Warten auf den grossen Knall

Stephen King begibt sich in seinem neuen Roman auf Zeitreise. Die Vergangenheit wird darin zu einer Hauptakteurin.

Was, wenn das Attentat auf John F. Kennedy nie geschehen wäre? Keiner weiss es, aber Stephen King überlegt sich ein Szenario. (Bild: AP/Keystone)

Stephen King begibt sich in seinem neuen Roman auf Zeitreise. Die Vergangenheit wird darin zu einer Hauptakteurin – und sie kann zubeissen.

Stephen King ist ein grossartiger Geschichtenerzähler. Der Umfang eines Buches war dabei nie ein Kriterium – eine der besten King-Erzählungen, «Shaw­shank Redemption», ist keine hundert Seiten lang. Sein neuester Roman «11.22.63» bringt es auf 740 Seiten. 300 davon hätte King sich jedoch sparen, die Handlung verdichten und stringenter zusammenführen können. Denn beginnt er auch fulminant – nach 25 Seiten befindet sich der Leser mittendrin in der Geschichte –, so geht es danach zunehmend zäher weiter.

Ist es der Plot selbst, der diese Verlangsamung verlangt? Immerhin verbringt auch der Hauptprotagonist Jake Epping seine Zeit hauptsächlich mit Warten. Mit dem Warten auf die Zukunft, mit dem Warten auf Besserung, mit dem Warten auf den Knall. Epping ist Englischlehrer an einer High School in einem Kaff namens Lisbon Falls, Maine, und seine grösste Sorge ist, dass er seine Exfrau nicht vom Trinken abhalten konnte. Da kommt es gerade recht, dass ihm Al, der Inhaber seines Lieblingsrestaurants, eine Tür zur Vergangenheit öffnet: Im hintersten Winkel des Restaurants führt eine unsichtbare Treppe hinab ins Jahr 1958; ein Kaninchenloch, wie bei Alice, das jedoch nicht ins Wunderland führt, sondern in eine Zeit, wo das Root Beer noch besser schmeckte und die Rassentrennung nur ungenügend durch den schönen Schein der Bürgerlichkeit verdeckt wurde.

Epping soll nun ausführen, was Al aus Krankheits- und Altersgründen nicht mehr kann: Verhindern, dass Präsident John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas erschossen wird. ­Damit, ist der Restaurantbesitzer überzeugt, liesse sich die Welt verändern: «Rette Kennedy, rette seinen Bruder. Rette Martin Luther King. Verhindere die Rassenunruhen. Verhindere Vietnam, vielleicht. Werde ein einziges verwahrlostes Kind los und du könntest Millionen Leben retten.» Das verwahrloste Kind: Lee Harvey Oswald, der bis heute als Mörder Kennedys gilt.

Oswalds Schuld konnte nie bewiesen werden, weil er noch vor Anklageerhebung in Polizeigewahrsam erschossen wurde – die perfekte Basis für Verschwörungstheorien aller Art. Schau, was an diesen dran ist, gibt Al Jake Epping im Jahr 2011 mit auf den Weg. Fünf Jahre und 500 Buchseiten bleiben Epping bis zum entscheidenden Schuss. Epping mietet sich neben Oswald und seiner russischen Frau ein und beobachtet deren erbärmliches Dasein. Daneben versucht er ein eigenes Leben zu führen, er unterrichtet, er verliebt sich.

Schmetterlingseffekt

Kings Roman funktioniert wie ein Von-Punkt-zu-Punkt-Bild. Jede Handlung hat einen Einfluss auf den nächsten Zug. Jede kleine Veränderung in der Vergangenheit kann die Zukunft verändern. Stichwort Schmetterlingseffekt. Epping ist sich dieses Dilemmas bewusst. Schlägt Oswald seine Frau mitten auf der Strasse windelweich, muss er untätig zusehen, um die ihm bekannte Vergangenheit nicht zu früh zu verändern. Denn landet Oswald wegen Misshandlung im Gefängnis, wird er wohl nie als Kennedys Mörder agieren. Die Geschichte würde damit für Epping unkontrollierbar.

Mit dem Aufzeigen dieser Verstrickung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählt uns King nichts Neues. Jedes Kind weiss spätestens seit der 1980er-Filmkomödie «Back to the Future», dass aufpassen muss, wer in der Vergangenheit unbedacht rumpfuscht. In einem Anekdötchen nimmt der Autor hierauf Bezug: «Was, wenn ich meinen Grossvater töte?», fragt Epping an einer Stelle. «Warum um Himmels Willen solltest du das tun?», fragt Al zurück. Weiter geht er auf das sogenannte Grossvater-Paradoxon jedoch nicht ein, das so oft benutzt wird, um Probleme mit der Kausalität bei Zeitreisen zu illustrieren.

Aber King offeriert seinem Hauptakteur ein Hintertürchen in Form eines Reset-Buttons. Kehrt der Zeitreisende in die Zukunft zurück und diese gefällt ihm nicht, so braucht er bloss erneut den Schritt nach 1958 zu machen, und alles ist wieder beim Alten. Epping startet somit in jedem Fall von derselben Geschichte aus: Von jener, die wir aus den Geschichtsbüchern kennen. Das macht die Sache für ihn einfacher, weil er weiss, dass er im Falle eines Scheiterns einfach noch mal von vorne beginnen kann. Gleichzeitig macht das jede Veränderung harmlos, weil sie sofort umkehrbar ist. Fazit: Nichts ist wirklich von Bedeutung.

Mit der Vorstellung, der Lauf der ­Geschichte sei vorgegeben, sei es aus dem Glauben an eine höhere Ordnung, an das Schicksal oder an eine göttliche Vorsehung heraus, hat sich King ein Ei gelegt. Denn diese Bedingung nimmt Spannung aus der Lektüre, und sie nährt den Verdacht, dass der Autor es sich so einfach wie möglich gemacht hat.

Zeitpolizisten

Nur ansatzweise lässt King Gedanken an kompliziertere Konstrukte anklingen. So fragt sich Epping im Laufe seiner Mission mehrmals, ob denn die Veränderung der Vergangenheit überhaupt Sinn mache, weil eine hundertprozentige Sicherheit auf eine Verbesserung der Situation nicht existiert. Konkret formuliert er die Frage: Verhindere ich, dass Oswald Kennedy erschiesst, wer garantiert mir, dass die Zukunft besser wird? Wer garantiert mir, dass der Schuss nicht zwei Monate später einem anderen Attentäter gelingt und die Geschichte wieder in jene Spur zurückfällt, die ihr vorgesehen ist? Der Zeitreisende müsste zum Zeitpolizisten werden und fortlaufend Veränderungen erzwingen.

Doch dies will King ihm nicht zumuten. Denn die Vergangenheit will nicht verändert werden, das ist seine Theorie und das Spannendste an diesem Buch. Die Vergangenheit ist starrsinnig und hartnäckig, sie legt demjenigen, der gekommen ist, sie in neue Bahnen zu lenken, Steine in den Weg in Form von Unfällen oder Krankheiten. «Wenn du versuchst, die Vergangenheit zu verändern, beisst sie», sagt Epping an einer Stelle. «Sie würde dir die Kehle rausreissen, wenn sie könnte.»

King erhebt die Vergangenheit damit zu einem der Hauptakteure. Denn sie weiss etwas: Sie weiss, dass es unterschiedliche Zukünfte geben kann. Doch je mehr Stränge möglich sind, je mehr Optionen aktiviert werden, desto unsicherer wird das historische Gefüge. Die Welt gerät im wörtlichen Sinne aus den Fugen. Auch Epping muss das erfahren – mehr sei hier nicht verraten.

Alternativ-Weltgeschichten

Schon viele Romane haben sich mit ­Alternativ-Weltgeschichten befasst. Besonders die Weltkriege haben die Autoren zu ihrer Erfindung angeregt. Zu den bekanntesten zählen Philip Roths «Verschwörung gegen Amerika», in dem der Pilot Charles Lindbergh im Jahr 1941 Präsident der USA wird, Eric-Emmanuel Schmitts «Adolf H. – Zwei Leben», in welchem Hitler als Künstler Karriere macht, oder Christian Krachts «Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten», das die fiktive Geschichte der «Schweizer Sowjet Republik» erzählt. Trotz Ähnlichkeiten mit der Idee dieser Bücher funktioniert Kings «11.22.63» anders: Hier ist es nur ein kleiner Teil des Romans, der sich der Neuordnung widmet. Der grösste Teil ist jener, der auf die Veränderung hinführt. Damit hebt Kings Roman sich zwar von den anderen Zeitreiseromanen ab, er verspielt mit dem Verzicht auf eine ausführliche Schilderung der Utopie jedoch auch eine fantastische Chance.

Stephen King: «11.22.63», Hodder & Stoughton 2011. Die deutsche Fassung ­erscheint unter dem Titel «Der Anschlag» Mitte Januar 2012 im Heyne Verlag.

Bücher von Stephen King wurden immer wieder verfilmt. Wir stellen fünf der besten Verfilmungen vor – unter www.tageswoche.ch/@agytu.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 09/12/11

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