Z Bärg mit em Bänz

Bänz Friedli war Musikredaktor, Filmemacher, Hausfrauenheld und jetzt macht er auch noch Kabarett. Was treibt diesen Mann um? Eine Begegnung in Laax.

Baenz Friedli posiert in Zuerich am Donnerstag, 4. Dezember 2014. Der Schweizer Kabarettist und Kolumnist Baenz Friedli wird mit dem Salzburger Stier 2015 ausgezeichnet. Der gebuertige Berner erhaelt den mit 6000 Euro dotierten Kleinkunstpreis, der bereits zum 34. Mal vergeben wird. Der 1965 geborene Friedli war als Journalist f¸r Radio, TV und Presse taetig und ist heute ein etablierter Kolumnist. Seit 2005 schreibt er im Migros-Magazin die Familienkolumne "Der Hausmann". (KEYSTONE/Walter Bieri)

(Bild: Keystone/WALTER BIERI)

«Friedli? Das ist doch dieser Hausfrauenkolumnist!», röhrt es aus dem harten Männerwinkel der Redaktion, wo die sitzen, die denken, sie hätten die goldene Feder mit der Muttermilch aufgesogen. Sie lachen schallend. 
Einen Tag später im Café. Der beste Freund hat glänzende Augen. «Bänz Friedli? Weltklasse! Grossartig! Frag ihn über Hip-Hop aus. Und Blues! Der ist ein Spitzen-Musikjourni! Also war. Bevor die Marke ‹Bänz› kam. Der Hausmann, du weisst schon.»  

Später am Abend das Tanti am Telefon: «Der Bänz ist ein Guter. Weiss zwar nicht, wie man einen Butterzopf flechtet, aber sonst kann der eine ganze Menge, ich sags dir. Und wie der den Hausfrauen endlich eine Stimme verschaffte. Das war fantastisch, einzigartig. Und erst noch als Mann! Mutig, so was.»

Und zuletzt die Medienmitteilung: Bänz Friedli hat ein neues Hörbuch draussen. Denn Bänz Friedli macht jetzt Kabarett. «Ke Witz!» heisst sein Programm, in dem er «mit Leichtigkeit und Rasanz dem Irrsinn der Jetztzeit nachspürt».

Die Schweiz, so scheint es, kennt Bänz Friedli. Jeder ein bisschen anders, jeder ein bisschen so, wie man ihn eben grad kennen will. Hausfrauenheld, Musikspezialist, Zopfbanause, Gschpürschmi. Und natürlich ist Bänz Friedli von all dem was. Natürlich ist Bänz Friedli aber auch viele andere, Vater und Ex-Jungpolitiker und Spassmacher und knallharter Selbstvermarkter.

Aufgewachsen in Uettligen bei Bern, einem Nest mit rechtslastigem Gemeinderat, in den Friedli mit 20 gewählt wird. Aber mit der Lokalpolitik verträgt sichs nicht gut, Bänz ist ein Aussenseiter, im Rat hätten sie mit Bundesordnern nach ihm geworfen, erzählt er viel später dem SRF. Der jüngste Exekutivpolitiker der Schweiz lässt sich halt nicht lumpen, gäu.

Von den ganz Berühmten zu den ganz Normalen

Er bleibt vier Jahre, dann verlässt er das Bärnbiet und zieht in die Stadt, wo er bei Radio Förderband die Italo-Musiksendung «Capitan Uncino» moderiert (Italienisch kann er aus dem Familienurlaub in Ligurien). Später begründet er das TV-Nachrichtenmagazin «10vor10» mit und schliesslich arbeitet er bei «Facts» als Redaktor.

Daneben schreibt Friedli für Publikationen wie «Rolling Stone», «Süddeutsche Zeitung Magazin» oder «La Repubblica». Er trifft die Roots, PJ Harvey, Ryan Adams. Sorgt mit der richtigen Frage dafür, dass Tom Waits im Interview seine Krötenstimme aufgibt und normal weiterredet. Er hat die ganz Grossen, hat sie alle vor dem Mikro und dann … wird er Hausfrauenkolumnist. 

Wie kommt jemand von Tom Waits zu Betty Bossi?

Um das herauszufinden, muss man ziemlich weit fahren. Denn Friedli befindet sich grad im Skiurlaub. In Laax, wo Familie Friedli seit Jahren immer im selben Haus Ferien macht. Auch jetzt noch, wo die Kinder (Anna Luna und Hans – auch sie meint man zu kennen, als wärens die eigenen Geschwister) schon grösser sind. Bänz wartet an der Poschti-Station. Er sieht haargenau so aus wie in der Zeitung. Den Zeitungen.

«Weimr schnäu ume See spaziere?» Bänz ist Berner, man hörts sofort, auch wenn er seit Jahren in Zürich wohnt. Ein behäbiges, breites Berndeutsch, den Dialekt, den man immer im Hinterkopf hört, wenn man seine Kolumnen im «Migros-Magazin» liest. Man redet zuerst kurz ein bisschen über die eigene Biografie, Friedli ist interessiert, er stöhnt, als vom Damokles-Studium die Rede ist. Selber hat er nur ein paar Semester studiert, mehr Uni lag ihm nicht.

Der Typ mit dem Kassettenrekorder

Dann die erste Anekdote. Es werden viele sein auf diesem Spaziergang, lebhaft und stolz erzählt, als wärs gestern gewesen und als wär Musikjournalist der schönste Beruf der Welt. Es geht um Questlove von den Roots und wie er Bänz nach sieben Jahren wiedererkannte: «The Guy with the analogue Tape!» Bänz lacht. «I bi gloub dr letscht Journi gsi, wo no sones autmodischs Grät het gha. Aus Musigjournalist!» Er lacht wieder. Der schönste Beruf der Welt.

Dann erzählt er weiter. Das Gespräch kommt nie ins Stocken, Friedli kann meisterlich erzählen, später wird er sagen, «was hab ich dich nur vollgequatscht». Dabei ist er so am sympathischsten: abseits der Rollen. Nicht als Hausmann, Musikjourni, Comedian. Sondern als der, der er in all den Rollen ist, seine grösste Rolle, die all die kleinen vereint: Bänz Friedli als Erzähler.

Das geht von Hans‘ Schallplatten («Är isch säuber uf das Züg cho, es isch huere geil!») über das seit Jahren gemietete Ferienhaus («völlig e schissigi 70er-Jahr-Wohnig. Aber was wosch, mir geits eifach guet hie obe») bis zu seiner Rolle als Hausmann im «Migros-Magazin». Es sei eine schöne Zeit gewesen, aber gegen Ende hätte es gereicht. Der Hausmann hing ihm zum Hals raus.

«Nähmemr es Gaffee?» Der See war klein, die Umrundung rasch, wir kehren im Bistro am Ufer ein. Friedli bestellt einen Cappuccino, faltet die Hände und erzählt weiter. Von seinen Reisen in Amerika, der Zeit, als er mit seiner Familie in New Orleans wohnte, vom Filmprojekt mit seiner Frau (Im Gegensatz zu sonst allem, was Bänz Friedli scheinbar ausmacht, hat er in keiner seiner Kolumnen je ein konkretes Wort über seine Frau verloren. Privat ist privat. Eben doch), das er im vergangenen Jahr realisierte.

Hunderte von enttäuschten Hausfrauen

Und wie war das jetzt mit dem Hausmann? Naja, die Königsfeder kann nicht einfach abhauen, da würden die Hunderte von Hausfrauen, von denen Bänz noch heute Post kriegt, keine Freude dran haben. Also schreibt Friedli jetzt einfach als «Bänz Friedli» eine Kolumne. Da geht es auch nicht mehr um Putzpläne und Erziehungsmassnahmen. Seiner Beliebtheit schadet das nicht, ganz im Gegenteil: Friedli ist der beliebteste Kolumnist der Schweiz, seine Auftritte sind jedes Mal restlos ausverkauft.

Wie schafft er das?

Erzählen ist das eine. Was Friedli aber wirklich erfolgreich macht, ist seine Menschennähe. Eine tatsächliche Menschennähe, nicht das übliche journalistische Ich-begegne-dir-auf-Augenhöhe-und-erklär-dir-die-Welt-Gesäusel. Das schafft er einerseits durch seine Präsenz.

Bänz Friedli sieht unscheinbar aus, aber sobald er anfängt zu erzählen, tut sich etwas auf in seinem Gesicht. Er schaut seinem Gegenüber immer in die Augen, ausser wenn er gekonnt abschweift, dann wandert der Blick weg und kommt dann pointenpünktlich wieder zurück. Bänz Friedli hat, was mein Tanti ein lebendiges Gesicht nennen würden, Chuzpe, Charisma.

Der Rest ist harte Arbeit. «I mache jede Abe öppis angers», sagt Friedli beiläufig, während er gerade vom fürstlichen Staatstheater Liechtenstein erzählt, wo einer zu 100 Prozent angestellt sei, die jeweiligen Auftretenden auf die Bühne zu begleiten. (Nur der Bänz ging natürlich von selbst, viel zu früh und nicht gemäss Plan und «dä arm Begleiter isch ganz baff gsi, wüuer sis Tagwärch nid het chönne verrichte!»). Also wie, jeden Abend etwas anderes?

«U bubi»

Naja, er bereite sich halt vor. Turns out: Vor jedem Auftritt stellt sich Friedli ein kleines Dossier zusammen mit den aktuellsten Themen des Orts, in dem er auf der Bühne stehen wird. Er recherchiert zu Ort und Leuten, um während seines Auftritts auf dem neusten Stand zu sein. «Das merke d’Lüt! Und das schätze si.» Wie zum Beispiel in Liechtenstein. Da habe er panisch in der Nacht davor gemerkt, dass es in Liechtenstein ja keine Swisscom, keine Axpo gebe. Zum Glück habe er einen guten Freund in Vaduz. Den rief er an, liess sich eine Stunde lang briefen und fix war der Aufhänger parat. Gar kein Problem. Oder wie Bänz sagt: «U bubi.»

«Grandios!», sagt der Bänz auch gerne. Wie wenn er vom bernischen Oberthal redet, wo er einen Tag nach Liechtenstein war. Vom fürstlichen Staatstheater in die zweitärmste Gemeinde der Schweiz, auf den Dachboden einer Gesamtschule. «Dasch so fantastisch! Wasme vo dere Schwyz aues mitbechunnt!» Viel mehr als damals, als er noch als Journalist in einem Glashaus in Zürich gesessen sei und von da aus die Welt erklärte. Bänz Friedli ist eben nicht nur bi de Lüt. Er ist mit de Lüt.

Der Gaffee ist getrunken, das Poschti kommt gleich. Zum Schluss eine allerletzte Frage, lieber Bänz. Wieso funktioniert das, was du tust, so gut? Vom Staatstheater bis in den Füdlichrache? Bänz denkt nicht lange nach. Er hat sich die Frage auch schon gestellt, immer wieder.

Er sei ja YB-Fan und erkläre sich das am liebsten mit einem Fussball-Sprichwort: «Wennd hüt nume ei Sekunde a Match vo morn dänksch, de hesch scho verlore.» Wer in seinem Kopf woanders sei, als genau hier, der kann einpacken. «I dänke jedes Mau: Hüt bini nume hie. Nume bi dene Lüt. Das hiuft.»

_
Bänz Friedli: «Ke Witz!», Hörbuchtaufe, Bider & Tanner, Aeschenvorstadt 2, Basel. Montag, 27. Februar, 19.30 Uhr.

Wieder nach Basel kommt Friedli im März: Am 16., 17. und 18. März tritt er mit dem Programm im Tabourettli auf.

Nächster Artikel