Vorhang auf für die Klebeband-Bühne

Was sollen die gelben Streifen auf dem Barfi?

Tanzkunst im Synchronschritt, Diethild Meier (l.) und Jasminka Stenz (r.).

(Bild: Dirk Wetzel)

Was sollen die gelben Streifen auf dem Barfi?

Zwei junge Frauen machen sich auf dem Barfüsserplatz daran, ein Stück der Treppe vor dem Historischen Museum mit gelbem Klebeband abzustecken. Kurz darauf stellen sie sich auf ihre selbst gemachte Bühne und beginnen erst zu posieren, dann langsam in synchronen, fliessenden Bewegungen in einen minimalistischen Tanz überzugehen.

Die Blicke der Umstehenden sind grösstenteils verwundert, einzig ein auf der Mitte des Barfüsserplatzes liegender Mann mit langem, grauem Haar scheint das Ganze schon zu kennen. Er beobachtet die beiden mal auf dem Bauch liegend, alle Viere von sich gestreckt, mal schwankend stehend und ahmt ihre Bewegungen nach.



Das Abstecken der Bühne macht Zuschauer zu unfreiwilligen Protagonisten.

Das Abstecken der Bühne macht Zuschauer zu unfreiwilligen Protagonisten. (Bild: Dirk Wetzel)

Die Baslerin Jasminka Stenz probt hier mit ihrer Tanzpartnerin Diethild Meier für ihr Stück «The Yellow Space». Es ist ein Improvisationsstück, das sich mit dem Experiment geschlossener Raum in der Öffentlichkeit auseinandersetzt. Was macht eine Alltagshandlung wie zum Beispiel das Posieren für ein Bild zur Performance? Die gekennzeichnete Bühne? Oder erst die Zuschauer, die sich um einen sammeln? 

Angefangen hat Jasminka Stenzs Weg zum Tanz in Basel, wo sie mit Tango begonnen hat. Während der Ausbildung in Freiburg an der TIP Bewegungs-art, entschied sie sich für den Gang auf die Bühne. Später kam die Faszination des Kontakt-Improvisationstanzes, «eine physischere Form des Tanzes», wie sie sagt, der vom Wechsel von Impulsabgaben und Berührungen der Tanzenden lebt.



Wo fliesst die Grenze zwischen Alltag und Inszenierung?

Wo fliesst die Grenze zwischen Alltag und Inszenierung? (Bild: Dirk Wetzel)

Heute arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und Choreografin sowie als Bewegungspädagogin mit autistischen Kindern, unter anderem in der Sonnenhalde Gempen. Hierbei zeigt sich auch, dass Tanz und Bewegung mehr sein kann als ein Gefäss für eine Kunstform. Vielmehr kann er auch als Sprache dienen.

Viele der Jugendlichen, die sie betreut, kennt sie seit 10 Jahren. «Über so einen Zeitraum lassen sich längerfristige Veränderungen beobachten, nicht bloss während der Therapiestunden.» Die Konzepte von Nähe und Distanz zum Beispiel liessen sich hervorragend vermitteln beim Tanz, besonders für Kinder mit Problemen Nähe zuzulassen.

In Erinnerung geblieben ist ihr der Fall eines Mädchens, das den Tick hat, andere bei Grenzüberschreitungen, besonders den persönlichen Raum betreffend, zu schlagen. «Während unserer gemeinsamen Proben zu einem Stück und der Aufführung jedoch war sie so konzentriert, dass sie mich nicht hauen musste. Das war für das ganze Heim ein nahezu unglaubliches Erlebnis.»



«The Yellow Space» ist gleichzeitig Bühne und geschützter Raum in der urbanen Öffentlichkeit.

«The Yellow Space» ist gleichzeitig Bühne und geschützter Raum in der urbanen Öffentlichkeit. (Bild: Dirk Wetzel)

Die Kulisse beim Barfüsserplatz mit Touristen, Schaulustigen und dem sich auf dem Boden rollenden Mann hätte nicht perfekter sein können. «Wir sind sehr von ihm inspiriert. Er schaut uns schon seit ein paar Tagen bei den Proben zu. Auch wenn er eine etwas tragische Figur ist, so strahlt er doch eine unglaubliche Präsenz aus», erzählt Jasminka Stenz.

Er sei quasi der verkörperte Gegenpol der Performance «The Yellow Space». «Die Zuschauer geben uns die Berechtigung für unser Handeln, die Leute denken: ‹Er machts, weil er verrückt ist, sie machens, weil sie Künstler sind.›»

_

Das «Tanzfest» ist vom 5. bis zum 7. Mai an diversen Orten in der Stadt: weitere Infos dazu hier.

Konversation

Nächster Artikel