbigen Stickbilder sind nur vordergründig schöne Broderie, denn das Harte des Stiches und das Verwenden von Blut und Haar referiert auf die Mühsal und Enge vieler Frauenarbeit. Anja Kniebühler perforiert das Papier von hinten und lässt poetische und fast unsichtbare Formen entstehen, welche durch wenige Striche mit Tinte gefasst werden.

Bei den Arbeiten auf Papier in der «Artothèque» kann man länger verweilen, die Fahrt nach Strassburg-Neudorf lohnt sich unbedingt.

  • Zu Beachten ist, dass die Regionale in Strassburg nur bis 31.12. dauert. Aubette 1928, Freitag, 14. Dezember, 18 – 20 h: Performance-Abend mit Saskia Edens, Chris Regn/Andrea Saemann, Jürgen Oschwald

Die TagesWoche stellt einzelne Ausstellungen der «Regionale 13» in einer kleinen Serie vor. Teil 5 folgt am Dienstag, 18.12., aus dem Kunsthaus Baselland.

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