Wochenendlich im Bergell

In den Bergen ist die Hitze besser erträglich: Das Bündner Bergell lockt zudem nicht nur mit seiner Landschaft, sondern auch mit seiner Ausstellung «Video Arte Palazzo Castelmur» in Coltura.

Lunghinsee

(Bild: Katharina Good)

In den Bergen ist die Hitze besser erträglich: Das Bündner Bergell lockt zudem nicht nur mit seiner Landschaft, sondern auch mit seiner Ausstellung «Video Arte Palazzo Castelmur» in Coltura.

Der schönste Weg ins Bündner Südtal führt über den Septimerpass, zumindest bei Sonnenschein. Der Wanderweg ist nicht ohne Grund nach Giovanni Segantini benannt: Wer die rund 900 Höhenmeter ab Bivio überwindet, wird mit einer überwältigenden Aussicht belohnt.

Weil es an unserem Reisetag regnet, nehmen wir den Zug. Auf der Albulalinie lassen wir alle werbenden Durchsagen hinter uns, alle 144 Brücken und 42 Tunnels des UNO-Weltkulturerbes, und die Oberengadiner Seen nehmen wir diesmal nur aus dem Postauto zur Kenntnis. Unser Ziel: die Ausstellung «Video Arte Palazzo Castelmur» in Coltura.

Zwischen knallbunten Tapeten und Trompe-l’Oeuil-Malereien sind 17 künstlerische Interventionen versammelt. Videokunst auf verschiedensten Trägern, aber auch einzelne malerische und installative Arbeiten sind hier zu sehen. Zum Beispiel ein Teppich aus über 1200 Fotografien, den Patrick Rohner in einem durch und durch mit Arvenholz getäferten Zimmer ausbreitete.

Leben im Geisterschloss

Überall sind Stimmen und Klänge zu hören, mit denen uns die Videos in die vielen Räume locken. Wie in einem Geisterschloss, denkt man sich – und der Eindruck hat was. Ab 1840 baute der Baron Giovanni Castelmur das Patrizierhaus der Familie Redolfi um. Die hohen Räume mit den Spitzbogenfenstern wurden aber kaum bewohnt.
Die Videokunst nimmt das Haus für sich ein. Das junge Künstlerduo Fröhlicher/Bietenhader füllte den roten Salon mit Bildschirmen. Darauf sind Ausschnitte aus dem Palazzo zu sehen, die von Cartoon-Figuren belebt werden. Da tanzt Disneys «Schöne» mit ihrem «Biest», um wenig später Mario Kart durch ein Teppichgemälde flitzen zu lassen.

Die Tonspur des rasenden Autos kommt aber von der Projektion im benachbarten Raum: Mit der Kamera an der Stossstange liess Sebastian Stadler eine Rennfahrt der 50er-Jahre neu inszenieren. Nachts braust das Auto vom Palazzo Castelmur hoch zum Malojapass. In weniger als acht Minuten haben die Scheinwerfer alle Haarnadelkurven umrundet.

Alles aus Zucker

Den dritten und obersten Stock teilen sich die Werke mit der Dauerausstellung des Palazzos. Diese ist den Bündner Zuckerbäckern gewidmet, die während Jahrhunderten in ganz Europa Glück und Erfolg suchten. Wer es fand, wusste dies in der Heimat mit imposanten Gebäuden zur Schau zu stellen.

Der Künstler Manfred Alois Mayr baute die Bäckerei der Castelmur in Marseille nach, ganz aus Zucker. Aus eigenen und gefundenen Videostills gebaut, dreht sich die Hochzeitstorte von Olga Titus in einem der unteren Turmzimmer. Durch ihre Bewegung und das flackernde Stroboskop-Licht scheinen die Figuren zu tanzen. Die Technik heisst «Zoetrop» und funktioniert ähnlich wie beim Film.

Wer da Lust auf ein Dessert bekommt, dem sei die «Torta della sorpresa» wenige Häuser weiter empfohlen. Bevor man die Ausstellung verlässt, lohnt es sich aber in alle Ecken zu gucken – und in den Stall des Palazzos. Da steht die Videoinstallation von Gerber/Bardill, auf der der Lastwagen der Baronin scheinbar von alleine fährt – wie von Geisterhand.

  • Ansehen I: Video Arte Palazzo Castelmur, bis 18. Oktober.
  • Ansehen II: Die Fotografien von Florio Puenter in der Villa Garbald, Castasegna. Am 4. Juli ist Vernissage.
  • Anbeissen: Kuchen vor der Ausstellung in «La Sosta».
  • Aufatmen: Im malerischen Dorf Soglio bei einer der schönsten Aussichten über das Bergell.
    Bei Sonnenschein am besten über den «Panoramaweg» zu erreichen.
  • Ausschlafen: Im Sporthotel Maloja lohnt es sich auch zu übernachten, wenn man Sport nicht mag.
    Und wenn man mit einer Etagendusche zufrieden ist.

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