Völlig losgelöst

Die Künstler Admir Jahic und Comenius Röthlisberger haben eine Güterhalle gemietet und geniessen darin ab heute ihre künstlerische Freiheit.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Die Künstler Admir Jahic und Comenius Röthlisberger haben eine Güterhalle gemietet und geniessen darin ihre künstlerische Freiheit.

Fünf Stunden lang haben Admir Jahic und Comenius Röthlisberger am Montagnachmittag in der Güterhalle beim Bahnhof St. Johann gestanden und diskutiert. Bis auf ­einen Stapel Holzlatten ist die Halle leer – 1000 Quadratmeter dunkler Raum, der darauf wartet, vom Künstlerduo bespielt zu werden. Drei Werkgruppen sollen hier rein, doch wie anordnen? Argumente treffen auf Gegenargumente, doch schliesslich einigt man sich. Nun geht es an die Umsetzung.

«Das Diskutieren ist ein Teil von uns», sagt Admir Jahic. «So war es von Anfang an, so funktionieren wir.» Von Anfang an, das heisst seit rund sieben, vielleicht acht Jahren. Genug Zeit, um zu wissen, dass das etwas Festes ist, wie man in einer Beziehung sagen würde. Ein gut eingespieltes Team. Röthlisberger hat den eher stillen Part übernommen, er überlässt das Reden lieber seinem Partner. Wenn dieser dann doch mal ein Statement von ihm einfordert, so merkt man bald, dass die beiden manchmal auch durchaus unterschiedliche Meinungen vertreten.

Sind diese Standpunkte zu disparat, dann wird halt ausdiskutiert: «Es ist wie in unserer Arbeit: immer Teamarbeit.» So halte vielleicht einer eine Holzlatte an die Wand, der andere gehe ein paar Schritte zurück und gebe Anweisungen: «Rechts höher.» Dann schlage man den ersten Nagel ein, wechsle die Positionen, und so gehe es weiter.

Unsichtbares Kollektiv

Der Teamgedanke war es auch, der Admir Jahic dazu veranlasste, im Jahr 2007 ein Künstlerkollektiv zu gründen: die «Invisible Heroes». Die Idee dahinter war, dass mehrere Künstler aus möglichst unterschiedlichen Richtungen sich zusammenschliessen, um sich gegenseitig bei der Arbeit zu unterstützen. Und auch, um gemeinsame Werke zu schaffen.

Jahic – der eigentlich gelernter Rahmenvergolder ist, aber nie in diesem Bereich gearbeitet hat – hatte die Schule für Gestaltung in Bern besucht, landete dann aber eher zufällig in einer Werbeagentur. Bis der heute 38-Jährige sich dazu entschied, die Kunst doch zum Beruf zu machen. Und auf die Idee mit den «Invisible Heroes» kam. Bald machten ein paar Künstler mit: Pawel Ferus zum Beispiel, ein ausgebildeter Bildhauer, Tarek Abu Hageb oder Graffitikünstler Smash137. Den Fotografen Comenius Röthlisberger lernte Jahic an einer «Lichtfeld»-Ausstellung kennen: «Ich half seiner kleinen Tochter dabei, einen Turm aus Kisten zu bauen.» Eine regelrechte Zufallsbekanntschaft sei das gewesen, erzählt er.

Der Zufall – er taucht in der Geschichte um Jahic und Röthlisberger immer wieder auf. Just an dem Tag, als Jahic nämlich die ersten Visitenkarten für die «Invisible Heroes» ­gestaltet hatte – «kleine Kartonkärtchen mit nicht viel mehr als dem Namen der Website drauf» –, traf er an einer Bar auf dem nt/Areal einen Mann namens Alexis Hubshman. Der Amerikaner hatte wenige Jahre zuvor die Kunstmesse Scope gegründet und gerade im Sinn, diese nach Basel zu bringen. Man unterhielt und verabschiedete sich. Ein halbes Jahr verging, und bei Jahic traf eine E-Mail ein: Ob er mit seinen «Heroes» Lust hätte, einen Stand an der ersten ­Basler Ausgabe der Scope zu gestalten.

«In Basel nahm man uns lange fast nur an Messen wahr.»
Comenius Röthlisberger

Flugs machten sich die «Invisible Heroes» ans Werk. In Basel fand in ­jenem Sommer 2008 die Fussball-­Europameisterschaft statt, und das Künstlerkollektiv liess sich davon ­inspirieren: Für die Arbeit «Artisti» kopierten sie das Konzept der «Panini»-Bilder. Stadien wurden zu Museen, Schiedsrichter zu Kuratoren, Fussballspieler zu Künstlern. Vor Ort am Messestand konnte man die Sticker erwerben und tauschen. Die Künstler nahmen damit nicht nur ­geschickt den Marktgedanken der Messe auf, sondern verwiesen auch darauf, dass Künstler im Endeffekt nicht anders gehandelt werden als Fussballspieler auf dem Transfermarkt. Und sie schufen damit einen Messe-Renner – noch heute erhalten sie vereinzelt Anfragen nach den Stickern.

Die «Invisible Heroes» liefen sich irgendwann tot, übrig blieben Jahic und Röthlisberger. An der Scope in ­Basel traf man sie auch später immer wieder, die beiden gehörten dort eine Zeitlang fast zum Inventar. «In Basel nahm man uns lange fast nur so wahr», sagt der 42-jährige Röthlisberger. Ausstellungen in Institutionen oder Galerien richteten sie bis letztes Jahr ­eigentlich nur im Ausland aus – in Prag, Miami, Kuwait oder Paris. Seit 2013 haben sie nun in der Galerie Idea Fixa auch eine Vertretung in Basel.

Umgekehrte Karriere

Eine übliche Künstlerkarriere ist das nicht. «Während die meisten Künstler nach der Schule mit kleineren Ausstellungen beginnen, sich irgendwann eine Galerie suchen und dann an ­Messen teilnehmen, haben wir quasi den umgekehrten Weg gewählt», sagt Jahic. Die frühen Messeteilnahmen haben zwar den Vorteil, dass man schnell in Kontakt mit dem Markt, mit Galeristen kommt. Aber dieser Weg hat auch Nachteile: «Die Messe ist pures Business, keine beseelte Angelegenheit», formuliert Jahic.

Deshalb sind sie auch so froh um die Gelegenheit, die sich ihnen nun bietet: Sie können dank Crowdfunding bei Sammlern und Freunden zusammen mit der Galerie Idea Fixa für ein halbes Jahr die Güterhalle beim Bahnhof St. Johann mieten und dort ihre erste komplett verkaufsunabhängige Ausstellung in der Schweiz präsentieren. «Das ist grossartig. Nur schon, weil die Halle ganz anders ist als ein üblicher Ausstellungsrahmen», sagt Röthlisberger. Tatsächlich: Die denkmalgeschützte Halle unterscheidet sich in allem von einem weissen Galerie- oder institutionellen Ausstellungsraum. Sie hat industriellen Charme, ist riesig – aber auch dunkel, (im Moment zumindest) eiskalt, und es zieht.

«Die Messe ist ­pures Business, keine beseelte Angelegenheit.»
Admir Jahic

Für die Künstler tun diese Widrigkeiten dem Reiz des Abenteuers ­keinen Abbruch, im Gegenteil: «Das Schönste ist die Freiheit.» Keiner ­redet ihnen rein, wenn sie darüber diskutieren, wie sie ihre Werke anordnen wollen. «Der Durchgang» heisst die Ausstellung, und einen solchen wollen sie hinter die Tür bauen, einen Gang aus Holzlatten, durch den die Besucher eintreten müssen. «Sie sollen in eine andere Welt eintauchen, raus aus dem üblichen Rauschen», sagt Jahic.

Zentrales Element der Ausstellung werden 300 schwarze Pigmentarbeiten sein. Die Glasobjekte werden auf Tischen ausgelegt und eine Art schwarze Fläche bilden. Die Betrachter werden darin mit dem eigenen Spiegelbild konfrontiert, so wie das etwa auf dem Display eines Smartphones passiert.

Für diese Werkserie haben Jahic und Röthlisberger Polyesterharz mit schwarzen Farbpigmenten vermischt, auf Glasplatten gegossen und mit ­einer zweiten Platte abgedeckt. Das Polyesterharz verteilt sich durch das Zusammenpressen über die gesamte Fläche, bildet vielleicht kleine Blasen oder Pigmentflecken. Wenn Licht hindurchscheint, sieht das ein bisschen wie ein sternenübersäter Nachthimmel aus.

In diesem Werk findet man ihn auch wieder, den Zufall, der zu diesem Künstlerduo gehört. «Wir experimentieren gern», sagt Jahic. Mit Ausstellungsformen, mit Medien und eben auch mit Materialien. Da dürfen Fehler nicht nur passieren, sondern sie sind im Konzept mitgedacht. «Es soll nicht zu perfekt aussehen», sagen sie gerne über ihre Werke. Zu dieser Einstellung passt nicht nur, dass an den Rändern der Glasobjekte noch Reste des Polyesterharzes überstehen oder dass die Holzlatten, die in der Güterhalle noch am Boden liegen und von den Künstlern zu einer raum­greifenden Installation zusammengeschraubt werden sollen, ungeschliffen sind. Dazu passt auch diese alte ­Güterhalle, die sie zum temporären Heim gewählt haben, mit ihren undichten Wänden und altersgeschwärzten Balken.

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«Der Durchgang»: Stellwerk – Güterhalle Bahnhof St. Johann, Vogesenplatz 17.
Ausstellungsdauer: 17.1. bis 2.2., Freitag bis Sonntag von 16 bis 20 Uhr.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 10.01.14

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