Wie bringt man sechs künstlerische Positionen in eine Ausstellung? So.

Sechs Werkbeiträge sprach der Kunstkredit Basel-Stadt dieses Jahr. Die Positionen werden nun in der Kunsthalle Basel gezeigt. Ein Rundgang.

Ausgangspunkt für die kuratorische Idee: Niklaus Stoecklins «Türkenbund» (1931).

(Bild: Karen N. Gerig)

120’000 Franken sprach der Kunstkredit Basel-Stadt 2015. Erhalten haben die Unterstützung Daniel Karrer, Ariane Koch und Sarina Scheidegger, Max Leiss, Céline Manz, Maja Rieder und Maria Magdalena Z’Graggen. Ihre Werke werden nun in der Kunsthalle Basel gezeigt. Ein Rundgang.

Dass schon wieder ein Jahr rum ist, kann man daran merken, dass bereits wieder die Zeit da ist, da die vom Kunstkredit Basel prämierten Werke in der Kunsthalle Basel öffentlich gezeigt werden. Wie das geschehen soll, dürfen laut Konzept jedes Jahr neue Kuratoren bestimmen. 2016 ist es ein Kuratorenkollektiv – die Gruppe von deuxpièce, bestehend aus Claire Hoffmann, Alice Wilke und Stefanie Bringezu.

Doch wie bringt man sechs künstlerische Positionen zusammen, die nichts gemeinsam haben, ausser dass sie mit einem Werkbeitrag ausgezeichnet wurden? «Wirklich keine einfache Aufgabe», sagt Alice Wilke. Die Antwort auf die Frage fanden sie in der Kunstkredit-Sammlung. «Wir haben uns dafür interessiert, wie der Kunstkredit eigentlich sammelt, und uns die Sammlung angesehen», erzählt Claire Hoffmann. Dort stiessen sie auf ein Werk, das sie nun quasi als Ausgangspunkt für ihre Ausstellung genommen haben: Niklaus Stoecklins «Türkenbund». «Uns faszinierte, wie Stoecklin in diesem Stillleben verschiedene Objekte vereint, die nichts miteinander zu tun haben – er schafft darin also genau das, was hier für uns die Aufgabe war.»

Bei Stoecklin ist es ein Rahmen, der die Objekte zusammenhält. Diesen Rahmen haben die deuxpièce-Frauen derart interpretiert, dass sie den einzelnen Positionen jeweils ein Werk aus der Kunstkredit-Sammlung zur Seite gestellt haben. Es entsteht so ein Dialog zwischen alt und neu innerhalb eines Kontexts, der alles umfasst: Der Kunstkredit.

Für sechs Künstler wurden 2015 Werkbeiträge in der Höhe von jeweils 20’000 Franken gesprochen – eine staatliche Anerkennung für ihr Schaffen. Sie dürfen nun ihre Arbeiten hier präsentieren, und wir werfen einen Blick darauf, brav der Raumabfolge der Kunsthalle folgend.

1. Maja Rieder




(Bild: Karen N. Gerig / ©Pro Litteris)

Maja Rieder (*1979) spielt in ihren Werken mit dem Raum. Nicht zwingend mit dem sie umgebenden, sondern innerhalb der Arbeiten an sich. Zwei Werkgruppen zeigt sie in der Kunsthalle, grossformatige Wandarbeiten die eine, am Boden liegende Holzdrucke die andere. Beide weisen trotz ihrer Unterschiede Gemeinsamkeiten auf: Eine x-förmige Struktur aus sich überlagernden Schichten, die eine räumliche Tiefe evozieren: Sie fungiert als diagonales Gliederungselement.

Das Papier für die Wandarbeiten wurde auf ein Chassis aufgespannt, bemalt, dann wieder abgenommen und zum Schluss als Fläche an die Wand gehängt. Dreidimensionales wird flach, die Spuren aber sind immer noch sichtbar, und das, was einst der Rahmen war, spaltet nun das Bild in der Mitte in zwei Hälften.

Die Holzdrucke wiederum legt Rieder am Boden auf hölzerne Sockel und führt sie so in die Dreidimensionalität. Dass die Struktur dann noch so perfekt zum Kunsthalle-Parkettboden passt, ist allerdings Zufall.

2. Daniel Karrer




(Bild: Karen N. Gerig / ©Pro Litteris)

Digitales ins Analoge überführen und zurück, das interessiert Daniel Karrer (*1983). Immer aber bleibt dabei der Prozess nachvollziehbar. Im Falle der Hecken, die er in der Kunsthalle zeigt (Bild), ist es das feine Bleistift-Raster – ein traditionelles Mittel zum Übertragen eines Motivs vom einen auf den anderen Bildträger. Und eine Grundlage von Photoshop.

Im Falle von Karrers Hecken handelt es sich allerdings um die traditionelle Variante: Der Künstler hat das Raster aus einem unfertigen Gemälde des Basler Malers Severin Borer (1924–2010) übernommen. Ein anderes Bild Borers hängt daneben – auf Karrer’sche Weise verfremdet: Die Landschaftsmalerei wird durch gezieltes Übermalen zum Motiv einer Tischdecke umfunktioniert. Das sieht dann so aus:




3. Max Leiss




(Bild: Karen N. Gerig / ©Pro Litteris)

Huch, was ist denn das? Sieht aus wie ein riesenhaftes Spinnenbein, das gleich losspringen könnte. Ist es aber nicht – es ist die von Max Leiss (*1982) auf Raumhöhe vergrösserte Spannvorrichtung eines Regenschirmes. Ein bisschen verbogen, als hätte jemand dran rumgefummelt.

Leiss isoliert in seinem Schaffen gerne, was normalerweise nicht wahrnehmbar ist, und stellt dieses in den Raum und damit zur Diskussion. Er nutzt dabei geschickt bildhauerische Herangehensweisen wie das Skalieren oder Vergrössern. Und manchmal werden bei ihm Dinge, die einst nur als Hilfsmittel gedacht waren, auch zur Kunst: Zum Beispiel die «Helferlein», trichterförmige Objekte, die er brauchte, um für seine Ausstellung im Kunsthaus Baselland Anfang Jahr eine Linie aus rötlichem Schamott zu giessen. Sie stehen nun in der Kunsthalle am Boden und sind selbst ein Werk.

4. Ariane Koch & Sarina Scheidegger




(Bild: Karen N. Gerig / ©Pro Litteris)

Ariane Koch (*1988) und Sarina Scheideggers (*1985) Performances wehren sich konstant gegen jede abbildhafte Form des Festhaltens. Deshalb zeigt das Foto hier auch einen (fast) leeren Raum mit einem Werk von Gustav Stettler aus der Sammlung des Kunstkredits. Es trägt den Titel «Zeugen», und Zeugen werden die Personen im Bild sein: von der Performance, die Koch & Scheidegger für die Ausstellungsbesucher ersonnen haben. Der Raum wird zunächst leer sein, dann von einer Performerin bespielt, zu der an jedem Tag der Schau eine weitere Person stösst. Am Schluss werden es 13 Leute sein, die sich im Raum bewegen und sprechen, immer während der letzten drei Stunden der Öffnungszeiten.

5. Maria Magdalena Z’Graggen




(Bild: Karen N. Gerig / ©Pro Litteris)

Maria Magdalena Z’Graggen (*1958) hat sich ihren Raum in der Kunsthalle selbst ausgesucht. Er war ihr wichtig, weil sie den Raum als Skulptur wahrnimmt, den sie mit ihren Bildern füllt. Bilder, die jeweils in einer einzigen Sitzung entstehen – entstehen müssen, weil sie nass gearbeitet werden. Sie bestehen aus Farbschichten, die auf- und wieder abgetragen werden. Senkrechte oder gebogene Farbbahnen ziehen sich über fast monochrome Bildgründe, die immer am Anfang der Arbeit stehen.

Z’Graggen schafft jeweils ganze Werkgruppen, denen ein Grundklang gemeinsam ist, so auch in diesen neuen Werken in der Kunsthalle. Gehängt werden sie in einer bestimmten Reihenfolge, wie ein Film, der einem zeitlichen Ablauf folgt – bei Z’Graggen ist es eine farbliche Entwicklung. Heraus kommt ein harmonischer Gesamteindruck, der nur minim gebrochen wird durch den Eindringling aus der Kunstkreditsammlung: eine Malerei von Meret Oppenheim.

6. Céline Manz




(Bild: Karen N. Gerig / ©Pro Litteris)

1832 Zeichnungen hat Céline Manz (*1981) an die Wände des letzten Raumes in der Kunsthalle genagelt. Neun Monate hat sie dafür gearbeitet, Tag und Nacht, beim Babysitten, im Flugzeug, überall, weil sie die Zahl 1832 unbedingt erreichen wollte. Die Zahl kommt denn auch nicht von ungefähr, sondern sie gehört zum Konzept.

Manz beschäftigt sich seit Jahren mit Urheberrechtsfragen – die Arbeit «Rythme sans fin, N°1–1832» ist daraus entstanden. Ausgangspunkt ist ein Schablonendruck von Sonia Delaunay (1885–1979), deren letzte bekannte Arbeit die Nummer 1832 trägt. Delaunays Nachlassverwaltung legt das Copyright besonders streng aus, was Manz zu ihrer Arbeit anstachelte. Sie reproduzierte eine Reproduktion von Delaunays Bild aus einer Zeitschrift zunächst als grossformatige, verpixelte Fotografie und hat diese danach in unterschiedlichsten Variationen nachgezeichnet – solange bis die Serie 1832 Zeichnungen umfasste.

Dies kann als Versuch gesehen werden, die Frage nach der Auslegung des gängigen Urheberrechts ad absurdum zu führen. Theoretisch nämlich wären alle Arbeiten als rechtswidrige Kopien anzusehen – ein Gericht müsste aber jedes einzelne Werk beurteilen. Und dann deren Zerstörung verlangen.

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Kunstkredit Basel-Stadt, Ausstellung 2016, Kunsthalle Basel. 18. September bis 2. Oktober. Vernissage Sonntag, 18.9., 11 Uhr.

Konversation

  1. Schade das die Kunst heute so funktioniert das ein Aussenstehender, der Kurator, einen solchen Einfluss hat auf die Arbeiten der Künstler. Er bringt eine Idee, „Kuratiert“ die Ausstellung und die Künstler reagieren, beziehen Position dazu. Seit wann braucht Kunst einen Aufpasser? Liebe Ausstellungsräume und Galerien, sollte die Aufgaben der Kurators nicht das unterstützen statt lenken sein. Durch Vorgabe des Themas, wie üblich bei heutiger und die gängige Vorgehensweise wird diese Funktion des kuratierens falsch ausgelegt. Das behaupte ich und würde mich weigern als teilnehmender Künstler. Bei den jungen Herrschaften sieht man wie sie an diese Arbeitsweise gewohnt sind und dementsprechend gut auf das Thema reagieren. Das ist aber grundlegend falsch, das behaupte ich. Wie soll ein Künstler eine Eigenständigkeit erlangen wenn er sich vom Weg abbringen lässt. Ja man kann das auch so drehen das man die Aufhebung des Urheberrechts herbeisehnt. Zwei Dinge sind noch interessant zu sehen. Die etwas ältere Teilnehmerin mach und zeigt das was Sie erschafft. Zweitens es hängen (so wie ich es verstanden habe) noch Bilder von, sorry wenn ich es so sage „echten“ Künstlern in der Ausstellung. Dies würde ich als Warnung und Mahnung verstehen. Bewusst gewählt oder zufällig so gekommen. Mit dem Fragezeichen versehen, ob denn diese Künstler bereit gewesen wären sich so anzupassen, sich so dem Ideen heribeihaschen hingegeben hätten und ob sie mit dieser Vorgehensweise etwas erschaffen hätten das man noch Jahrzehnte später Zeigen kann. Das sollten sich die ausstellenden Künstler einmal Fragen.

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