Wegmarkierungen in luftiger Höhe

Hannes Vogels «Wegzeichen» verweist am Hochkamin des Fernheizkraftwerks auf hochalpine Wanderwege. Bei seiner Entstehung 1981 löste das vom Kunstkredit bewilligte Werk nicht nur Begeisterung aus.

(Bild: hansjoergwalter.com)

Hannes Vogels «Wegzeichen» verweist am Hochkamin des Fernheizkraftwerks auf hochalpine Wanderwege. Bei seiner Entstehung 1981 löste das vom Kunstkredit bewilligte Werk nicht nur Begeisterung aus.

Hannes Vogels «Wegzeichen» sind weitherum sichtbar. Bestimmt hat jeder Basler, jede Baslerin sie schon gesehen. Den meisten jedoch ist wohl nicht bewusst, dass sie sich dabei ein Kunstwerk ansehen. Denn bei Vogels Arbeit handelt es sich um die Markierungen am Hochkamin des Fernheizkraftwerkes der Industriellen Werke Basel (IWB).

Der IWB-Kamin hat an und für sich wenig Schönes oder Kunstvolles an sich. Aus schnödem Beton ist er, mitten in die Stadt gepflanzt, zwischen Voltaplatz und Rheinufer. Angemalt werden musste er, denn jedes Bauwerk über 60 Meter Höhe oder in bestimmter Nähe zu einem Flughafen muss markiert sein. So will es das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). Auf welche Weise das zu geschehen hat, ist allerdings nicht exakt vorgegeben. Nur rot und weiss muss die Markierung sein, und zwar nicht irgendein Rot und nicht irgendein Weiss, sondern die Farben RAL 3020 und RAL 9016 sind dafür zu verwenden – da bietet sich wenig künstlerische Freiheit.

Dem 100 Meter hohen Hochkamin der IWB geht es aber noch besser als einem Antennenmast. Letzterer nämlich muss zwingend abwechselnd rot und weiss bemalt werden, «wobei das oberste und das unterste Band rot sein müssen», heisst es beim Bazl. Und weiter: «Die Breite und die Anzahl der Bänder sind proportional zur Höhe des Hindernisses zu halten.» Für Kamine gibt es keine spezifischen Vorschriften zur Einheitlichkeit, und so kommt es, dass Hannes Vogel nicht nur den Kamin des Fernheizkraftwerks verschönern durfte, sondern auch gleich die beiden anderen Kamine der IWB – jene der Kehrichtverbrennungsanlage – mit einem karierten Muster und einem «Basel»-Schriftzug versehen.

Diagonale Streifen

Die «Wegzeichen» an der Voltastrasse aber kamen zuerst. 1981 wurde der Kamin auf Geheiss des Künstlers von mehreren Malern bemalt. Sie zogen die breiten, diagonal verlaufenden Streifen über den Kamin. Als hätte ein riesenhafter Pinsel sie gemalt, setzen diese Streifen an und wieder ab, und verlaufen dabei immer in dieselbe Richtung.

Zwei Jahre zuvor hatte Hannes Vogel sein Projekt beim Basler Kunstkredit auf deren Ausschreibung hin eingereicht. Ein Kamin – ein ungewöhnlicher Ort für Kunst, doch faszinierend für den Bündner Künstler, der lange Zeit in Basel gelebt hat. Ein bisschen wollte er damit seine Heimat nach Basel holen. Denn nicht nur nennt man steile Felsspalten im Hochgebirge «Kamin», der Künstler wählte für seine Zeichen auch die Form der Wegmarkierungen, wie sie im alpinen Raum für Wanderwege üblich sind. Seine Intention beschrieb Vogel in den folgenden Worten: «Mit den Wegmarkierungen möchte ich über unsere urbane Umgebung hinaus in den Erholungsraum ‹Alpen› weisen… Dies ergab ein weites Assoziationsfeld. Etwa die Assoziation ‹Alpenluft› bei starker Rauchentwicklung oder ‹Weg-gehen› im stehenden Feierabendverkehr auf der Dreirosenbrücke…»

Streitpunkt Kunst im öffentlichen Raum

Nicht auf alle wirkte seine Idee jedoch erholend: Während die «Basler Zeitung» von einem «mutigen Wegzeichen auch des Kunstkredits» sprach (BaZ, 16.6.1981), empörte sich bald darauf in einem Brief der Leser (oder die Leserin) M. Hochstrasser über diese «Bieridee»: «Die nächste Tat dieser Jury (des Kunstkredits, Anm. d. Red.) wird sein, dass sämtliche Strassenmarkierungen wie Fussgängerstreifen, Sicherheitslinien etc. als zeitgemässe Kunstwerke bezeichnet werden. (…) Dieses ‹Kaminkunstwerk› fordert jedermann geradezu heraus, jegliche Bieridee der Kunstkreditkommission einzureichen – nach dem Motto: je blöder, desto Kunst.» (BaZ, 14.7.1981).

Nun, bislang hat sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet. Doch sie zeigt, dass die Frage, was Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau will und soll, schon länger kontrovers diskutiert wird. Immer wieder war und ist sie in der Öffentlichkeit ein Thema, sei es im Zusammenhang mit Richard Serras Stahlplastik «Intersection» auf dem Theaterplatz oder Michael Grosserts bunter Skulptur «Lieu Dit» neben dem Heuwaageviadukt. Und immer wieder beschäftigt man sich gezwungenermassen auch beim Kunstkredit damit. Und wenn es auch schwierig beziehungsweise nahezu unmöglich ist, verbindliche Regeln festzulegen, die alle zufriedenstellen, so halten dessen neue Leitlinien zumindest fest: «Die Kunstkreditkommission strebt (…) nach einer hohen Sichtbarkeit der Kunst im öffentlichen Raum.» Diese zumindest kann man Hannes Vogels Werk kaum absprechen.

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