Vorgetäuschte Inkontinenz – Frédéric Zwicker debütiert mit Demenz-Roman

Früher war er Gagschreiber für Giacobbo/Müller, in seinem Erstling verzichtet Frédéric Zwicker auf Schenkelklopfer. Mit «Hier können Sie im Kreis gehen» gelingt ihm der Drahtseilakt zwischen Humor und Taktgefühl. Der Debütant gastiert im September bei der Basler Initiative «Sofalesungen», die mittlerweile die Schweiz erobert.

(Bild: Anna-Tina Eberhard)

Früher war er Gagschreiber für Giacobbo/Müller, in seinem Erstling verzichtet Frédéric Zwicker auf Schenkelklopfer. Mit «Hier können Sie im Kreis gehen» gelingt ihm der Drahtseilakt zwischen Humor und Taktgefühl. Der Debütant gastiert im September bei der Basler Initiative «Sofalesungen», die mittlerweile die Schweiz erobert.

Langsam verabschiedet sich der Sommer aus den hiesigen Breitengraden. Doch nicht jeder bedauert das frühere Eindunkeln, denn wenn die Tage kürzer werden, dürfen die Leselampen länger brennen. Mit dem Herbst und dem anstehenden Klassentreffen der Literaturszene in Frankfurt (und Basel) erhält auch die Branche einen neuen Schub. Das Bücherkarussell, es dreht wieder!

Einer, der die Fliehkraft des Marktes für seinen Einstand nutzt, ist der gebürtige Lausanner Frédéric Zwicker. Der 33-Jährige hat im helvetischen Kulturteppich bereits einige Fäden eingewoben, jetzt debütiert er mit seinem ersten Roman «Hier können Sie im Kreis gehen» (Nagel & Kimche).

Vorgetäuschte Inkontinenz

Analogien beiseite, mit Zentrifugalkräften hat Zwickers Protagonist Herr Kehr nicht viel am Hut. Sein «im Kreis gehen» ist ein bedächtiges Schleichen, denn der Mann ist 91 Jahre alt. Und macht sich einen bitteren Spass daraus, mit diesem Alter sein letztes Spiel zu spielen. Auf eigenen Wunsch im Altersheim geparkt, spielt er dem Pflegepersonal und seinen «Mitinsassen» die Rolle des dementen Greises vor.

Um als scheindementer Patient hier in Ruhe gelassen zu werden, muss man sich im Pflegeheimkosmos auskennen. Man muss ihn studieren, mit dem Interesse eines Wissenschaftlers examiniert haben, ohne ein Detail zu übersehen, wenn jemand freiwillig als Hochstapler in ihn eintaucht und nicht jämmerlich darin untergehen will.

Zwicker hat diese Rolle studiert, und wie: Als Zivildienstler hatte er ausgiebig Gelegenheit, die Abläufe und Codes des «Pflegeheimkosmos» zu protokollieren. Leider ist es ihm bei der literarischen Verarbeitung nicht immer gelungen, dieses Protokollieren zu überwinden. Viele Passagen wirken wie Vollzugsmeldungen eines unmotivierten Alltags im Leerlauf – Altersheim halt. Das mag als Milieustudie interessant sein, manchmal ist es aber ein bisschen langweilig.

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Sofalesungen.ch expandierte 2015 und findet dank Kooperationen mit den Literaturhäusern in Lenzburg, Zürich und dem Literaturhaus Zentralschweiz auch andernorts erfolgreich statt. Aufgrund des grossen Interesses aus anderen deutschsprachigen Kantonen (TG, BE, SG, Thun, Winterthur) wird gerade eine vorzeitige Ausweitung des Projekts diskutiert. 2017 ist der Schritt in die französische Schweiz geplant.

Mariann Bühler, Programmassistentin am Literaturhaus Basel und Initiantin der Sofalesungen, kann sich über diesen Erfolg nur freuen. Auch weil sie durch die Unterstützung von Engagement Migros nicht die Unabhängigkeit in der Programmplanung verliert. «Wir sind weiterhin selbst für das Programm verantwortlich», sagt Bühler, zum Mentoratsprogramm «double», mit dem die Migros junge Schreibtalente fördert, bestehe keine vertragliche Verbindung.
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Die nächsten Termine der Reihe «Sofalesungen» in Basel (Adressen hinter dem Link einsehbar):
Sonntag, 04. September, 19 Uhr. Frédéric Zwicker: «Hier können Sie im Kreis gehen»
Sonntag, 16. Oktober, 19 Uhr. Laura Vogt: «So einfach war es also zu gehen»
Sonntag, 12. November, 17 Uhr. Michelle Steinbeck: «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch»

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