Zwei Freunde gegen das Kapital

In den 1840er-Jahren stecken Karl Marx und Friedrich Engels die Köpfe zusammen und verfassen das «Kommunistische Manifest». Der Film «Der junge Karl Marx» erzählt, wie es dazu kam.

(Bild: Kris Dewitte)

In den 1840er-Jahren stecken Karl Marx und Friedrich Engels die Köpfe zusammen und verfassen das «Kommunistische Manifest». Der Film «Der junge Karl Marx» erzählt, wie es dazu kam.

Für einen Augenblick wähnen wir, in einem Märchenwald zu sein. Dann rückt die Kamera ärmlich gekleidete Gestalten ins Bild, die dürres Holz vom Boden sammeln. Sekunden später fallen Dragoner brutal über sie her. Wer ob solcher Szenen keine Empörung in sich spürt, der ist so tot wie die abgestorbenen Äste. Den jungen Karl Marx jedenfalls empört es, wie mit den Holzsammlern umgesprungen wird, in denen die Obrigkeit nicht von Not getriebene Menschen erkennt, sondern simple Holzdiebe sieht.

Ein paar Szenen weiter finden wir uns in einer Fabrikhalle in Manchester wieder. Das Rattern der Webstühle ist verstummt. Es wird gestreikt, nachdem sich eine übermüdete Arbeiterin an einer Webmaschine verletzt und dabei zwei, drei Finger verloren hat. Da pickt der Patron die Wortführerin, die junge irische Arbeiterin Mary Burns, heraus und stellt sie kurzerhand auf die Strasse.

Empörend auch dies. In der Fabrikhalle muss der Fabrikantensohn Friedrich Engels seine Empörung herunterschlucken. Doch in seiner Freizeit sieht er sich in den Arbeiterquartieren um und schreibt ein Buch über die Lage der arbeitenden Klasse in England. Bei seinen Feldforschungen, bei denen er auch mal eine Faust auf die Nase bekommt, ist ihm Mary Burns eine grosse Hilfe.

Als sich 1844 die Wege von Karl Marx und Friedrich Engels in Paris kreuzen, springt der Funke zwischen den beiden rebellischen Jungmännern über, und eine Freundschaft beginnt, die bis zum Tod von Karl Marx im Jahr 1883 Bestand haben sollte. Die beiden sind sich schnell einig: Die Philosophen haben die Welt immer nur zu erklären versucht. Das reicht nicht: Man muss sie verändern!

Dazu muss man allerdings erst mal verstehen, welche Kräfte die Welt in Bewegung halten. Bei der Klärung dieser Frage schöpfen die beiden aus dem Vollen. Um den Zaubertrank zu brauen, der dem Proletariat die Augen öffnen soll, stellen sie die Philosophie Wilhelm Friedrich Hegels auf den Kopf, schlagen sich mit den Theorien französischer Sozialisten herum und studieren die Werke englischer und schottischer Ökonomen.

Das tönt ziemlich anstrengend. Doch keine Sorge. Karl Marx und Friedrich Engels hat das seinerzeit sicher Spass gemacht, und für uns Zuschauer fallen allenfalls ein paar Brosamen ab. Das harte Brot der Theorie bleibt dem Kinogänger weitgehend erspart – oder je nach Standpunkt – vorenthalten.

Weniger geizig zeigt sich der Film, wenn es um das Familienleben von Karl Marx und seiner charmanten Gemahlin Jenny von Westphalen geht. Die junge Frau aus bester Familie hat es nicht einfach an der Seite eines Revolutionärs und politischen Emigranten. Immer mal wieder fehlt das Geld im Hause Marx.

Zum Glück teilt Jenny die Überzeugungen ihres Gatten, sonst wäre wohl alles noch schlimmer. Friedrich Engels, der in späteren Jahren die Familie Marx und damit Marx‘ Arbeit am Jahrhundertwerk «Das Kapital» subventionieren wird, hilft, wo er kann, ist aber in jenen Tagen oft selbst knapp bei Kasse.

Eine wunderbare Männerfreundschaft, die prekäre Existenz revolutionär gesinnter Intellektueller – vielleicht hätte das gereicht als Stoff für einen packenden Historienfilm, zumal mit August Diehl (Karl Marx), Stefan Konarske (Friedrich Engels), Hannah Steele (Mary Burns) und Vicky Krieps (Jenny von Westphalen) vier erfrischend unverbrauchte Schauspielerinnen und Schauspieler vor der Kamera standen.

Beim Schluss setzt der Regisseur leider auf die falsche Karte.

Regisseur und Drehbuchautor Raoul Peck («I Am Not Your Negro») reichte das offenbar nicht. Und so versucht er, den Schlussteil des Films dadurch zu dramatisieren, dass er den von Marx und Engels befeuerten Richtungskampf im «Bund der Gerechten» ins Zentrum rückt. Dieser endet schliesslich damit, dass die beiden den Auftrag erhalten, das neue Programm des Bundes zu verfassen, was im Druck des «Kommunistischen Manifests» gipfelt.

Mit diesem Schluss setzt Raoul Peck leider auf die falsche Karte. Denn zum einen bleibt weitgehend unklar, um welche konkreten Inhalte es bei diesem Richtungskampf eigentlich ging. Zum andern vergibt sich Peck die Möglichkeit, einen Blick auf die beiden Revolutionäre in den Stürmen der 1848er-Revolution und der postrevolutionären Flaute zu werfen.

Der Film hätte dann beispielsweise so enden können: Ein Regentag Anfang der 1850er-Jahre, zwei Männer mit Bart in einem Pub. Marx zu Engels: «Fred, wir müssen nochmals über die Bücher.» Engels nickt und bestellt ein weiteres Bier. Einen anständigen Wein, den er vorzöge, gibt es in diesem Lokal bisher noch nicht.

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Der Film läuft im kult.kino atelier ab dem 11. Mai 2017.

Konversation

  1. Lebten die zwei heute, sie würden «Das Kapital» nicht schreiben, sondern das ihnen zur Verfügung gestellte Kapital disruptiv zur Zerschlagung von jahrhundertelang erkämpftem sozialen Frieden verwenden und sich über die ihnen gehörenden «sozialen Medien» als Genies und Wohltäter feiern lassen.

    Alles eine Frage der Zeit.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
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