Zwei Theaterprojekte scheitern an grossen Themen der Zeit

Alberne Hintersinnigkeit auf der einen, hingepowerter Ernst auf der anderen Seite: Das Junge Theater Basel und die Performergruppe helium x versuchen sich an grossen Themen der Zeit. Beide gehen dabei unter, allerdings auf unterschiedliche Art.

Eine albern-hintersinnige Schau auf die grossen Krisen der Zeit: Helium x zeigt in der Reithalle der Kaserne Basel, wie lustvoll Scheitern sein kann.

(Bild: Brigitte Fässler)

Alberne Hintersinnigkeit auf der einen, hingepowerter Ernst auf der anderen Seite: Das Junge Theater Basel und die Performergruppe helium x versuchen sich an grossen Themen der Zeit. Beide gehen dabei unter, allerdings auf unterschiedliche Art.

«A Horse! A Horse! My kingdom for a horse!», ruft Shakespeares Richard III. ins Gemetzel der finalen Schlacht. Dieser Typ da mit dem griechischen Soldatenhelm auf dem Kopf hat ein Pferd. Aber kein Königreich. Also bleibt ihm bei seinem Ritt, begleitet von Scheinwerferträgerinnen und einem Mirkrofon-Assistenten nur noch, die x-mal wiederholte Aussage auf Baseldeutsch, dass «e Füehrerperson» oder «e Leader-Persönlichkeit» ausgesprochen dienlich wäre.

Wir befinden uns in der Reithalle der Kaserne Basel. Die Performergruppe helium x von Theatermacher und -autor Philippe Heule hat die «Grosse Schlacht» bereits bei den Treibstoff-Theatertagen 2015 im Fussballstadion Rankhof zelebriert. Jetzt ist «Die grosse Krise» dran. Also eigentlich sind es die grossen Krisen der Zeit, mehr oder weniger alle, vom Banken-Crash bis zu den Folgen der Kriege im Nahen Osten.

Aufräumarbeiten und Verteilerschlacht

Es beginnt bereits mit einer Krise, denn «Die grosse Krise» verspätet sich, wie eine rührend überforderte Produktionsmitarbeiterin ankündigt. In vier Sprachen und hintersinnigen Widersprüchlichkeiten in den jeweiligen Übersetzungen. Ein grosser Auftritt der Performerin Daniela Ruocco.

Als dann die Krise endlich erscheint, macht sich das Kollektiv erst einmal ans grosse Aufräumen. Oder besser ans chaotische Zusammenstellen. Unmengen an Abfall-Materialien, von riesigen Lastwagenschläuchen über Kissen, Styropor-Würstchen in Säcken, Brettern und Platten stehen sinngemäss für verschiedene Krisen. Die werden in der Bühnenmitte aufgetürmt, bis es zum grossen Verteilungskampf kommt, bei dem jeder jedem wegnimmt, was er kann.

Helium x zeigt vor allem eines: Nämlich, dass man automatisch zum Scheitern verurteilt ist, wenn man sich auf der Bühne oder im richtigen Leben an die grosse Krise an und für sich heranmacht.



Mitreissend kraftvoll gespielt, aber an der thematischen Metabene gescheitert: Das Ensemble des Jungen Theaters Basel mit «Zucken».

Mitreissend kraftvoll gespielt, aber an der thematischen Metabene gescheitert: Das Ensemble des Jungen Theaters Basel mit «Zucken». (Bild: Uwe Heinrich)

Szenenwechsel. Keine 100 Meter von der Reithalle entfernt wagt sich auch das Junge Theater Basel an die grosse Krise. Dieses Mal etwas eingegrenzter. Und mit grossem Ernst. «Zucken» ist ein Theatertext, den die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann vom Gorki Theater Berlin geschrieben hat, das als Koproduzent mit von der Partie ist.

In «Zucken» geht es um die grosse Anziehungskraft, welche die Kriege in Nahost, in der Ukraine oder der IS auf Jugendliche auch in Basel und Berlin ausüben. Jugendliche, die im gesättigten Europa den kulturellen Boden unter ihren Füssen verloren haben und in der WhatsApp-Welt auf dem Smartphone gestrandet sind.

Da ist die junge Frau aus Basel, die sich von einem Dschihadisten mit ausgesprochen hinterlistigem Charme zum Terroranschlag mit einem Messer verführen lässt. Eine andere junge Frau, die im Krieg der Kurden endlich ihre Bestimmung erfährt, was sie ihrem pazifistischen Vater mitteilt. Oder der junge homophile Ukrainer, der sich von seinem Vater nötigen lässt, als Kämpfer in die Ostukraine zu reisen.

Hitziges Power-Theater

Das ist ganz schön viel Irrweg aufs mal. Regisseur Sebastian Nübling macht daraus, was er oft tut: Er peitscht seine siebenköpfige Truppe zum fulminanten Theater-Power-Marathon an. Und er setzt dabei konsequent auf den technischen Filter des Smartphone-Netzes: Die Schauspieler sprechen ins Handy, das an die Saallautsprecher gekoppelt ist. Auch die aufpeitschende Musik steuert sich per Klicks am Smartphone.

Es ist überaus beachtlich, was die junge Truppe da zu leisten imstande ist, welche Kraft und Präzision die Spielerinnen und Spieler an den Tag legen. Aber lieber hätte man sie in einer anderen Produktion gesehen, eine, die das durchaus vorhandene Problem nicht in so vielen unterschiedlichen Strängen nur antippt, sondern vielleicht konzentrierter angeht.

Lustvolles und ernsthaftes Scheitern

Der Versuch, die Verführungskraft oder der keinen Widerspruch zulassende Drang zur martialischen Radikalisierung auf einer Art Metaebene anzugehen, funktioniert nicht. So kommt «Zucken» letztlich nicht über die bierernst-pathetische Behauptungsebene hinaus.

Auch «Die grosse Krise» scheitert, doch hier ist es ein ausgesprochen lustvolles Scheitern. Es ist ein Abend, der sehr hintersinnig und vergnüglich beginnt, mit der Zeit aber versandet. Man darf sicher nicht verlangen, dass helium x uns mit einem schlüssigen Ende einen Ausweg aus der grossen Krise vorsetzt. Diese Krisen kennen das nicht. Aber es bleibt das Gefühl, dass diese Unfertigkeit nicht eigentlich eine inhaltliche Aussage ist, sondern ein Manko der Produktion.
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Junges Theater Basel: «Zucken» von Sasha Marianna Salzmann. Weitere Vorstellungen am 31. März sowie im April, Mai und Juni.

Helium x: «Die grosse Krise» in der Reithalle der Kaserne Basel. Weitere Vorstellungen am 31. März sowie 1. und 2. April.

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