Würden Sie nach der Arbeit noch rasch ins Museum?

An der Museumsnacht können die Basler Museen den Publikumsandrang kaum bewältigen. Normalerweise aber schliessen die meisten Häuser bereits um 17 oder 18 Uhr. Nun mehren sich die Versuche, mit verlängerten Öffnungszeiten am Abend mehr Leute in die Museen zu locken.

An der Museumsnacht sind die Häuser abends voll, sonst ist fast überall spätestens um 18 Uhr Feierabend.

(Bild: Museumsnacht Basel / Flavia Schaub)

An der Museumsnacht können die Basler Museen den Publikumsandrang kaum bewältigen. Normalerweise aber schliessen die meisten Häuser bereits um 17 oder 18 Uhr. Nun mehren sich die Versuche, mit verlängerten Öffnungszeiten am Abend mehr Leute in die Museen zu locken.

Über 40 Prozent der Besucherinnen und Besucher des Pharmazie-Historischen Museums Basel wandeln in der Nacht an den geheimnisvoll bestückten Vitrinen am Totengässlein vorbei. Im Feuerwehrmuseum sind es sogar knapp zwei Drittel, die das Haus nach Sonnenuntergang besuchen, und im grossen staatlichen Museum der Kulturen Basel immerhin noch 17 Prozent – oder in absoluten Zahlen ausgedrückt: 10’500 Menschen. 

Über die Gewohnheiten der Basler Museumsgänger und die Öffnungszeiten der Basler Ausstellungshäuser sagen diese Zahlen aber wenig bis gar nichts aus. Denn sie kommen an einem einzigen Tag, beziehungsweise in einer einzelnen Nacht am zweitletzten Freitag im Januar zustande, wenn in Basel die traditionelle Museumsnacht stattfindet. Der eintägige oder besser einnächtige Event hat sich zum grossen Renner in der Basler Kulturagenda entwickelt. 2015 verzeichneten die Museen der Region in dieser einen Nacht rund 90’000 Eintritte.

Wenn der grosse Teil der werktätigen Bevölkerung unter der Woche Zeit hätte, sind die Museen geschlossen.

Das restliche Jahr hindurch bleiben die Museumsobjekte und Bilder abends und in der Nacht meistens unter sich. Fast alle Museen schalten um 17 oder 18 Uhr die Lichter aus und die Alarmanlagen ein. Wenn der grosse Teil der werktätigen Bevölkerung unter der Woche Zeit hätte, sind die Museen geschlossen.

Dies widerspricht dem Marketing-Grundsatz, wonach eine Dienstleistungsinstitution ihre Öffnungszeiten besucherfreundlich zu gestalten hat. Eine vom deutschen Kulturmanagement Network in Auftrag gegebene Studie ortet denn auch vor allem beim «Erfolgsfaktor» «Besucherfreundliche Öffnungszeiten» einen verbreiteten Schwachpunkt beziehungsweise eine «hohe Potenzialreserve».

Im Rahmen ihrer Masterarbeit in Museologie mit dem Titel «Auf dem Weg zum 24-Stunden-Museum» hat die Basler PR-Beraterin Christine Valentin durch das Markt- und Sozialforschungsinstitut Link eine Umfrage zu verlängerten Museumsöffnungszeiten durchführen lassen. 17 Prozent der Befragten gaben an, dass sie am liebsten abends von 17 bis 20 Uhr ins Museum gehen würden, 16 Prozent würden sogar die Zeit von 20 bis 24 Uhr bevorzugen.

Periphere Lage als Nachteil?

Arbeiten die Museen also an den Bedürfnissen eines beachtlichen Teils ihrer Kundschaft vorbei? «Nein», sagt Andres Pardey, Vizedirektor des Museums Tinguely. «Wir haben rund drei Jahre versucht, mit Öffnungszeiten bis 19 Uhr neue Publikumssegmente anzusprechen, aber ohne Erfolg.» Inzwischen schliesst das Haus seine Tore wieder um 18 Uhr. Um diese Zeit ist bereits nicht mehr viel Betrieb im Museum. «Unsere langjährige Erfahrung zeigt, dass viele Besucher das Museum bereits ab 17 Uhr verlassen», sagt Pardey.

Für Pardey ist klar, dass sich die dezentrale Lage des Museums im Solitude-Park für verlängerte Öffnungszeiten nicht eigne. «Werktätige Menschen fahren nach Feierabend nicht noch schnell zu uns raus», sagt er. Das sei allerdings anders, wenn das Museum die benachbarten Mitarbeiter der Roche zu Sonderführungen einlädt.

Die Fondation Beyeler, die noch ein paar Hundert Meter weiter vom Stadtzentrum entfernt liegt, erlebt das anders. «Wir haben seit vielen Jahren an jedem Mittwoch bis 20 Uhr offen und damit positive Erfahrungen gesammelt», sagt die Museumssprecherin Elena DelCarlo. Die Fondation lockt überdies mit regelmässigen Konzerten, Lesungen und Fokus-Führungen das Publikum abends ins Museum.

Keine staatlichen Öffnungsvorgaben

«Es ist erfreulich, dass einzelne Museen mit besonderen Anlässen abends ein Publikum ansprechen», sagt der Leiter der Basler Abteilung Kultur, Philippe Bischof. Als gutes Beispiel unter den staatlichen Häusern nennt er das Naturhistorische Museum Basel, das jeweils am ersten Donnerstag im Monat unter dem Titel «After Hours. Chillen im Museum» für ein vornehmlich jüngeres Ausgehpublikum bis 23 Uhr offen bleibt. Und das mit wachsendem Erfolg: «Am 7. Januar haben uns 495 Leute besucht, dieser Ansturm hat die Kapazität unseres Hauses beinahe gesprengt», sagt Direktor Christian Meyer.

Sonder-Efforts, wie im Fall des Naturhistorischen Museums, scheinen sich also auszuzahlen. Bischof will den Museen aber freie Hand bei ihren Öffnungszeiten lassen. Das war nicht immer so. Von 1958 bis 1974 mussten die staatlichen Museen – damals gab es noch einheitliche Öffnungszeiten – mittwochs jeweils bis 22 Uhr offen haben. Wie gut besucht die Häuser in diesen Abendstunden waren, ist nicht bekannt.

Zaghafte Versuche längerer Öffnungszeiten

An Öffnungszeiten bis 22 Uhr ist mit Ausnahme von Ausstellungsvernissagen und eben der Museumsnacht heute nicht mehr zu denken. Aktuell liebäugeln aber mehrere Museen mit moderateren Abendöffnungszeiten:

Bereits seit einigen Jahren halten die Kunsthalle Basel und das Schweizerische Architekturmuseum S AM ihr gemeinsames Eingangstor jeweils donnerstags bis 20.30 Uhr offen. «Diese Abendöffnungszeiten haben sich bewährt», sagt Claudio Vogt, der neben der Medienarbeit auch noch die Rahmenprogramme betreut. «Wir legen viele Sonderveranstaltungen auf diesen Abend, was zusätzliche Anreize für einen Besuch schafft.»

Jeden ersten Mittwoch im Monat verführt das Museum der Kulturen sein Publikum zum abendlichen Museumsbesuch bis 20 Uhr. Dieser offene Abend ist mit der Veranstaltungsreihe «Ethnologie Fassbar» verbunden. Zwischen 30 und 70 Personen nutzen diese Gelegenheiten, wie Museumsdirektorin Anna Schmidt sagt.

Weitere Museen ziehen nach

Auch weitere Museen ziehen längere Öffnungszeiten in Betracht oder haben bereits entsprechende Versuche gestartet. So hat das Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig die Öffnungszeiten während der Laufzeit der aktuellen Sonderausstellung «Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera» an den Donnerstagen bis 21 Uhr verlängert. Wie erfolgreich diese Abendstunden sind, konnte Museumssprecherin Vera Reinhard nicht sagen.

Auch das Historische Museum Basel hält sein Museum für Wohnkultur versuchsweise von Dienstag bis Samstag bis 19 Uhr offen. Der Versuch dauert bis zum Ablauf der aktuellen Ausstellung «Silber & Gold» Anfang April. «Dann werden wir entscheiden, ob wir die verlängerten Öffnungszeiten während Sonderausstellungen weiterziehen werden», sagt Museumssprecherin Eliane Tschudin. Zu den aktuellen Besucherbewegungen will sie aber noch nichts sagen. Während der Ausstellung «Museum of Broken Relationships» im Sommer 2015 hätten sich die verlängerten Öffnungszeiten aber bewährt.

Bedeckt gibt sich das Kunstmuseum Basel. Aus dem Museumsguide 2016 geht aber hervor, dass das Flagschiff der staatlichen Museen seine drei Häuser nach der Einweihung des Erweiterungsbaus und der Wiedereröffnung des Hauptbaus jeweils donnerstags bis 20 Uhr offen lassen wird. Offiziell wollen sich die Verantwortlichen aber erst Anfang Februar dazu äussern.

Konversation

  1. Diese „Jammerlappen-Diskussion“ könnte man führen. Man könnte aber auch mal realisieren, dass die meisten bis 17, 18, 19 Uhr arbeiten müssen und dann die Stadt fast kollektiv zu ist, sei es in Museen, Geschäften etc. Im Text erwähnter Servicegedanke? Nicht vorhanden. 20 Uhr sollte minimum sein, wer mag länger. Jemand zu finden, der arbeitet WILL, ist kein Problem.

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