Wohnen im Alter mit Jeannette Mehrs «Solaris»

Mit einer stilisierten Sonne belebt die Künstlerin Jeannette Mehr den Eingangsbereich des Neubaus der Alterssiedlung an der Wettsteinallee.

Haargenaues Handwerk: Beim Fräsen der Sonne waren keine Korrekturen möglich. (Bild: Jeannette Mehr)

Mit einer stilisierten Sonne belebt die Künstlerin Jeannette Mehr den Eingangsbereich des Neubaus der Alterssiedlung an der Wettsteinallee. Sie hat dafür fräsend in den Putz eingegriffen und das Werk «Solaris» geschaffen, welches sich durch seine komplexe Einfachheit auszeichnet.

Wie zeichnet man die Sonne? Ein Kreis und ein paar Striche und schon ist eine Zeichnung als Sonne erkennbar. Jeannette Mehr vereinfacht noch weiter: Sie reduziert ihre Wandzeichnung dahingehend, dass sie ausschliesslich Linien verwendet. In feinfühliger Setzung zieht sie direkt in den Putz gefräste Linien von einem imaginären Zentrum aus bis fast zu den Wandrändern hin. Das «fast» ist dabei essentiell.

Auf den ersten Blick erscheint die Wandzeichnung zwar regelmässig und symmetrisch, doch der (Sonnen-)Schein trügt: Weder gibt es gleichmässige Linienabstände noch bilden End- und Anfangspunkte einen Kreis oder etwa eine Linie. Dadurch wird die gezeichnete Sonne in Bewegung versetzt, ihr Bild vibriert und wird zur natürlichen Erscheinung. Das Zentrum erscheint als ein fast Rundes und beinahe meint man, es trete als Scheibe hervor und löse sich von den Strahlen. Dieses Pulsieren entsteht gerade durch die präzisen, unregelmässigen Setzungen.

«Solaris» integriert sich stimmig und fast beiläufig in die Architektur der Eingangshalle. So, als wäre es immer schon da gewesen. Um dies zu realisieren bedurfte es einer sorgfältigen Planung und viel Mut. Jede der gefrästen Linien musste sitzen, Korrekturen waren nämlich nicht möglich. Was genau ein paar Millimeter unter der angestrichenen Wand liegt, wusste im Grunde niemand. Nun treten dann und wann dunkle Stellen aus dem gefrästen Gips hervor – kleine Luftblasen, die beim Gipsen entstanden sind – und selten schimmert es rötlich: es ist das Mauerwerk, welches hier durchscheint.

So wird das Mauern und Gipsen des Neubaus als Handarbeit offen gelegt, deren Resultat trotz eines sorgfältigen Vorgehens auch Unregelmässigkeiten aufweist. Jeannette Mehrs Intervention wird dadurch auch zu einer Art Grabung am Neubau, die auf die Schichten seines Entstehens hinweist.

Spiel von Licht und Schatten

Dass sich das Werk erst durch den sich verändernden (Sonnen-)Lichteinfall realisiert, gibt der starren Zeichnung eine weitere lebendige, immer wieder neu entstehende Note. Die gefrästen Fugen haben eine Tiefe von ein paar Millimetern und einen Innenwinkel von 90 Grad, so dass immer wieder Innenkanten verschattet sind, deren Gegenüberliegendes beleuchtet wird.

Das Wandern von Licht und Schatten wird an Mehrs Zeichnung während des Tages visualisiert und bringt so einen natürlichen Kreislauf ins Innere des Gebäudes. Jeannette Mehr fokussiert auf die Sonne als Bedingung und Kraft des Lebens und liest sie als Symbol für das Unendliche, welches bewusst macht, dass alle – ob jung oder alt – Teil von einem grossen Ganzen sind.

Auf Einladung der Christoph Merian Stiftung – finanziert wurde das Kunstwerk von der «Age Stiftung Zürich» – waren vier Kunstschaffende zum Wettbewerb eingeladen worden. In der Cafeteria der Alterssiedlung stellten sie dann ihre Projekte vor versammelter Bewohnerschaft und der Jury vor. Ein ungewöhnliches Vorgehen, da Wettbewerbe oft hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Die BewohnerInnen hatten so Gelegenheit, sofort ihre Fragen und Anregungen zu formulieren. Zudem sass auch eine Vertretung von ihnen in der Jury selbst. Diese breite Unterstützung war besonders auch für die Umsetzung vor Ort von «Solaris» wertvoll: Einige Tage mussten die BewohnerInnen nämlich Staubwolken und das Brummen des Fräsers erdulden, bis dieses stille Werk vollendet war. 

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