An der jurassischen Riviera

Die Ruhe in der Vallée de Joux löst die Zeit auf und lässt die Besucherin bei Wein, Fisch und Glacé wie in Italien in Träumereien verfallen.

Diese Ruhe: In der Vallée de Joux lösen sich Minuten in Stunden auf.

(Bild: Muriel Gnehm)

Die Ruhe in der Vallée de Joux löst die Zeit auf und lässt die Besucherin bei Wein, Fisch und Glacé wie in Italien in Träumereien verfallen.

Irgendwann hat sich die Strasse ausgekurvt. Vor uns liegt schlank ein See, der im Mondschein schimmert. Der Lac de Joux. Und weil es so hell ist in dieser Sommernacht, sind sogar die Tannenwälder und Felsen am anderen Ufer zu erkennen, die mich jedes Mal an eine Reise durch Finnland erinnern, wo wir in den Zugwaggons auf blossem Boden schlummerten, wie es damals alle Interrailer taten.

Heute hat mich eine gute Freundin mit ihrem VW-Bulli abgeholt. Diesen stellen wir nun auf einer Wiese am Wasser ab und öffnen eine Flasche Rotwein. Vom Restaurant du lac in Le Pont wehen die Stimmen der letzten Gäste herüber. Ansonsten ist es still in der Vallée de Joux, einem abgeschlossenen Hochtal auf rund 1000 Metern über Meer im Schweizer Jura. Und bald schon wird unwichtig, was uns vorher noch drängte. Die Minuten lösen sich in Stunden auf, die Zeit wird bedeutungslos, weil uns bereits die Ruhe dieses Tals erfasst hat.

Und dies an einem Ort, der von der Zeit lebt. Rund 20 Uhrenmanufakturen gibt es in der Vallée de Joux. Seit zwei Jahrhunderten dreht sich dort alles um Präzision. Während die Bauern im Sommer alle Hände voll zu tun hatten, mussten sie sich für die harten Winter etwas einfallen lassen – und wurden so für sechs Monate zu Uhrmachern. Noch heute ist das Tal weltweit für seine Uhrmacherkunst bekannt: Viele der begehrtesten Uhren, wie etwa jene von Breguet oder Audemars Piguet, werden hier hergestellt.

In luftiger Höhe mundet sogar ein Chasselas

Am nächsten Morgen kitzelt uns die Sonne wach, die schräg in den Bulli fällt. Statt unter die Dusche hüpfen wir in den Lac de Joux und holen uns danach Brötchen in der Bäckerei in Le Pont und Picknick für die Wanderung. Vom Col de Mollendruz geht es auf den Mont Tendre, der mit seinen 1679 Metern der höchste Gipfel im Schweizer Jura ist. Es duftet nach Harz, der Waldboden ist weich wie eine Wolldecke, und ein weisser Schmetterling flattert vor uns her, als möchte er uns den Weg weisen.

In der Buvette du Mont Tendre flüchten wir ins Innere, wo die Temperatur im Vergleich zur Betonterrasse auszuhalten ist. Ein Sponsor für Sonnenschirme ist in dieser hintersten Ecke der Schweiz wohl noch nie durchgekommen. Wir bestellen zwei Ballons de Chasselas und einen Tomme de vache nature – die Hitze hat den Hunger ausgelöscht.

Den Abstieg auf den Col de Marchairuz nehmen wir beschwingt unter unsere Sohlen und stellen erstaunt fest, dass in luftiger Höhe sogar ein Chasselas munden kann. Es ist aber auch die Lieblichkeit dieser Landschaft, die unsere Laune hebt. Unberührte Natur, sanft in ihrer Wildheit – man bekommt Lust, seinen Schlafsack zwischen den Tannen auszurollen und nach einem ausgedehnten Picknick mit Blick in den Sternenhimmel einzuschlummern.

Wenn der Glace-Wagen klingelt

Unsere Schlafsäcke liegen jedoch im Bulli unten im Tal. Dort, wo der See blau leuchtet zwischen Wäldern und Feldern, als wäre er ein einziger grosser Swimmingpool. Später planschen wir im Wasser, bis unsere Körper wieder Normaltemperatur erreicht haben. Pünktlich zur blauen Stunde leuchten die Lämpchen an Le Ponts Seepromenade auf und tuckern die letzten Angler mit ihren Booten in den kleinen Hafen zurück.



Und dann kommt auch noch der Glacé-Wagen – wir werden gern hierher zurückkehren.

Und dann kommt auch noch der Glace-Wagen – wir werden gern hierher zurückkehren. (Bild: Muriel Gnehm)

Wir bestellen frischen Fisch im Restaurant du lac, blicken aufs Wasser und vergessen zu reden. Irgendwann jedoch heben wir das Glas – auf viele weitere Ausfahrten in die Valée de Joux! Da durchbricht eine Klingel unsere Träumereien. Auf der Seepromenade dieses abgeschiedenen Ortes taucht ein Glace-Wagen auf, vor dem sich eine Schlange bildet. Marroni-Eis. Meringue-Eis. Selbstgemacht. Abends um 20.30 Uhr. Sind wir wirklich noch in der Schweiz?

 

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