Viel Lärm um Nichts?

Gisèle Vienne zeigte in der Kaserne Basel ihre Performance «This Is How You Disappear» erstmals in der Schweiz. Ihr Waldstück bot intensive Erfahrungen und spaltete die Gemüter.

Dichter Nebel aus allen Poren der verwilderten Bühne strömt und durch den Wald über den Bühnenrand die Zuschauerreihen hochflutet (Bild: Sébastien Durant)

Gisèle Vienne zeigte in der Kaserne Basel ihre Performance «This Is How You Disappear» erstmals in der Schweiz. Ihr Waldstück bot intensive Erfahrungen und spaltete die Gemüter.

«Aber wäisch: Do gang y lieber bi uns in Wald. Wenn’s näblet. Do fühl y mi wöhler. Und s’bedruggt mi nid so!»

Die Meinungen nach Gisèle Viennes (Choreografie, Bühne) «This Is How You Disappear» waren geteilt, nicht nur aber sicher auch darum, weil die Institution Kaserne mittlerweile in der Gesellschaft angekommen ist. Und ein entsprechendes Publikum anzieht.

Aber ja, leichte Kost wars wahrlich nicht. Der Abend begann gleich mit einem sehr lauten Bild.

Blecherner Sound röhrt durch den finsteren Bühnenwald, und nur wenig Licht gelangt zu der Stelle, wo sich ein Mann in weissem Trainer (Jonathan Capedevielle) auf allen Vieren hektisch an einem Baumfuss vertut. Echte Bäume und echtes Laub.

Wir sehen den Kerl von hinten und erkennen praktisch nichts, eigentlich ist alles unklar. Aber die Zeichen stehen schlecht, hier passiert nichts Gutes. Plötzlich taucht jetzt eine junge Frau auf (Nuria Guiu Sagarra). Im Minijupe mit weissen Turnschuhen, eine Turnerin. Sie stretcht. Ach so… Also doch kein Leichenverbuddeln? Trainer und Athletin? Im Wald?

Nicht weh tun aber stimulieren

Der betörende Sound (Stephen O’Malley, Peter Rehberg) bestimmt dieses Tableau Vivant der studierten Musikerin Giselèle Vienne von Grund auf. Entfernte Nebelhörner vermengen sich mit urtiefen Bassgitarren zum diffusen Lärm und berauschen unsere Sinne.

Wohl mehr noch als das Licht beeinflussen sie, was wir in diesem Bühnenwald sehen: Die körperliche Perfektion der Turnübung verkommt zur Pein, der Rücken wirkt verkrümmt, die Halsschlagader ist entblösst. Mit viel Lärm drängt uns Vienne an die Grenzen des Ertragbaren. Nicht weh tun solle das, aber stimulieren: «Wie Extremsport: Die Idee ist, nicht zu sterben». 

In solchen Momenten überrascht es schon ein wenig, dass Vienne gerade im zärtlichen Jacques Tati ihre grosse Inspirationsquelle findet. Sie orientiert sich an seinen Kompositionen, die Bewegung, Ton, Licht und Architektur geradezu musikalisch zusammenfügen. Narrative sind hier ganz schlicht gehalten. Um Zugang zu einer solchen Komposition zu finden, muss der Zuschauer «die Augen und Ohren ein bisschen schärfer stellen».

Dieses Rascheln und Keuchen hinter uns

Es ist viel aufs Mal. Hinzu kommt, dass Vienne mit den Erwartungen der Zuschauer spielt. Sie lässt sie erst den logischen Weg einschlagen, um dann ganz unerwartet die Richtung zu ändern. Nicht grob aber deutlich, bis zu 180 Grad.

Nicht immer kommt dies so subtil daher wie im starken ersten Bild. Etwa wenn Sagarra hinter des Trainers Rücken einen Müesliriegel verdrückt, sich umdreht, bückt und Vögel zwitschern. Viennes Absicht, dem Zuschauer die komplette Deutungshoheit über ihr Stück zu überlassen, ist an solcher Stelle so offensichtlich wie misslungen.

Oft aber steuert Vienne den Blick ihrer Zuschauer mit Erfolg. «Menschen haben die Tendenz immer den Menschen anzuschauen» – wo sie dies verhindern will, setzt sie den Bildausschnitt selbst. Ist schon die Bühne mit dem Wald ein Guckkasten, bestimmt effektvolles Licht (Patrick Riou) und dominanter Ton unseren Blick auf die Bewegungen.

Kein Halt vor sexuellen Tabus

Diesen Rahmen löst sie herrlich auf, wenn dichter Nebel aus allen Poren der verwilderten Bühne strömt und durch den Wald über den Bühnenrand die Zuschauerreihen hochflutet. Dann dieses Rascheln und Keuchen hinter uns, neben uns, vor uns. Die einen geniessen solch einen sinnlichen Übegriff. Andere zwingt er in demonstrativen Husten. Zuschauer kramen fröstelnd nach ihren Jäckchen.

Der sinnlichen Zumutungen damit nicht genug. Sagarra gibt die reizvolle Turnerin. Ultralangsames und viel zu junges Beinespreizen in bedrohlicher Griffnähe. Der Trainer kämpft gegen sich selbst. Vienne macht keinen Halt vor sexuellen Tabus, ohne die Absichten der Figuren aus der Deckung zu zwingen.

Die Künstlerin findet ihre soziale Pflicht in der Schaffung eines Raumes für Nicht-Erlaubtes, für Grenzwertiges. Unbedingt. Das polarisiert, bis zum Vorwurf der Pädophilie. Das Problem, so Vienne, liege dabei im Blick des Betrachters: «Das ist die ganze Scheinheiligkeit: Dieser Kritiker hat sich über seine eigene Lust aufgeregt.»

Wenn man es denn zulässt

Ihre Kunst sei ein Ort, an dem man ingelligent und ehrlich Gedanken diskutieren kann: «Ich finde dieses 13-jährige Mädchen anziehend.» «Ich würde gerne meinen Nachbar töten.» «Ich begehre einen anderen Mann.» «Das ist ok!»

So ist Viennes Blick auf die Trainerfigur kein urteilender Blick. Er zeigt uns diesen Mann nicht ohne Würde, sondern in seiner ganzen Erbärmlichkeit. Wie er gierend an der jungen Unterwäsche schnüffelt, um sich damit sogleich den kalten Schweiss der Scham vom Gesicht zu reiben.

Wie gut passt da der Wald als Ur-Ort des Illegalen, des Undenkbaren, der Unmoral. Als Metapher für die Kunst, als ein Ort, wo wir unsere ganzen inneren Facetten, die ganze Vielfalt unserer Intimität entdecken dürfen. Am Rand der Gesellschaft. Unter diesem Aspekt nimmt das Bedrückende der Inszenierung leicht etwas Befreiendes an. Wenn man es denn zulässt.

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Gisèle Vienne: «This is how you will disappear», Kaserne Basel. Weitere Vorstellung Sa, 7. 2., 20 Uhr.

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