Von Graffiti zur Urban Art

Aus der subversiven Bewegung der 1970er Jahre ist längst eine Kunstsparte erwachsen, deren künstlerische Strategien zur Eroberung des öffentlichen Raumes mit Begriffen wie Street Art, Urban Art oder Post-Graffiti beschrieben werden. Der Kunst Raum Riehen zeigt die Entwicklung.

David Josef Tamargo: „Pferde−Jagd“ (Bild: zVg)

Aus der subversiven Bewegung der 1970er Jahre ist längst eine Kunstsparte erwachsen, deren künstlerische Strategien zur Eroberung des öffentlichen Raumes mit Begriffen wie Street Art, Urban Art oder Post-Graffiti beschrieben werden. Der Kunst Raum Riehen zeigt die Entwicklung.

Ungefähr alle fünf Jahre muss «Claudia ich liebe Dich oder so 22.25 Uhr» ersetzt werden, dann, wenn die Neonröhren des leuchtend-blauen Schriftzuges ausgebrannt sind und eine neue, gleiche Liebeserklärung her muss. Dass dieses pragmatische Faktum zu einer Umsetzung der brennenden und sich verzehrenden Liebe wird, entbehrt nicht einiger Ironie. Ob die anfangs dieses Jahrtausends Angebetete immer noch von der gleichen Person geliebt wird? Wenn nein, macht nichts: Eine Claudia lässt sich immer finden, die genau um 22:25 Uhr von irgendjemand geliebt wird!

Zu sehen ist der Neonschriftzug schon seit 2001 unter der Johanniterbrücke in Basel und er ist zu einem sorgsam konservierten Relikt des Kunstprojekts im öffentlichen Raum des St. Johanns von  www.lokalzeit.ch geworden. Der Künstler Mark Handforth (geb. 1969 in Hong Kong, lebt in Miami) hatte sich damals von einer Basler Wandsprayerei mit eben dieser Botschaft inspirieren lassen und das, unterdessen wohl längst verschwundene Geständnis, in Neonröhren übertragen und damit verewigen lassen.

Ausstellungen:

Der Schriftzugersatz, der fertiggestellt auf seinen Ausseneinsatz wartet, ist nun zum Anlass der aktuellen Ausstellung im Kunst Raum Riehen geworden. Die beiden Kuratorinnen Isabel Halene und Sue Irion  zeigen eine sehr disparate Schau zwischen Hommagen an «altgediente» Sprayer und jungen Positionen. Laut Ausstellungstext «präsentiert und dokumentiert [die Ausstellung] Werke sowie Routen zu ausgewählten Arbeiten im Basler Umfeld». Die heterogene Ausstellung wirft Schlaglichter auf vergangene und aktuelle Aneignungen des öffentlichen Raumes und wagt einen historischen Spagat zwischen subversiver Intervention und museumstauglicher Auftragsarbeit.

Poetisch-subversive Strichfiguren der 70er Jahre in Zürich

Als ab 1977 in Zürich filigrane und witzige Sprayfiguren an monotonen Betonwänden auftauchten, waren viele fasziniert ob diesem subversiven Verschönerungs-Akt. Für die Behörden stand indes fest, dass es sich dabei um Sachbeschädigungen handle. Doch der «Sprayer von Zürich» ging jahrelang um, ohne identifiziert zu werden. Wegen einer vergessenen Brille kehrte er an einen seiner «Tatorte» zurück und wurde prompt festgenommen. Eine Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe liess ihn zum Schweizer Flüchtling in Deutschland werden. Willy Brandt und Joseph Beuys setzten sich für ihn ein, einem internationalen Haftbefehl mochte er sich nicht mehr entziehen und so sass er 1984 seine Haftstrafe in der Schweiz ab.

Immer noch ist der mittlerweile 74- jährige «Sprayer von Zürich» aka Harald Naegeli zeichnerisch tätig, offiziell auf Papier und in Auftragsarbeiten auch mit der Spraydose. Auf die Frage, ob er auch noch anonym spraye, meinte Naegeli 2010 sibyllinisch: «Man muss den Leuten nicht auch noch das Sehen abnehmen.» In Riehen sind neben grossen Schwarzweiss-Fotografien des «Totentanzes der Fische», den er 1987 entlang des Rheins zwischen Koblenz und Düsseldorf mit Sprayfarbe angebracht hatte, auch kleinformatige Zeichnungen aus dem Jahr 1986 zu sehen.

Aktuelle Street Art-Positionen

Aus der EDWIN collection der Colab Gallery (ehemals Carhartt Gallery) in Weil am Rhein, die seit 2006 alle zwei Jahre eine Gruppenausstellung mit internationalen Repräsentanten urbaner Kunst zeigt, sind einige Street Art-Werke zu sehen: Ein Dokumentarfilm von Daniel Bossart (geb. 1976, Basel), Leinwand-Bilder des 2010 gestorbenen Baslers DARE aka Sigi von Koeding sowie Spraybilder vom Amerikaner EL MAC oder vom Polen m-city.

Zu dieser Ausstellung hat auch endlich der Kunst Raum Riehen das begehrte Qualitätssiegel der Banane von Thomas Baumgärtel erhalten.

Verlassene Häuser, Verstecke, Güterwaggons: das sind für Daniel Künzler (geb. 1985 in Hamburg) die Innentaschen einer Stadt und in diesen richtet er sich mit seinen eigenen Ideen ein, um sich von kulturellen Stereotypen zu befreien. In letzter Konsequenz lebt er dann auch während Monaten auf der Strasse. Sein Kurzfilm aus dem Jahr 2011 gibt einen Einblick in sein nicht-legales Tun. Er ist der einzige Kunstschaffende der Ausstellung, welcher in unbesetzte Schichten des öffentlichen Raumes eindringt und den Begriff Sub-Kultur wortwörtlich umsetzt.

Die einzige Künstlerin der Ausstellung – Anne-Lise Coste (geb. 1973 in Marseille, lebt in New York) – schreibt und zeichnet mit der Spraydose. Für die Ausstellung hat sie das Airbrush auf Leinwand als Vorlage fürs Plakat und die Baumwolltaschen zur Verfügung gestellt.

Zu dieser Ausstellung hat auch endlich der Kunst Raum Riehen das begehrte Qualitätssiegel der Banane von Thomas Baumgärtel (geb. 1960 im Rheinland, lebt in Köln) erhalten und reiht sich damit in den Reigen von über 4000 Galerien und Museen auf der ganzen Welt ein, die stolz auf diese «Banalität» an ihrer Fassade sind. 1986 hatte Baumgärtel die ersten Bananen an Kunsthäuser gesprayt und knüpfte dabei ikonografisch an die Andy Warhol-Banane des Plattencovers von «The Velvet Underground» an. Diese ersten Bananen trugen auch ihm Anklagen wegen Sachbeschädigung ein und wurden von den betroffenen Häusern schnell wieder entfernt. Handkehrum kann es heute vorkommen, dass Baumgärtel einem Kunsthaus das Gütesiegel wieder aberkennt: mit einem roten Farbkreuz verarbeitet er es dann zu Bananenbrei.

Konversation

  1. Meine Kindheit habe ich in Zürich verbracht und hatte das Glück einige Werke vom Sprayer von Zürich, Harald Nägeli zu bewundern.
    Seine einfachen, filigranen Figuren hatten mich sehr amüsiert und irgend wie auch berührt.
    Die Hausbesitzer hatten dies damals als Sachbeschädigung und Wertverminderung ihrer Liegenschschaft angesehen, heute beissen die sich wohl .an der tatsächlichen Wertverminderung in den Allerwertesten

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  2. Was mich brennend Interessieren würde. Was ist wenn jemand diese Werke besprayen würde? Wäre das die quasi Rückführung in den quasi öffentlichen Raum?

    Irgendwie findet hier ein extremer Alterungsprozess der Kunst statt. Heute Morgen noch freie künstlerisches Schaffen im öffentlichen Raum, am Nachmittag altehrwürdige Kunst, im Schutze des Museums.

    Mutieren hier etwa freie Künstler zu banalen Füdelibürger? Oder waren waren diese vielleicht immer schon mehr Egoisten als Idealisten?

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