Aesch hat ein Problem, bigott!

Aesch wählt eine neue Gemeindepräsidentin. Doch es geht um mehr als das Amt – der Gemeinderat ist seit Jahren zerstritten.

Ein Heckenstreit liess die Situation in Aesch eskalieren – jetzt kämpfen Marianne Hollinger (l.) und Silvia Büeler ums Präsidentenamt. (Bild: Domo Löw)

Aesch wählt eine neue Gemeindepräsidentin. Doch es geht um mehr als das Amt – der Gemeinderat ist seit Jahren zerstritten.

Probleme hatte Aesch schon immer. Der viele Verkehr, das ewige Brachland, die fehlenden Einnahmen. Die guten Steuerzahler liessen sich lieber etwas weiter oben am Hang nieder, auf der Sonnenseite des Lebens, in Pfeffingen.

Aesch gab aber nicht auf und machte in den vergangenen Jahren etwas aus sich. Ohne dass man es in den umliegenden Gemeinden gross bemerkt hätte, entstehen in Aesch Nord ein neues Gewerbe- und Industriegebiet und im Dorf schöne, neue Wohnungen, und zuletzt konnte sogar ein Gewinn erwirtschaftet werden. Eigentlich wäre für die ­Verantwortlichen jetzt Zeit, gemeinsam eine gute Flasche aus dem heimischen Rebberg aufzumachen und auf die Erfolge anzustossen.

Gemeinsam macht der Gemeinderat derzeit aber gar nichts. Gemeindepräsidentin Marianne Hollinger (FDP) hat mit Ausnahme ihres Parteikollegen Bruno Theiler alle gegen sich, Linke wie Bürgerliche: Paul Svoboda (SP), Silvia Büeler (SP), Markus Lenherr (CVP), Ivo Eberle (CVP) und Andreas Spindler (SVP). Sie werfen Hollinger vor, selbstherrlich zu sein und ständig in die Arbeit der Gemeindeverwaltung einzugreifen. Die Verwaltung möchte sich dazu nicht äussern – sie befindet sich zwischen Hammer und Amboss. Der Gemeindeverwalter Nicolas Hug sagt nur: «Wo es Rauch gibt, gibt es auch Feuer.» Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) wird in ihrem Bericht vom Mai deut­licher: «Unter der heutigen Leitung ist die Zusammenarbeit im Gemeinderat schwierig und konfliktgeladen.»

Aufstand als Wahlkampftaktik

Hollinger weist die Vorwürfe zurück. Im Gemeinderat gebe es «einige Spannungen» wegen Machtansprüchen aufs Präsidium. «Mit unwahren Anschuldigungen betreiben Gemeinderäte der anderen Parteien Wahlkampf, und auch die GPK», sagt sie und findet, die Geschäftsprüfungskommission sei nicht korrekt vorgegangen. «Es sitzen teilweise dieselben Parteifunktionäre drin, die gegen mich Wahlkampf machen.»

Es ist ein äusserst unschöner Konflikt. Einer, der seit Jahren schwelt. Nicht weniger als vier Mediatoren versuchten seit 2008 die Zu­sammenarbeit zwischen Gemeinderat und -präsidentin zu verbessern. Vergeblich. Eine Lappalie sorgte für die Es­ka­la­tion: Der Gemeindrat entschied kurz vor den kommunalen Wahlen, dass die seit 2006 bestehende Bestimmung zum Zurückschneiden von Hecken umgesetzt werden muss. So richtig ernst ­genommen hatte die Regelung vorher keiner. Doch dann monierte die Gemeindepolizei, dass es an einigen ­Stellen in Aesch unübersichtlich sei, weil Äste auf die Strassen ragen würden und Hecken zu hoch seien. Der Gemeinderat beriet sich nach dem Hinweis der Polizei und entschied: Hecken schneiden.

Die Geschichte entwickelte sich danach zu einem regelrechten Heckenkampf. Gemeindepräsidentin Marianne Hollinger scherte aus, stellte sich gegen eine konsequente Umsetzung und regte eine Aussprache an – an ­einem runden Tisch mit Behörden­vertretern und erbosten Gartenbesitzern. Für eine Vermittlung war es allerdings bereits zu spät: Ein neunköpfiges Komitee hatte sich bereits in Position gebracht und feuerte scharf gegen ­Gemeinderat Markus Lenherr, der für den Bereich Tiefbau und damit auch für die Hecken verantwortlich ist.

Einflussreiche Freunde

Er war nun plötzlich der Sündenbock – obwohl ursprünglich der gesamte Gemeinderat auf Schneiden entschieden hatte. Dutzende Leserbriefe und Artikel in den lokalen Medien ­später war Lenherr abgewählt und die Heckengeschichte die «absolute Lachnummer» (Hollinger) in den Nach­bargemeinden. Hollinger selbst schien davon aber zu profitieren, weil sie Lenherr nun los war, der lange als der ­aussichtsreichste Herausforderer im Kampf ums Gemeindepräsidium gegolten hatte.

Ein Zufall war das nicht unbedingt. Denn Hollinger hatte zwar fast den ganzen Gemeinderat gegen sich, dafür aber auch mächtige Verbündete im Dorf. Das Heckenkomitee, das keinen Aufwand scheute und auch eine Web-site aufschaltete, bestand aus alteingesessenen Gemeindepolitikern.

Unter anderem war auch Klaus ­Kocher dabei. Der CVPler und frühere Journalist gilt als ausgezeichneter Strippenzieher und berät mit seiner Consultingfirma bekannte Persönlichkeiten (unter ihnen auch Regierungsräte), Unternehmen und Organisationen. «Das selbstverständlich ganz im Hintergrund», wie er auf seiner Homepage schreibt.

Kocher und Hollinger sind befreundet. Sie hole «manchmal» bei ihm Rat, ­sagen beide. Wer sich im Politbetrieb in Aesch umhört, vernimmt anderes: Der Einfluss beschränkt sich nicht auf einen freundschaftlichen Tipp bei einem Glas Wein. Auch in der CVP ist man überzeugt, dass der eigene Mann die FDPlerin unterstützt. «Gewissen Texten merken wir an, dass sie nicht aus ihrer, sondern aus seiner Feder stammen», sagt CVP-Miglied Stephan ­Gassmann.

Ein anderer einflussreicher Freund der Landrätin ist Cyrill Thummel. Der ehemalige Gemeindepräsident galt früher als Dorfkönig, der vom Schlössli aus die Gemeinde regierte. «Presi» ist er zwar schon lange nicht mehr, noch immer aber geht er in der Verwaltung ­regelmässig ein und aus. Hinter vor­gehaltener Hand wird Hollinger wegen ihren Beziehungen zu den alten, er­fahrenen Herren sogar spöttisch ­«Marianne Marionette» genannt.

Sie kennt die Sprüche – und lacht darüber. «Wenn hier jemand die Fäden in der Hand hält und die Geschäfte kennt, dann bin ich das», sagt sie. Man merke in einem Gespräch doch schnell, ob jemand seine eigene Meinung vertrete oder nur einem an­deren nachrede.

Auf alles eine Antwort

Die Landrätin hat auf alles eine Antwort. Wer in den vergangenen Tagen und Wochen ihre Statements in der «Basler Zeitung», in der «Basellandschaftlichen Zeitung» und im «Wochenblatt» las oder Telebasel sah, merkte schnell: Marianne Hollinger weiss genau, was sie sagen muss  – und vor allem auch wie. Sie spricht viel, holt aus, redet und redet, aber sie kommt immer wieder auf ihre «Kernbotschaft» zurück – wie es im Medien­geschäft so schön heisst: Ihre Gegner hätten ein Komplott geschmiedet, das nach ihrer Wiederwahl bald wieder Vergangenheit sei.

Hollinger spielt den Konflikt kon­sequent herunter. Ihre Gegner glauben allerdings nicht, dass das Problem bei einer Wiederwahl gelöst ist. Darum ­haben SP, SVP und CVP einen Gegenkandidaten gesucht und gefunden: die SP-Gemeinderätin Silvia Büeler. Büeler gibt sich ganz anders als Hollinger: selbstbewusst, aber zurückhaltend, eher kurz in den Voten, teamorientiert und bescheiden. Ihr grösster Trumpf ist aber ihre Akzeptanz im Gemeinderat. Sie ist deshalb überzeugt, ein besseres Blatt in den Händen zuhalten als die amtierende Gemeindepräsidentin.

Marianne Hollinger dagegen ist sich ihres Sieges sicher und beschäftigt sich bereits mit der Zeit nach dem 17. Juni. Sie ist überzeugt, dass die neue FDP-Gemeinderätin Sabrina Häring schafft, was die vier Mediatoren vorher nicht geschafft haben: die Dynamik im Gemeinderat positiv zu verändern. «Wir werden nach der Wahl so rasch wie möglich alle wieder an einem Strick ziehen», sagt Hollinger.
Zweifel daran hat Silvia Büeler. Die Kritik sei keineswegs nur dem Wahlkampf geschuldet, sondern wesentlich älter. Sollte es zu einer Wiederwahl von Hollinger kommen, sagt Büeler, «wird sich nichts ändern».

Aesch hat ein Problem, bigott.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 08.06.12

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