Vokalflug übers Mittelmeer am Stimmen-Festival

Die Libanesin Fadia Tomb El-Hage und A Filetta aus Korsika brachten ergreifende A-Cappella-Kunst in den Riehener Wenkenpark.

Leidenschaftlich und gefühlvoll: A Filetta im Wenkenpark.

(Bild: Juri Junkov)

Die Libanesin Fadia Tomb El-Hage und A Filetta aus Korsika brachten ergreifende A-Cappella-Kunst in den Riehener Wenkenpark.


Wandlungsfähig hat sich der Wenkenpark Riehen in den letzten 15 Jahren als Herberge von «Stimmen» gezeigt: Von der Open Air-Bühne zum überdachten Konzert in der Reithalle, von Weltmusik über Soul und Blues bis hin zu Klassik. Gerne liess Wolfgang Graf, Leiter des Kulturbüros Riehen, nochmals Highlights aus den letzten 15 Jahren Revue passieren, um das zahlreich erschienene Publikum einzustimmen. Es war gekommen, um einer traditionellen Kernkompetenz des Festivals zu lauschen: der Begegnung von Stimmen der Welt, in diesem Falle aus Korsika und dem Libanon. 



Inbrünstige Polyphonie

 «Conversation(s)» – unter diesem Titel unternimmt das korsische Männersextett A Filetta, das nach mehreren Auftritten in der Stimmen-Geschichte schon fast zum Inventar gehört, einen Vokalflug übers Mittelmeer zu seinem Counterpart, der Libanesin Fadia Tomb El-Hage. Konversation lässt sich jedoch schon beim Einstieg in den Abend erleben, den die Insulaner unter sich ausmachen: So eng stehen sie beieinander, teils in Umarmung, dass ihnen die Stimmführungen der jeweils anderen, die Terza, Seconda und der Bassu in den Köpfen resonieren müssen.




Die Libanesin Fadia Tomb El-Hage unterstützte die singenden Korsen. (Bild: Juri Junkov)

Die Dynamik dieser Polyphonie ist überwältigend: Sie reicht vom feingliedrigen Wispern in einem georgischen Wiegenlied bis zum inbrünstig herausgepressten Finale des «Miserere». In dieser Eigenkomposition, genau wie in «Ave Stella Maris», spielt der Chor mit altbekannten Gestaltungsprinzipien wie dem Cantus Firmus, baut jedoch fremde Harmonien und ungewöhnliche Zäsuren ein.

Alles wird mit einer fast schmerzlichen Innnigkeit vorgetragen, die die Melodiestimme von Jean-Claude Acquaviva unterstützt durch expressive Mimik anleitet. 



Ein Ozean aus Samt



Als El-Hage die Bühne betritt, sorgt sie für ein Aha-Erlebnis: Der Umfang ihrer Stimme, die an einen Ozean aus Samt denken lässt, reicht teils tiefer als jener der Männer. Und so lebt der weitere Verlauf des Konzerts nicht einfach von der Geschlechterdualität, sondern von den so verschiedenen Timbres. Hier die rigide, kehlige Rustikalität der korsischen Volkstradition, dort der klare, wendige Alt. Eine traumhafte Paarung mit vielerlei Kombinationsmöglichkeiten: Im altsyrischen Gesang «Yawno Tlito» schwingt sich die Libanesin erzählend über den satten Haltetönen der Männer auf, in «Partenza Astuta» bettet sie sich in ein harmonisches Gefüge mit vielen Reibungen.

Für einen Sound-Eindruck hier eine Aufnahme von 2013:

Und dann gibt es auch die Momente, wo sie ihre ganze melismatische Kunst erstrahlen lässt, etwa im sakralen Gesang von «Inn Al Baraya». Ihr Solo des byzantinischen Gesangs «Innal Malaka» gerät zum intensivsten Moment des Abends, die Vierteltöne der arabischen Skala fahren unter die Haut, der knirschende Dielenboden der Reithalle verstummt, man hört die sprichwörtliche Stecknadel.



Ein Schlaflied gegen Bomben



El-Hage, die in München und in Beirut studiert hat (ihre charmanten Ansagen bestreitet sie in perfektem Deutsch) vermittelt mühelos zwischen den Kulturen: Ein «Kyrie» gerät durch ihre Führung zu einem fast rituell kreisenden Tanz. In «Notte Tana» – einer von mehreren Ausschnitten aus der Produktion «Puz/zle», die sie mit A Filetta vor Jahren schon einmal als Tanztheater bei Stimmen auf die Bühne brachte – lässt sie sich auf ein intensives Trio mit eigentümlich fragender Stimmenführung ein.

Es ist fernab von vokaler Wellness ein Abend, der die Zuhörer fordert: Man muss sich der beizeiten sakralen Stimmung schon öffnen, und man darf auch keine Angst vor der dunklen Seite haben: «Treblinka» fährt mit fast abgründigen Harmonien ins Unterbewusste, El-Hage löst sich hier von ihren Kollegen mit dem Gestus einer Klagefrau.



Dass dieses Aufeinandertreffen von Korsika und Libanon auch einen doppelten, einen politischen Boden hatte, das schwang für den, der es wollte, deutlich mit: Beide Länder waren und sind Spielball kriegerischer Auseinandersetzungen und kolonialer Ansprüche, die auch immer die ursprüngliche Kultur bedroh(t)en. Symbolisch hierfür steht El-Hages Wiegenlied am Ende: Sie hat es ihrer Tochter zur Beruhigung immer vorgesungen, wenn nachts der Krieg um ihr Haus tobte. Schön wäre es, brächte ein Lied Bomben zum Schweigen.

Zum Finale knüpfen A Filetta an ihr Gastspiel bei Stimmen im Jahre 2009 an: Die Vertonung eines Textes des portugiesischen Nationaldichters Fernando Pessoa hat eine vorwärtsdrängende Bewegung, über der El-Hages Stimme fast abendländisch-klassisch tönt. Mit Standing Ovations wird dieses bewegende mediterrane Meeting am Ende bedacht.

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