Videos im Sekundentakt

An der «Regionale» zeigen seit dem Wochenende zahlreiche Kunstschaffende aus der Region ihre Werke. Die TagesWoche nimmt dies zum Anlass, einige junge Künster und Künstlerinnen zu porträtieren. Den Anfang macht Raphael Stucky – er zeigt seine Arbeiten im Kunsthaus Baselland und in der Kunsthalle Mulhouse.

Raphael Stucky und seine Installation «Schuh, Stein, Matratze» im Kunsthaus Baselland – ausnahmsweise in helles Licht getaucht. (Bild: Nils Fisch)

Künstler Raphael Stucky interessiert sich für kleine Alltäglichkeiten, die sonst kaum jemandem auffallen. Der frisch gebackene Abgänger der HGK stellt seine Videoarbeiten während der «Regionale» in zwei Häusern aus.

Oft nehmen wir nicht wahr, was uns umgibt. Erst aus der Distanz werden bestimmte Dinge oder Sachverhalte sichtbar. Raphael Stucky wuchs in Ernen auf, im Goms, in einem dieser geschwärzten Walliser Holzhäuser aus dem 16. Jahrhundert. Seine Eltern seien immer «Sammler von schönen, alten Objekten und Möbeln» gewesen, erzählt der 24-Jährige, damit sei er aufgewachsen. Wirklich gesehen habe er diese aber erst, als er ausgezogen war

2009 war das, da führte sein Weg ihn zuerst talabwärts, nach Siders an die Kunsthochschule Ecole Cantonale d’Art du Valais (ECAV). Dort absolvierte er den Vorkurs und wurde erstmals mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert: «Im Wallis hat man diesbezüglich sonst nicht sehr viele Gelegenheiten», sagt er erklärend. Am Gymnasium noch hatte er die Richtung Physik und Mathematik eingeschlagen – der Zeichnungslehrer jedoch vermochte ihn mehr für seine Kunst zu begeistern.

Zweimal ausgestellt

Das Zeichnen, das übt er heute noch. Obwohl er die Resultate nur selten an die Öffentlichkeit entlässt. Er fühle sich noch nicht bereit dazu, «irgendwann aber wird es vielleicht soweit sein, ich weiss es nicht.» Stattdessen sind es vornehmlich Videoarbeiten oder Fotografien, die wir kennenlernen dürfen – auch jetzt, während der «Regionale 14», und das gleich an zwei Orten.

«Kissen» heisst die Videoprojektion, die die Kunsthalle Mulhouse ausgewählt hat: Eine Serie von Standbildern, die ein schwebendes Kissen zeigen – ein Kissen, das in die Luft geworfen wird und durch die unterschiedlichen Knautschzonen wie eine zufällig entstandene Skulptur wirkt.

Im Kunsthaus Baselland zeigt Stucky eine Installation aus zwölf Monitoren. «Schuh, Stein, Matratze» heisst sie, und im Grunde ist sie eine Erweiterung seiner Bachelorarbeit an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) in Basel, wo er von 2010 bis 2013 studiert hat. Im September erst hatte er die Arbeit an der Diplomausstellung präsentiert – damals mit acht Bildschirmen. Fürs Kunsthaus Baselland hat er die flexible Arbeit dem Raum angepasst, das heisst vergrössert und präzisiert.

Dackel und Kaminrauch

Auf den Monitoren laufen nun 30 unterschiedliche Videos im Wechsel. Kürzestvideos, kaum mehrere Sekunden lang und geloopt, wodurch ein steter Rhythmus entsteht, der sich auch im Ton verfolgen lässt. Wie kurz kann ein Video sein, fragte sich Stucky, bevor er diese Arbeit begann. Den Impuls für diese Frage gab unter anderem seine Beschäftigung mit Gif-Animationen, aber etwa auch ein Song der Band Napalm Death, die dasselbe im Bereich der Musik versuchten und ein Stück kreierten, das gerade mal 1,3 Sekunden dauert.

Eine Antwort auf seine Frage hat Stucky nicht wirklich gefunden, gibt er zu: «Zwei Dinge sind mir allerdings aufgefallen: Die Bewegung muss in der Kürze noch wahrnehmbar sein. Und die Sequenz muss mehrmals wiederholt werden, damit durch die Repetition ein Bild hängen bleibt. Sonst ist es zu flüchtig.»

Ganz alltägliche Dinge sehen wir in diesen Sekundenvideos: einen Dackel zum Beispiel, der den Kopf dreht; Kaminrauch; ein baumelndes Seil; einen wippenden Fuss; einen Schirm, der zusammen geklappt wird. Kleinigkeiten, die einem aber erstmal auffallen müssen, für die man einen Blick haben muss.

Alltägliches inspiriere ihn, sagt Stucky. Aber auch Vergangenes. Erinnerungen. Solche verarbeitete er beispielsweise in seiner Videoarbeit «Atem», für die er mit der Kamera seinen Heimatort erkundete. In einer anderen Arbeit, «Alpsegen», verfremdet er den traditionellen Sprechgesang der Älpler. Dann wieder interessiert er sich für Verhaltensweisen, für den Schlaf beispielsweise. Oder er dokumentiert Erfahrungen – die Übernachtung im Wald in der Nähe eines ehemaligen Galgens beispielsweise.

Kunst und Musik

Er wolle sich nicht auf etwas Bestimmtes festlegen, sagt Stucky. Weder auf einen Motivbereich noch auf ein Medium. Obwohl ihm Video sicherlich am meisten entspreche – zumindest momentan. «Es ist ein sehr direktes Medium», sagt er. «Die vielfältige Nutzung fasziniert mich. Dass sich damit Bild, Text und Ton vereinen lassen.»

Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass er etwas noch Idealeres findet. «Meine Interessen verschieben sich stetig», sagt er. Vielleicht ist er deshalb zwar Künstler, gleichzeitig aber auch Teil des Kuratorenteams des Offspaces «Dr. Kuckucks Labrador», das regelmässig Ausstellungen im Kaskadenkondensator im Basler Warteck realisiert. Und Musik macht er auch, in der Band «Könige Kleiner Länder» – zusammen mit den Künstlerkollegen Lysann König und Simon Egger, die wiederum alle zusammen Mitglieder der zehnköpfigen Performancetruppe «Beuystoys & Mudisten» sind.

Ein wenig wird all dies wohl nun pausieren müssen. Denn Stucky verbringt das erste halbe Jahr 2014 in Paris, als Stipendiat des Austauschprogrammes iaab. Seine Canon Powershot, mit der er bislang seine Fotos und Filme schafft, wird ihn dorthin begleiten. Dass die Speicherkarte bei seiner Rückkehr voll sein wird, daran besteht kein Zweifel.

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Regionale 14, bis 5. Januar 2014. Diverse Orte, Detailinfos unter www.regionale.org.Raphael Stucky stellt im Kunsthaus Baselland und in der Kunsthalle Mulhouse aus.

Die TagesWoche porträtiert während der Ausstellungsdauer der Regionale 14 mehrere junge Künstler und Künstlerinnen. Raphael Stucky macht den Auftakt.

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