Wie Led Zeppelin den «Stairway to Heaven» erklommen

Haben Led Zeppelin «Stairway to Heaven» geklaut? Das wird bald vor Gericht entschieden. Bis dahin verkürzen wir die Wartezeit mit Geschichten rund um diesen epischen Rockklassiker und die britische Kultband.

Rock-Götter: Robert Plant (Gesang) und Jimmy Page (Gitarre).

Haben Led Zeppelin «Stairway to Heaven» geklaut? Das wird bald vor Gericht entschieden. Bis dahin verkürzen wir die Wartezeit mit Geschichten rund um diesen epischen Rockklassiker und die britische Kultband.

Es ist eines der berühmtesten Lieder der Musikgeschichte – und das, obschon es seinerzeit gar nicht den Weg in die Song-Hitparaden fand. Denn nachdem die Rock-Götter Led Zeppelin 1970/1971 «Stairway to Heaven» aufgenommen hatten, wurde diese epische Nummer nicht als Single veröffentlicht.

Die Plattenfirma Atlantic hatte zwar Interesse gezeigt, doch Robert Plant, Jimmy Page, John Paul Johnes und John Bonham weigerten sich, das Lied auszukoppeln. Sie betrachteten sich als Album-Band und wollten sich klar vom Pop-Kram ihrer Zeit distanzieren. Was zur Folge hatte, dass das gesamte vierte Studioalbum von Led Zeppelin, römisch «IV» genannt, massenhaft gekauft wurde. Denn alle Späthippies wollten zu diesem Stück powerkuscheln. Ein durchschlagender Erfolg der Stadionrock-Pioniere. 

«Stairway to Heaven» ist einer der grössten Rockklassiker überhaupt, die britische Zeitung «Guardian» nannte das Stück 2014 den «Ur-Song des Classic Rock», weil es unglaubliche Popularität, riesige Mythen und Sinn für Albernheit vereint habe. Eine Nummer, die sich über die damals wahnwitzige Länge von acht Minuten episch steigerte, vom Folkintro bis zum bombastischen Gitarrensolo.  

Gitarre: Ein Fall für den Doppelhals

Ja, dieses Gitarrensolo: Jimmy Page hat sich damit Legendenstatus erspielt – und viele Nachahmer inspiriert: Kaum ein Gitarrenschüler, der sich nach erfolgreicher erster Rock-Stufe (der Deep-Purple-Riff zu «Smoke On The Water») nicht an dieser Herausforderung versucht hätte. Und kaum einer, der nicht schon an der Anschaffung einer Doppelhalsgitarre gescheitert wäre. Ein Referenzstück für Möchtegern-Gitarrenrockstars, wurde «Stairway to Heaven» so oft verhunzt, dass sich Komiker Mike Myers einen Spass daraus machte. In seinem charmanten Film «Wayne’s World» persiflierte er dessen Abgedroschenheit auf wunderbare Weise:

Rätsel geben nicht nur die Instrumentalisten auf, sondern auch der Sänger: Robert Plant besingt zunächst eine Dame, die alles haben will, und verliert sich zunehmend in Bildsprache und Assoziationen. Längst wisse er selber nicht mehr, worum es genau gegangen sei, hat Plant immer wieder gesagt. «Ich selber interpretiere die Zeilen von Tag zu Tag anders. Und dabei habe ich sie selbst geschrieben!» Durch diese mystische Offenheit erklärt er sich auch einen Teil des Erfolgs dieser Killerballade. 

Geh fort, Satan, lass uns in Ruhe mit deinen Rückwärtsbotschaften! 

Zum Mythos trugen aber auch die Kritiker bei: legendäre Rockjournalisten wie Lester Bangs, die den Song verrissen. Und TV-Prediger, die ihn vernichtet haben wollten. Warum? Weil hier heimlich Satan gehuldigt werde, in Form von Rückwärtsbotschaften. Tatsächlich kann man das Wort Satan heraushören, wenn man auf die kuriose Idee kommt, die Platte rückwärts abzuspielen:

«Here’s to my sweet Satan
The one whose little path would make me sad, whose power is Satan
He will give those with him 666
There was a little toolshed where he made us suffer, sad Satan.»

Dieser bizarre Zufall überraschte auch Sänger Robert Plant: «Wer zum Himmel wäre auf die Idee gekommen, so was aufzunehmen?» Plant hatte die Fantasie verstrahlter Fans und konservativer Christen zuvor mit der Aussage angeregt, dass es sich so anfühlte, als würde der Songtext durch jemand anderen geschrieben. Dieses Statement und die Tatsache, dass Gitarrist Page ein Haus in Schottland erworben hatte, in dem einst der bekannte Okkultist Aleister Crowley gelebt hatte, genügte vielen als Beweis, dass diese Band vom Teufel besessen war. 

Fun-Facts für den Freundeskreis

Auch wenn die ganze Welt dieses Lied kennt, hier einige Fakten, mit denen sie am nächsten Grillabend Nerd-Punkte sammeln können:

  • Als der Song am 5. März 1971 in der Ulster Hall Belfast (Nordirland) uraufgeführt wurde, reagierte das Publikum gemäss John Paul Jones gelangweilt.
  • Sänger Robert Plant war grosser Fan des Tolkien-Buchs «Herr der Ringe». Die Textzeile «In my thoughts I have seen rings of smoke through the trees» soll demnach von Gandalf inspiriert worden sein.
  • John Paul Jones entschied sich beim Intro gegen den Bass, weil dies zu folkig geklungen hätte – dafür spielte er Flöten und Keyboards. Das Schlagzeug von John Bonham setzt nicht einfach irgendwann später ein, sondern nach genau vier Minuten und 18 Sekunden in Takt 82.
  • Dolly Parton hat das Lied 2002 gecovert, einige Hardcore-Countryfans wollten sie dafür kreuzigen. Jimmy Page hat die Version hingegen gefallen. 
  • Allein in den ersten 20 Jahren (1971–1991) soll das Lied 2,8 Millionen Mal von Radiosendern gespielt worden sein. Das macht addiert 44 Jahre Radioairplay.
  • Sänger Robert Plant mag «Stairway to Heaven» nicht (mehr): «Ein Hochzeitslied». Er hat es seit dem Ende der Band (1980) fast nie mehr gesungen.   

Haben Led Zeppelin geklaut? Sicher! Ständig!

Aber eigentlich dreht sich das Tischgespräch dieser Tage ja um einen alten Vorwurf: Led Zeppelin hätten den Song geklaut. Die Behauptung kursiert seit 45 Jahren und erhält jetzt wieder Aufmerksamkeit, weil die Band in den USA vor Gericht gezerrt wird. Mitte Mai wird eine Jury entscheiden, ob man von einem Plagiat sprechen könne. Natürlich geht es um Geld, der kalifornische Musiker Randy Wolfe gründete 1967 die Rockgruppe Spirit – und schrieb das Stück «Taurus», das an die Eröffnungstakte von «Stairway to Heaven» erinnert. Muss kein Zufall sein, denn Led Zeppelin traten im Vorprogramm seiner Band auf. Wolfe starb 1997. 2014 heuerten seine Erben einen Anwalt an, der auf das Copyright pocht und für die Erben Geld rauspressen will. Dass sie eine Nachzahlung bekommen, ist durchaus denkbar, denn Ähnlichkeiten sind im direkten Vergleich herauszuhören:

 
 

Dass Led Zeppelin Ideen geklaut haben, das ist aber schon lange klar: Sie liessen sich vor allem von alten Bluesmusikern inspirieren. Und machen daraus auch keinen Hehl mehr. Bei ihrem letztmaligen Bühnen-Comeback 2007 im Wembley-Stadion gab sich Plant in bester Erzähllaune:

«1935 schrieb Robert Johnson einen Song namens ‹Terraplane Blues›», erklärte er, «seither hat ihn praktisch jeder gestohlen. Und der ‹Terraplane Blues› von Led Zeppelin heisst ‹Trampled Underfoot›.» Dieser funkige Song ist längst nicht die einzige Nummer, bei der die Briten sich inspirieren liessen, wie diese Auflistung hier klar macht.

Weiteres Beispiel gefällig? «When the Levee Breaks» wurde hörbar beeinflusst vom vergessenen Blueser Kansas Joe McCoy (1929).

 

Doch auch wenn sie schamlos abkupferten, so muss man zu ihrer Verteidigung sagen, dass das viele andere Bands ihrer Zeit ebenso gemacht hatten. Und gerade im Fall von «When the Levee Breaks» bleibt die ausgleichende Gerechtigkeit, dass Led Zeppelin selber oft kopiert wurden. Allein John Bonhams grossartiger Groove in «When the Levee Breaks» taucht auf Tracks der Beastie Boys, von Dr. Dre, Björk oder Massive Attack auf. 

 

Bonzo, der Drummer der Band, hat all die Variationen seines Grooves nicht mehr miterlebt: Er erklomm 1980 den «Stairway to Heaven».

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