Zusammen leben statt isoliert, teilen statt besitzen: Sieht so die Zukunft des Wohnens aus?

Wie werden wir in Zukunft wohnen? Die Ausstellung «Together!» im Vitra Design Museum sucht nach Antworten.

Alle zusammen, aber auch für sich: Das Projekt «Zollhaus» der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, das im Kreis 5 umgesetzt wird.

Wie werden wir in Zukunft wohnen? Die Ausstellung «Together!» im Vitra Design Museum sucht nach Antworten.

Denkt man an Zersiedelung, ist es sicher eine begrüssenswerte Entwicklung, dass junge, vierköpfige Familien nicht mehr in Scharen aus der Stadt aufs Land ziehen, um ihr Glück im mit Rasen und Carport angereicherten Einfamilienhaus zu suchen.

Denkt man an Immobilienspekulation und Gentrifizierung bereitet mittlerweile aber auch die Tatsache Kopfschmerzen, dass so viele in der Stadt bleiben wollen – wenn sie es denn überhaupt können. Denn je knapper der heiss umworbene Wohnraum, desto höher steigen die Preise.

Da ist es vielleicht gerade ein Glücksfall, dass sich die westliche Gesellschaft zusehends von der klassischen Familie verabschiedet und vielfältigere Formen des Zusammenlebens anstrebt. Das Wohnen in der Gemeinschaft bietet gegenüber der Familienzelle die Möglichkeit eines schonenderen Umgangs mit Ressourcen.

Zweiter Platz an der Architekturbiennale

Die alternativen Wohnmodelle, die in den letzten Jahren gerade in der Schweiz – und besonders in Zürich – vermehrt entstanden sind und in denen die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem weniger klar gezogen werden, stehen im Mittelpunkt der Ausstellung «Together!», die derzeit im Vitra Design Museum läuft.

» Zur Reportage über die Zürcher Kalkbreite: Wohnen in der Utopie

Hinter der Ausstellung stehen die Architekturtheoretiker und Ausstellungsmacher Andreas und Ilka Ruby. Ihre Grundidee einer Schau über «die neue Architektur zur Gemeinschaft», so der Untertitel, stammte ursprünglich von ihrem Wettbewerbsbeitrag für den Schweizer Pavillon der letztjährigen Architekturbiennale in Venedig. Die lief unter dem Namen «report from the front» – die Schweizer Beiträge fielen damals jedoch unangenehm unpolitisch auf.

Umso bedauerlicher war es, dass die Idee der Rubys es nur auf Rang zwei schaffte. Immerhin hat sich mittlerweile herausgestellt, dass ein zweiter Platz nicht immer so undankbar ist, wie er scheint: Der in der Zwischenzeit erfolgten Wahl Andreas Rubys zum Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums dürfte er jedenfalls nicht abträglich gewesen sein. Vor allem aber steht der Ausstellung nun im Vitra Design Museum ein Vielfaches an Platz zur Verfügung.

Alleinerziehende Eltern neben rüstigen Rentnern

Der Frank-Gehry-Bau gliedert die von Mathias Müller und Daniel Niggli vom Architekturbüro EM2N entworfene Inszenierung einmal mehr in vier Teile. Im Zentrum steht dabei ein begehbares Modell einer sogenannten Clusterwohnung beziehungsweise eines Teils davon.

Diese Clusterwohnung veranschaulicht innerhalb der meist genossenschaftlich organisierten Projekte der Gegenwart die am weitesten reichende Form des (offenbar heute noch als zumutbar erachteten) gemeinschaftlichen Wohnens: Neben Gemeinschaftsräumen wie Grossküche, Ess- und Wohnzimmer bietet sie allen Bewohnerinnen und Bewohnern anstelle eines einfachen Zimmers eine autonome Wohneinheit, die neben eigenem Schlaf- und Wohnzimmer beispielsweise Toilette, Bad, aber auch eine kleine Kochgelegenheit bietet.



Grossküche für alle: In der Sargfabrik in Wien wird gemeinschaftliches Kochen gelebt.

Grossküche für alle: In der Sargfabrik in Wien wird gemeinschaftliches Kochen gelebt. (Bild: Hertha Hurnaus)

Die angegliederten Wohnungen sind unterschiedlich gross und sollen damit verschiedene Bedürfnisse abdecken – in der Hoffnung, dass alleinerziehende Eltern ebenso wie rüstige Rentner eine Bleibe finden und zusammen leben können. Was sich wie die Luxusausführung der altgedienten Studenten-WG anhört, spart Platz: So liegt der Pro-Kopf-Verbrauch etwa in der Genossenschaft Kalkbreite Zürich bei gut 33 Quadratmetern, während er sonst in Schweizer Städten bei knapp 40 bis 46 Quadratmetern liegt.

Schluss mit Autochaos

Eine abgemilderte Form des Teilens betrifft nicht die Wohnungen selbst, sondern gemeinschaftlich nutzbare Räume und Plätze in Gebäuden und Siedlungen. Die gezeigten Architektur-Modelle wollen dies veranschaulichen, indem sie bereits realisierte Projekte von Barcelona bis Tokyo zu einer fiktiven Stadt der Gemeinschaft zusammenwachsen lassen. Anders als in Mendrisio liegt das Bodenniveau bei der Miniature Collective beispielsweise praktisch auf Sichthöhe und ermöglicht einem so einen bequemen Blick in die Wohnungen der Winzlinge.

Mindestens so interessant sind hier aber die Räume zwischen den Gebäuden, wo dank Car-Sharing nur selten ein Auto zu sehen ist und stattdessen Menschen auf der Strasse flanieren. Will man den Modellen Glauben schenken, verdankt sich dies wesentlich dem Umstand, dass in den Erdgeschossen keine Wohnungen, sondern Geschäfte, Restaurants oder eben gemeinschaftlich nutzbare Räume eingebaut wurden, die das öffentliche Leben fördern.



Flanierende Menschen, kaum Autos: In der gemeinschaftlichen Stadt gibts Car-Sharing statt Eigenwagen.

Flanierende Menschen, kaum Autos: In der gemeinschaftlichen Stadt gibts Car-Sharing statt Eigenwagen. (Bild: Hannes Henz Architekturfotograf)

Nun ist die Idee, dass Architektur das gemeinschaftliche Leben und damit auch das Glück des Einzelnen fördern könne, nicht neu. Auch das versucht die Ausstellung zu vermitteln, indem sie eingangs historische Beispiele versammelt. Begonnen mit Charles Fouriers utopischen Wohnpalästen des frühen 19. Jahrhunderts, über die Künstlerkolonie Monte Verità bei Ascona und Le Corbusiers «Unité d’Habitation» bis zum besetzten Wohlgroth-Areal der 1990er-Jahre beim Hauptbahnhof Zürich scheint hier das Who-is-Who der «Architektur der Gemeinschaft» versammelt.

Allerdings scheint die Bereitschaft, etwas aus der Geschichte lernen zu wollen, verhältnismässig gering. So interessant und ergiebig das ausgebreitete Material wäre, es dient dem Beweis, dass es eine Geschichte dieser architektonischen Bemühungen gibt, nicht aber, was diese Geschichte zu erzählen hätte. Kommt hinzu, dass bei aller Fülle die Auswahl selber nicht recht schlüssig ist: Zum einen spielt die Architektur in den verschiedenen Beispielen eine kaum zu vergleichende Rolle, zum andern werden zentrale Beispiele wie diejenigen religiöser Gemeinschaften oder auch des Kommunismus ausgeklammert.

Gemeinsam gelebter Hedonismus

Tatsächlich sehen die Ausstellungsmacher den Anlass zur neuen Gemeinschaftsarchitektur nicht in bestimmten Ideologien, sondern im Hedonismus des Einzelnen. So verweist etwa ein Schild mit der Aussage eines fiktiven Bewohners in der Clusterwohnung darauf, dass er sich eine «High-End-Espressomaschine» nur leisten konnte, weil sich alle Mitbewohner und -bewohnerinnen die Kosten geteilt hätten.

Dass das Leben in der Gemeinschaft nicht unbedingt Abstriche in materieller Hinsicht bedeuten muss, ist unbestritten. Warum die gemeinschaftlich genutzten Räume der gezeigten Wohnung mit den sogenannten Hartz-IV Selbstbaumöbeln des Berliner Architekten Van Bo Le-Mentzel eingerichtet sind, ist aus dieser Logik heraus dagegen schwer erklärbar. Gänzlich apolitisch lassen sich die Fragen des Zusammenlebens eben doch nicht erklären.

In Berlin bereits Realität: Gemeinschaftliches Wohnen in der Spreefeld-Genossenschaft in Berlin.

In Berlin bereits Realität: Gemeinschaftliches Wohnen in der Spreefeld-Genossenschaft in Berlin. (Bild: Ute Zscharnt )

Auch wenn man sich die Ausstellung im Schweizer Pavillon in Venedig gelungener vorstellt als in einem mehr Tiefgang fordernden Museum, ist es dennoch erfreulich, dass sie nicht in einer Schublade verschwunden ist. Denn sie setzt sich mit einem Thema auseinander, das uns alle heute stärker betrifft denn je. Tatsächlich wäre es mehr als wünschenswert, wenn sich nicht nur die Bedürfnisse des Wohnens und des Zusammenlebens in Richtung eines schonenderen Umgangs mit Ressourcen weiterentwickeln würden, sondern auch Immobilienunternehmen, Banken und Pensionskassen in Zukunft mehr zur Befriedigung dieser Bedürfnisse beitrügen.

Die Stärken der Ausstellung und der gezeigten Architektur liegen darin, mit tatsächlich realisierten Grossprojekten den Beweis anzutreten, dass sich ein Umdenken weg von möglichst viel privater Fläche hin zu qualitätsvollem Raum, wo sich Privates und Gemeinschaftliches überlappen, für alle Beteiligten lohnt. Ihre Schwächen liegen darin, kritische Fragen nicht selbst aufgeworfen und beantwortet zu haben, um so den Skeptikern von Anfang an den Wind aus den Segeln zu nehmen.

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Das Vitra Design Museum zeigt die Ausstellung «Together!» noch bis am 10. September 2017.

Konversation

  1. Tja, da bin ich (Alter) etwas kritisch.
    Man baut sich einen Sichtschutz auf den Balkon, klingelt beim Nachbarn unten, weil seine Kinder lauter sind als in einer Abdankungskapelle und träumt halt doch vom heckenumsämten Einfamilienhaus im „Grünen“.

    Etwas teurer könnte man diese Wohnform auch als „Wohnen im Apart-Hotel“ bezeichnen.

    Ausserdem ist es für Spekulanten lukratriver, Einzelpersonen und Kleinfamilien als „Partner“ (oder doch eher als Geldschweinchen?) zu haben, als Wohngemeinschaften, die dann doch ungleich stärkeres Gewicht haben als so ein Einzelmieter.

    Wahrscheinlich wird man erst wohl die Spekulanten hinausekeln müssen, damit Häuser wieder leerstehen, die dann für günstiges Geld als Ganzes für eine WG-Genossenschaft zu haben sind.
    Alternative Wohnformen entstehen nicht in einer „auskultivierten Wohnlandschaft“, sondern in für andere eigentlich unrentablen Wohnlagen und in Häusern, die man hier heute wegen der hohen Grundstückspreise lieber abreisst und durch einen Block ersetzt.
    Wenn sich das nicht mehr rechnen würde, ergo ältere Häuser mehr leerstehen würden, dann könnte da auch Neues entstehen.

    Da hat „die Schweiz“ aber noch einen langen Weg vor sich!

    …oder auf nach Berlin!

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