Von Laokoon leiden lernen: Der Tod eines Kunsttheoretikers

Johann Joachim Winckelmann, der «Erfinder der idealen Antike», fand ein Ende mit Schrecken, das auch einem antiken Helden gut gestanden hätte.

«Wir wünschten, wie dieser grosse Mann das Elend ertragen zu können.» Laokoon und seine Söhne sterben in der plastischen Darstellung in Schönheit.

Die Götter können manchmal ausgesprochen parteiisch sein. Der trojanische Priester Laokoon musste das am eigenen Leibe erfahren. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er die Trojaner vor dem hölzernen Pferd warnte, welches das griechische Heer bei seinem fingierten Abzug am Strand zurückgelassen hatte, und seine Mitbürger daran hindern wollte, es in die Stadt hineinzuholen.

Dies ging Pallas Athene ganz entschieden gegen den Strich. Denn die Göttin wollte den Untergang Trojas, und dazu musste das Pferd mit den griechischen Kriegern im Bauch erst mal durchs Stadttor. Also hetzte sie Laokoon und seinen zwei Söhnen Schlangen auf den Hals, die sie umgehend erwürgten.

Das dramatische Potenzial dieser Episode blieb weder Dichtern noch Bildhauern verborgen. Im Epos «Aeneis» des Römers Vergil (70–19 v. Chr.) werden die Reptilien zu wahren Monstern: Eine Mischung aus Schlange und Drache, haben sie blutrote Mähnen und «rollen unendliche Rücken in Wölbung». Und wie sie aus dem Wasser an den Strand gleiten, «zischen sie beid‘ und umlecken mit regerer Zunge die Mäuler». Dabei sind ihre «entflammten Augen mit Blut durchströmet und Feuer».

Zuerst sterben die beiden Söhne, dann Laokoon. Ein Ende mit Schrecken: «Zweimal mitten umher, zweimal um den Hals die beschuppten / Rücken geschmiegt, stehn hoch sie mit Haupt und Nacken gerichtet. Jener ringt mit den Händen, hinweg die Umknotung drängend / (…) und grauenvolles Geschrei hochauf zu den Sternen erhebt er.»

Grosse griechische Seele

Den Todeskampf Laokoons und seiner Söhne zeigt – wenn auch mit etwas anderer Akzentuierung – eine antike Marmorplastik, die im Jahr 1506 bei Ausgrabungen in Rom gefunden wurde. Dabei handelt es sich um die Kopie einer verlorenen Bronzegruppe, die ums Jahr 200 v. Chr. in Pergamon geschaffen wurde.

Die Plastik fand grosse Beachtung und ging unter der Bezeichnung Laokoon-Gruppe in die Kunstgeschichte ein. In Betrachtungen über die griechische Kunst wurde gerne auf sie Bezug genommen. Für den seinerzeit in hohem Ansehen stehenden Archäologen und Kunsttheoretiker Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) war die Laokoon-Gruppe ein Beleg für seine These, dass «der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine grosse und gesetzte Seele» zeigt.

Diese Seele «schildert sich in dem Gesicht des Laokoon». Der Schmerz, «welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdeckt», äussere sich dennoch mit keiner Wut im Gesicht und in der ganzen Stellung. Anders als bei Vergil erhebe Laokoon «kein schreckliches Geschrei». Die Öffnung des Mundes gestatte das nicht. Laokoon leide, «sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie dieser grosse Mann das Elend ertragen zu können».

Vitrine im Historischen Museum

Dass wir gerade jetzt einen heute weitgehend vergessenen deutschen Kunsttheoretiker und Kunsthistoriker aus der Versenkung holen, ist keine Spätfolge des Sommerlochs. Es ist vielmehr dem Umstand geschuldet, dass das Historische Museum Basel anlässlich seines 250. Todestags mit einer Bibliotheksvitrine im Untergeschoss der Barfüsserkirche an den «Vordenker des europäischen Klassizismus» erinnert.

In der Vitrine ist neben einigen Schriften auch ein Porträt Winckelmanns ausgestellt. Es war einst im Besitz des Basler Kupferstechers und Verlegers Christian von Mechel (1737–1817). Von Mechel lernte den «Erfinder der idealen Antike» während eines Italienaufenthalts in Rom kennen und wirkte nach seiner Rückkehr in Basel, wie das Historische Museum schreibt, «als Triebfeder bei der Verbreitung des Klassizismus in seiner Vaterstadt».

Winckelmanns Tod war weniger spektakulär als jener des Laokoon, aber nicht minder tragisch. Während einer Reise vorübergehend in Triest gestrandet, logierte der päpstliche Antikenverwalter im selben Hotel wie sein Mörder Francesco Arcangeli, ein stellenloser Koch. Dieser beschloss, Winckelmann zu töten und auszurauben.

Am 8. Juni 1768 schritt er zur schrecklichen Tat. Zunächst versuchte er Winckelmann mit einem Strick zu erwürgen. Dann versetzte er ihm fünf Messerstiche, denen sein Opfer im Laufe des Tages erlag. Da Winckelmann eine bekannte Persönlichkeit war, erregte das Verbrechen in ganz Europa grosses Aufsehen. Arcangeli wurde zum Tode verurteilt und am 20. Juli 1768 durch Rädern hingerichtet.

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