Vincent Kriste heckt was aus

Kann man 15 Minuten fasziniert vor einem Busch stehen? Kann man. Im Stapflehus, vor der Hecke des Künstlers Vincent Kristes.

Ist das etwa? Nein, nicht echt und ja, Vincent Kriste.

(Bild: Eleni Kougionis)

Kann man 15 Minuten fasziniert vor einem Busch stehen? Kann man. Im Stapflehus, vor der Hecke des Künstlers Vincent Kristes.

Fast traut man seinen Augen nicht: Nachdem man draussen an einem eher schlecht als recht zugeschnittenen Exemplar vorbeigelaufen ist, trifft man hier im Ausstellungsraum des Stapflehus in Weil am Rhein auf die perfekteste Hecke, die man je in seinem Leben gesehen hat: 



Ja, das ist gemalt.

Ja, das ist gemalt. (Bild: Eleni Kougionis)

Ganz schön echt, raunt man der Fotografin zu, die sich freut: Sowas lässt sich gut fotografieren. Aber lässt sich auch gut darüber reden? Vincent Kriste schaut auf seine silberne Rado-Uhr aus den Siebzigerjahren, die ihm sein Grossvater hinterlassen hat. Zehn Minuten fotografieren, dann hat er Zeit für ein Gespräch.

Von der Perfektion zum Chaos

In der Zwischenzeit schaut man sich die Hecke an und erfreut sich am Gefühl dabei. So viel geballte Perfektion ist befriedigend, beruhigend sogar, so wie Ordnung eben beruhigt.

Zumindest aus der Distanz. Sobald man sich nähert, ist es nämlich vorbei mit der Akkuranz. Dicke, glänzende Striche aus Acrylfarben in gerade mal vier Farben ziehen sich über die Baumwollleinwand. Die wunderbare Hecke ist zum Chaos geworden, ein fettes Relief in Moos-, Laub-, Gras- und Mintgrün: 



Sagen wirs doch.

Sagen wir doch. (Bild: Eleni Kougionis)

Schnell wieder zurück, wo man sich in sicherer Distanz überlegt, wie zum Teufel sowas wie eine Hecke so vereinnahmend sein kann. «Liegt vielleicht an der Symmetrie», schlägt Kriste vor. Die Fotosession ist vorbei, er stellt sich vors Bild und erzählt, wie die Hecke entstanden ist: Bilder von Hecken im Internet zusammengesucht, eine prototypische Version daraus zusammengefügt, links oben angefangen zu malen, bis in die Mitte hinein. Dann abfotografiert und spiegelverkehrt auf die rechte Seite übertragen, eins zu eins. Formvollendet.

Ein Gebüsch und doch kein Gebüsch

Der ursprüngliche Zürcher, der in Basel erst die Fachklasse Grafik besuchte und später bildende Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel und in Zürich studierte, malt wirklich hervorragend. Aber das ist nicht das Einzige, was die Faszination dieses, nun ja, eigentlich einfach Gebüschs ausmacht.

Die beiden Ebenen, einmal illusorisch, einmal plastisch, sind perfekt aufeinander abgestimmt – und eben nicht in der charakterlosen Perfektion generischer Werbebilder, sondern so, dass das Gebüsch zum Kunstwerk wird. Ein Hin und Her zwischen Ebenen und Unebenheiten, ein Gebüsch und doch kein Gebüsch, als hätte Kriste das Wesen einer Naturgegebenheit eingefangen und auf die Leinwand gebannt.



«Ich mag Objekte mit Objektcharakter»: Vincent Kriste, in Erklär-Aktion.

«Ich mag Objekte mit Objektcharakter»: Vincent Kriste, in Erklär-Aktion. (Bild: Eleni Kougionis)

Was für ein Künstler steht hinter einem solchen Stück? Ein «Materialfetischist und Malereiforscher» wurde er mal genannt, Kriste selbst meint bescheiden: «Ich will mit Farbe Strukturen nachbilden.» Er ist ein strukturierter Künstler, mag Abläufe, Organisation, konkrete Handlungsanweisungen.

Im Atelier nur das Nötigste

Am Anfang jedes Bilds steht ein selbst auferlegtes Verfahren, das er im Entstehungsprozess einzuhalten versucht. Obwohl es dann doch oftmals anders käme, wie er lachend bemerkt. Sein Atelier ist entsprechend hell und aufgeräumt, am Boden liegt, was gebraucht wird: Leinwände, Farbtuben, eine Matratze zum Übernachten.



Ganz schön strukturiert: Vincent Kriste in seinem Atelier im Oslo am Dreispitz.

Ganz schön strukturiert: Vincent Kriste in seinem Atelier im Oslo am Dreispitz. (Bild: Eleni Kougionis)

Hier arbeitet Kriste an seinen grossformatigen Malereien und kleineren Zeichnungen, die aber mindestens so akkurat daherkommen wie die Hecke oder der Teppich, den er momentan auch ausstellt – im M54 an der Mörsbergerstrasse. Auch der ist verblüffend haptisch gemalt, mit rissiger Farbe, die den Teppich abgenutzt und zertreten erscheinen lässt.

Von der Hecke zum Teppich – wo liegt da die Verbindung? «Es stimmen halt viele Voraussetzungen», meint Kriste gewohnt pragmatisch. Die Dimension, die Beschaffenheit, er könne was mit der Perspektive machen. Das gefalle ihm. Auch, dass die Hecke einen Modellcharakter habe. Als Objekt, aber auch als Resultat auf seiner Leinwand. Seine Hecke ist ein Prototyp, es ist irgendeine Hecke und doch die Hecke, das typische Modell, genau die Hecke, die einem im Kopf erscheint, wenn man das Wort «Hecke» hört.

Aber genug Hecke jetzt. Was schwirrt dem Künstler denn im Moment grad im Kopf herum? «Ein Felsbrocken», sagt Kriste, und man lacht und seufzt und freut sich auf einen, auf den, auf genau den einen, perfekten Felsbrocken. Vincent Kriste wird ihn einfangen, ganz bestimmt. 

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Vincent Kriste stellt in der Städtischen Galerie Stapflehus und im Projektraum M54 aus.

Die TagesWoche begleitet die «Regionale 17» wie bereits in den vergangenen Jahren mit Porträts ausgesuchter Künstler und Künstlerinnen. Alle bisher erschienenen Porträts finden Sie in unserem Dossier.

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